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Der Israelit · 1900-10-31 · Heft 87 (31.10.1900) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 87 (31.10.1900)
Date
1900-10-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
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ziehen. Die Herren sind bereits Samstag hier angetoiiimen. Var dein Eingänge zum Gerichtshause stand heute Morgen die alte Hruza, die wohl als Zeugin bereits vom Gerichte entlassen lvorden war, in einem großen Kreise von Weibern, deren Mitleid mit der alten Frau sich in den verschiedensten Ausdrücken kundgab. In Folge des verspäteten Eintreffens mehrerer Geschworener konnte die Verhandlung erst um %9 Uhr eröffnet werden. Der Vorsitzende, Kreisgerichtspräsident Winter, gibt bekannt, daß den Anträgen des Staatsanwaltes auf Vorladung von Zeugen, die aussagen sollen, ob die Kleider der Hruza, von welchen Dr. Baxa behauptete, daß jetzt mehr Blut an ihnen zu sehen, sei als früher, unverändert seien oder nicht, Folge gegeben wurde. Diese Zeugen sind der Untersuchungsrichter B a udisch von Kuttenberg, der Schriftführer in der Schwurgerichts-Verhandlung von Polna, K o risch i t s ch , die Professoren Reinsberg und M e i n d l, der Gendarmerie-Postenführer K l e n o - v e c, die Aerzte M i ch a l e k und P r o k s ch. Landesgerichtsrath Reichend ach und Gendarm N e m e c werden nicht vorgeladen, weil der Staatsanwalt auf ihre Einvernahme verzichtete. Der Präsident theilt weiter mit, daß B r e - tisch erkrankt sei und deshalb nicht kommen werdeer verliest das von einem Arzt ausgestellte Krankheitszeugniß und stellt die Frage, ob die Vertheidigung auf der Einvernehmung dieses Zeugen bestehe. — Verteidiger Dr. Aurednicek: Ich kann auf den Zeugen unter keinen Umständen vrzichten; ich würde aber, wenn es schon nicht anders geht, eventuell damit einverstanden fein, daß Bretisch durch eine Gerichts-Commission einvernommen werde. Der Gerichtshof zieht sich sofort zur Verathung zurück, und nach kurzer Unterbrechung verkündet der Präsident den Beschluß, daß dem eventuellen Anträge der Vertheidigung stattgegeben werde. Die zur Einvernahme des Bretisch zu delegirende Commission habe den Zeugen zu beeiden und über sämmtliche Angaben zu befragen, welche am Samstag die Zeugin Huber machte. Es wäre allerdings wünschenswerther gewesen, den Bretisch persönlich einzuvernehmen, aber da seine Krankheit wirklich dargethan ist, mutzte von seiner Vorladung Abstand genommen werden. Nachschrift. Als Zeuge wird Peter P e s ch a k vorgerufen, ein Mann von Mittelgröße, fünfzig Jahre alt, Schlaffer. Die Eltern Hilsner's haben jahrelang bei ihm gewohnt. Er spricht mit lauter, den Saal durchhallender Stimme, in einem Tonfalle, der auch für die geringste Kleinigkeit den Eindruck vollster Ueberzeugung für dieses Detail erwecken soll. Der Zeuge trägt die Militär-Medaillen. „Kein Mensch in ganz Polna". erzählt der Zeuge, „hat beim Gehen den Stock so in der Hand getragen und mit ihm geschlenkert wie Leopold H i l s n e r. Am 29. März, um 4 Uhr Nachmittags, ich hatte gerade meine Wanduhr aufgezogen, ging ich nach dem eine halbe Stunde entfernten Dobroutow, die Sonne schien nicht mehr, aber es war noch hell. — P r ä f.: Am 29. März geht die Sonne um 6 Uhr 20 Minuten unter. — Zeuge: Ich besuchte unterwegs einen Tischler; als ich ihn verließ, wies die Kirchtburmuhr gerade auf 5 Uhr. Von der Wiese aus sah ich oben beim Walde einen Mann, auf einen weißen Stock gestützt, stehen, der gegen die Stadt schaute, schärfer hinsehend, gewahrte ich zwei Juden dort stehen. P r ä s.: Was sahen Sie von den Beiden? — Zeuge: Es waren fremde Juden. — Präs.: Wieso gerade Juden? — Zeuge: Nun, ich dachte so. — Präs.: Wie waren die Zwei gekleidet? — Zeuge: Einer hatte gut paffende Kleider, der Andere weniger gute. — P räs : Mas hatten sie für Hüte auf? — Zeuge: Einer trug einen schwarzen harten Hut. — Präs.: Das sahen Sie auf diese Entfernung? — Zeuge: Ja. — Präs.: Nun, und der Dritte? — Zeuge: Das war Hilsner. — Präs.: Wie wußten Sie das? — Zeuge: Er machte eine militärische Wendung und schlenkerte so mit dem Stocke, wie es nur Hilsner that. — Präs. : Nun und dann? — Zeuge: Dann lief Hilsner zu den Beiden und sprach mit ihnen; ich ging dann meiner Wege. Die Frage, weshalb Zeuge lange Zeit von dem, was er gesehen, nichts erzählt habe, beantwortet Peschak damit, daß er damals viel für Juden arbeitete und, wie sich jetzt zeige, mit Recht fürchtete, um die Arbeit zu kommen. Präs.: Auf wie weit schätzen Sie die Entfernung von Ihrem damaligen Standpunkt bis dort, wo Sie Hilsner gesehen hatten? — Zeuge: Auf sechshundert Schritte. — Präs.: Die Aufnahme nach der Katastralmappe gibt aber diese Entfernung auf achthundertneunzig Schritte an. — Zeuge: Das ist absolut unmöglich. — Dr. Baxa: Sie sprechen von Verfolgungen. Haben Sie nicht einen Brief bekommen? — Zeuge: Ja, am 3. Juli. Ich übergab den Brief unserem Bürgermeister, der ihn an den Redakteur Schwer nach Wien schickte. Ich wurde bald darauf von unserem Gerichtsrath N e i ch e n b a ch diesbezüglich einvernommen. Bitte, hier ist eine Copie. Es entsteht die formale Debatte, ob diese Copie verlesen werden soll, was endlich mit der Zustimmung der Vertheidigung geschieht. In diesem Brief wird Peschak von einem Anonymus aufgefordert, sich nicht verhetzen zu lassen und als gewissenhafter Mensch auszutagen. es werde sein Glück sein, wenn er so aussagen wolle. Er werde am 8. Juli nach Wien, Roßau, Porzellangasse 13, kommen. — Der Zeuge erzählt dann in näselndem imitirenden Tonfall zum Gaudium eines Theiles des Auditoriums, wie er jetzt von den Juden gehänselt werde. Dem Vertheidiger Dr. Aurednicek antwortet der Zeuge auf eine Frage: „Das ist eine Dummheit!" Der Präsident vermahnt den Zeugen ernstlich.

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