Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-10-31 · Heft 87 (31.10.1900) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 87 (31.10.1900)
Date
1900-10-31
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449129--51864-2502475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

...1 ~k!> -fflV -u . '.I ,;.VK-.1vg».l;r- ^.. 4L Jahrgang. Zweite Aeikage zu Jfs 87 des -Hsraekit". Leitender Artikel. Knicht an die deuWeWIfsKiimttts öder XlrNaitzlag« »kl iMSnIslheaIadrn n. die stNhrrizk Allst. (Erstattet vom frankfurter Hilfskomitee.) Frankfurt a. M., 29. Oktober. Bor vier Monaten haben wir zum ersten Male unsere Freunde zur Linderung der Noth unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Rumänien aufgerufen. Seither sind die Verhältnisse nicht besser geworden. Bekanntlich hak zwar der Regierungswechsel einen humanen nach Gerechtigkeit strebenden Mann, Herrn Earp, an die Spitze des rumänischen Ministeriums gebracht, ihm zur Seite stehen einige Gleichgesinnte. Allein das System, ivelches in Rumänien herrscht, zu ändern, Menschlichkeit und Gerechtigkeit walten zu lassen, die unsägliche Unbill, den Jahrzehnte dauernden Rechtsbruch gegenüber der jüdischen Bevölkerung Rumäniens gut zu machen, dazu fühlt sich offenbar das Ministerium außer Stande. Kleine Mittel, gewissermaßen winzige Abschlagszahlungen, sucht man anzuwendcn, um das Vertrauen Europas zu den guten Absichten des rumänischen Staates wieder zu gewinnen, was ja namentlich für die Regelung der rumänischen Finanzen von der größten Bedeutung ist. Das System aber ist dasselbe geblieben. Was nutzt es, wenn jetzt endlich den jüdischen Gemeinden die Korporationsrechte verliehen werden, was nutzt es, daß der Minister seinen Präfekten anempfiehlt, in der Befolgung des Verbots gegen Niederlassungen Fremder auf dem Lande nachsichtig zu sein? Dem Grundübel ist doch damit nicht abgeholsen, daß außer den paar hundert naiuralisirten Juden die übrigen rechtlos, der Willlür jedes einzelnen Gendarmen ausgesetzt, von den Gesetzen als Parias gekennzeichnet, von der Bevölkerung als solche gehaßt und verachtet und in der Möglichkeit des Erwerbs nach wie vor geschädigt sind. Solange ihnen nicht das durch den Berliner Vertrag verbriefte Recht auf vollständige Anerkennung ihres Staatsbürgerthums gewährt wird, solange man den von der Regierung durch Jahrzehnte geforderten und genährten Vorurtheilen der Bevölkerung nachgibt und ihr immer neue Opfer bringt, solange dauert das Elend fort. Es bleibt ein schleichendes Nebel, dem jahraus jahrein Tausende zum Opfer fallen müssen. „Die Sache der rumänischen Juden ist die Sache des Rechts und der Menschlichkeit." Würde das rumänische Ministerium mit starker Hand dem Recht zum Sieg verhelfen, dann würde den rumänischen Juden geholfen sein. Wir könnten sie dann ruhig, da sie eine tapfere, arbeitssame, ihr Vaterland trotz aller Verfolgung liebende Bevölkerung bilden, ihrem Schicksale überlassen; sie würden sich selber auf Helsen können und im freien Wettbewerb der Kräfte würden sie ihrem Baterlande u. dem allgemeinen Wohl die größten Dienste erweisen und einen nützlichen Theil der Bevölkerung bilden. Solange dies aber nicht der Fall ist, muß die Hilfsthätigkeit fortdauern; das ist Allen, die mit dieser Frage sich beschäftigen, vollkommen klar, und deßwegen müssen die Comitees unausgesetzt die begonnene Thätig Eit sortentfalten. An erster Stelle gebührt dem europäischen Cen- Eal-Eomitee der wärmste Dank für sein unausgesetzt uiuthiges Eintreten für die Unglücklichen. Diesem Central EvllkUee, ivelches in einer Ende Juni d. I. stattgehabten Versammlung von den Delegierten der größeren europäischen jüdischen Wohlthätigkeits-Jnstitutionen gebildet wurde, gehören Männer aus Deutschland, England, Frankreich, Italien, Oesterreich- Ungarn, Belgien und Holland an, und Alle wirken harmonisch für das gemeinsame Werk der Menschlichkeit zusammen. DaS Eentral-Eomitee hat mehrere Delegierte in Rumänien, welche die Ortschaften bereisen und die augenblickliche Roth zu stillen suchen! — Viele, viele Tausende sind thaisächlich dem Verhungern ausgesetzt. Man errichtet, wo es nur möglich ist, Volksküchen, beschafft die nothwendigsten Kleider und ein Lager für die Nacht; man gründet Leihlassen, um dem arbeitenden Handwerker, dem kleinen Krämer die Mittel zum weiteren Erwerb zu gewähren, man sorgt für Handwerkszeug: man begründet in den Gemeinden Comitees für Wohlfahrtseinrichtungen; man sucht ihr Selbstbewußtsein und ihr Vertrauen zu stärken. Rührend ist bei allem Elend die tapfere Treue, welche die Aermsten ihrem Glauben bewahren. Nur selten lassen sich einige Wenige unter dem Drucke der Noth zum Abfall bewegen; das Bewußtsein, für ihre Ueberzeugung, für Wahrheit und Recht zu leiden, stützt die Unglücklichen und erhebt sie weit über das Niveau derer, die um materieller Vortheile willen, um Ehrenstellen und um äußeren Glanz das Opfer ihrer Ueberzeugung bringen und in die Reihe ihrer Bedrücker eintreten. Die Versuche, die rumänische Regierung selbst zur Besserung der Lage zu bewegen, an ihre Einsicht und an ihre Menschlichkeit zu appelliren, werden fortgesetzt. Unser Vertrauen, daß das Recht schließlich siegen, der die Unglücklichen aufrecht haltende Optimismus, daß die Kultur trotz aller Rückschläge vorwärts gehen wird, verläßt auch uns nicht, und wir schreiten auf dieser Bahn unentwegt fort.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.