Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 87 (31.10.1900)
- Date
- 1900-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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41. Jahrgang. JIT87. Her Israelit. I Ein GenLrat-Hrgan für das orthodoxe ZudenLhum. Begründet von Dr. fe^mattn in IRtftins. Mittwoch, den 31. Oetober 5661 (19««). Leitender Artikel. Ein zionistisches Trauerspiel. Mainz, 30. Oktober. Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, dem werden gar viele Anzeichen nicht entgangen sein dafür, daß es in der Absicht der göttlichen Vorsehung liegt, uns gerade jetzt die Kraft und Macht, die in unserer heiligen Emunah wurzelt. zu zeigen. Der Antisemitismus hat in Deutschland eine Wandlung durchgemacht, die denen, gegen die die Bewegung gerichtet ist, viel zu denken gibt. Mit dem Antisemitismus als Partei ist es stark bergab gegangen; als Paprika, mit dem Agrarier und andere Leute ihre Saucen würzen, ist dagegen die Judenhetze neuerdings beliebter als je. Man muß diese beiden Arten von Antisemitismus immer auseinander halten. Sie stehen in einem gewissen Gegensatz, insofern nämlich, eine agressive, temperamentvolle antisemitische Parteibewegung die von ihr bedrohten anderen Parteien — Centrum, Conservative, Nationalliberale — zur Abwehr auszurufen pflegt und die Presse der in ihrem politischen Besitz Bedrohten zum Kampf gegen antisemitische Behauptungen und Meinungen ausrust. Seit einigen Jahren ist aber die antisemitische Partei stark entmuthigt — eine Erscheinung, die schon einige Male hervorgetreten ist — und seitdem ist der „latente" Judenhaß der Agrarier und anderer Gruppen mehr an die Oberfläche gekommen. In gleichem Maße hat in den letzten Jahren der Antisemitismus im Beamtenkorps Wurzel gefaßt. In dem Minister von Rheinbaben ist der erste Schüler aus der antisemitischen Epoche in ein Centralamt gekommen. Man muß damit rechnen, daß diese Entwickelung fortschreiten wird. Je mehr ältere Minister abgehen, je mehr jüngere Leute aus den akademischen Jahrgängen 1878 bis 1890 in die oberen Aemter gelangen, desto antisemitscher wird die Verwaltung in Preußen werden. Der Antisemitismus hat in jenen Jahren gerade die Universitätsstädte bearbeitet und schon die oberen Klassen der Gymnasien in Anspruch genommen und leider mit Erfolg. Die politische Entwickelung steuert zwar in Deutschland unverkennbar auf eine Verstärkung des Volkseinflusses los, und die agrarische Agitation selbst muß dazu dienen, den Einfluß der Parlamente zu stärken, den bureaukratischen Einfluß zu verringern. Aber die Wirkungen dieser Faktoren liegen noch in der Zukunft; einstweilen kommt jetzt eine Generation an -die Reihe, die zum „Uebermuth der Aemter" neigt. Die antisemitische Fluthwelle, die jetzt in der preußischen Verwaltung hervortreten wird, dürfte also auf die Behandlung jüdischer Fragen und Personen eine erhebliche Wirkung äußern. Während nun der strenggläubige Jude dem früheren Gassenantisemitismus wie dem jetzigen Salonrischus gegenüber stets seinen festen, unerschütterlichen Standpunkt eingenommen, das ist der Jahrtausende alte bewährte Standpunkt der Zuflucht zum Hüter Israels, läßt sich das halb- und ungläubige Judenthum von jedem Windhauche hin- und herstoßen und es ist für den objectiven Zuschauer interessant zu beobachten, welche Sprünge es dabei macht. Die Halbgläubigkeit erfindet den Judentag, der ihr aus aller Noth helfen soll, der Unglaube sucht im Zionismus das Ersatzmittel, das dessen Chemiker an Stelle des vom Himmel gereichten Manna setzen wollen. Daß der Zionismus eine Herberge für diejenigen ungläubigen Juden sein soll, die aus Trotz oder unserethalben auch aus Mangel an Charakterlosigkeit nicht äußerlich den Mantel eines anderen Glaubens umhängen wollen, das ist uns schon oft bestritten worden und wird auch gewiß diesmal wieder in jener vornehmen Schreibweise, die die Organe des Zionismus als ihren besonderen Vorzug betrachten, bestritten