Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 87 (31.10.1900)
- Date
- 1900-10-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1780 werden. Hat doch bereits Herzl. so wird man uns erwieder,,, in seiner für die genannte Bewegung grundlegenden Broschüre „Der Judenstaat" gnädigst gestattet, daß auch Rabbiner mit nach Palästina ziehen dürfen, allerdings mit der Bedingung, daß sie in die Synagogen gesperrt werden müßten, damit wir nur ja nicht am Ende wieder einen theokratischen Staat, d. i. einen solchen Staat, in dem cytott allein herrscht, erhielten. Aber wir besitzen heute eine wichtige Urkunde, die unsere obige Behauptung auch von Leuten, die seither diese Thatsache anzweiselten, als wahr erscheinen lassen muß. Mar Rordau hat vor .Kurzem ein Trauerspiel geschrieben, in dem er die psnchologischen Motive des Zionismus der lauschenden Welt vorführt.*) Der Inhalt des Stückes ist in kurzen Worten ungefähr der folgende: Der Sohn des angesehenen jüdischen Bankiers Jonas Mayer Moses wächst in einer Zeit heran, in der das Rischus vom Erdboden verschwunden zu sein scheint. Er ist sehr reich, er hat den deutsch-französischen Krieg mit Auszeichnung mitgemadjt, die vornehmsten Hauser stehen ihm osten und es tritt das ein, was unser großer Lehrer Moscheh unserem Volke schon vor Jahrtausenden vorausgesagt hat: „Wajischman Jeruschun wajiwott." Der schützende Mantel der Glaubenstreue, den der rauhe Wind der Jahrhunderte nur immer enger um die Schultern legte, die warme Sonne der Toleranz bewirkte, daß er lästig und zuletzt abgelchüttelt wurde. Males läßt sich taufen, er heißt nunmehr Justus Christian Moser, wird Geh. Kommerzienrath und heirathet Emma von Quincke, die Tochter eines alten Generals und Schwester des Superintendenten Leberecht von Quincke. Sechsundzwanzig Jahre lang geht Alles schön und gut. In dieser Zeit sind aber die Kinder des Moser'schen Ehepaares, zwei Söhne und eine Tochter, herangewachsen und mit ihnen der immer mächtiger werdende Antisemitismus. Das Töchterchen Christine verliebt sich in den Privatdozenten Dr. Leo Kohn und er in sie. und nun beginnt der Konflikt. Um ihre jüdische Abstammung möglichst vergeffen zu machen, sind die Söhne Moser's stramme Antisemiten und lehnen sich gegen eine Verbindung ihrer Schwester mit einem Kohn mächtig auf. Der Superintendent, ein Fanatiker, hetzt seine Schwester aus seinen wankelmütbigen Schwager und Kohn fällt im Duell mit einem seiner Schwäger in spe So weit die Fabel. Wir haben nun hier nicht zu untersuchen, ob Herrn Nordau, soweit dies bei einem Tendenzstück überhaupt möglich, das Ertcnncn und Heraussinden des dramatisch Wirksamen gelungen, ob es der Verfasser verstanden, die Kämpfe der Juden gegen die sie umfluthende Welt für die Bühne erfolgreich umzuwandeln. Kritik und Publikum haben das bereits entschieden, indem sie das Stück bei seiner ersten Aufführung ablehnten. Wir interessiren uns *) T öfter Kohn, Bürgerliche- Trauerspiel auder Gegenwart von Mar Rordau,IBerlin, Ernst Hofmann u. Co. hier nur für die Tendenz, die dem Werke innewohni und da tritt zunächst die Frage an uns heran: Warum läßt sich Kohn. der erklärt, daß er keinen Glauben habe, nicht taufen, um damit das Stück in allgemeines Wohlgefallen aufzulösen? Das erklärt er uns durch folgende Rede: Kohn: Dieses ersehnte Einswerden mit unseren Landgenossen ist nicht zu erreichen. Wir können es uns einbildcu, aber die Andern lachen uns einfach aus, wenn sie merken, daß wir es uns einbilden. Und lvenn man uns trotzdem nahelegt, uns taufen zu lassen, so geschieht es nicht in der Absicht, uns als Brüder auszunehmen, sondern um sich grausam an unserer letzten Schmach, an unserer letzten Selbstschändung zu weiden. Man will uns wie Hunde auf den Pfiff über den Stock springen lasten. Das ist ja mein Grimm. Auf der Schule, im Regiment, auf der llniversität wird uns die Liebe zum deutschen Vaterlande, der Stolz auf unser Deutschthum, die Begeisterung für die deutsche Vergangenheit und alle Großtbaten des deutschen Geistes und der deutschen Faust ancrzogen, und wenn wir dann in's Leben hinaustreten, deutsch bis zu den Fingerspitzen, deutsch in Allem, was wir lieben und hasten, stößt man uns plötzlich hart zurück und ruft uns höhnisch zu: ibr seid keine Deutschen und es gibt für euch kein Mittel, Deutsche zu werden: Fremde seid ihr, Fremde bleibt ihr ewig. Was sind wir denn? Unsere jüdische Seele nimmt man uns durch die Erziehung und den Unterricht und die deutsche Seele, die man uns einhaucht, dürfen wir nicht ausleben. Das ist das große Verbrechen, das man an uns begeht. Man macht uns unserm eigensten natürlichen Wesen abtrünnig. man zieht uns ein fremdes an und läßt uns dann fühlen, daß cs eine Verkleidung ist, durch die wir uns lächerlich machen. — Moser: Ja, was möchten Sie eigentlich? Daß die Juden in's Ghetto zurückkehren? — Kohn: Untreue gegen uns selbst und Haß und Verachtung der Anderen machen unfreier, als es Ghettomauern können. — Moser: Das ist ja das Aenßerste an Kulturfeindlichkeit, was ich je gehört habe! — K ohn : Die höchste Kulturfeindlichkeit ist, ein begabtes Volk sich selbst zum Ekel und Gespött zu machen und es von jeder Entwickeluugsanstreugung zu entmutigen. &etauft ober ungetanst ist der Jude gegenwärtig Helote und durch sein Helotenthum zu allen Helotenlastern verurtheilt. Er muß wieder er selbst werden. Das ist feine einzige Rettung. Stößt der Arier den Semiten zurück und schließt ihn vom arischen Vollmenschenthum aus, so muß der Semite als Jude ein ganzer Mensch zu werden suchen. Und zum ganzen Menschen gehört auch ein eigenes Bollsbewnßtsein, das man vor sich selbst und vor den Anderen bekennt. — Moser: Haben Sie kein Volksbewußtsein? Fühlen Sie sich nicht als Deutscher? — Kohn: Was hilft mir das,