Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1900)
- Date
- 1900-10-29
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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1774 Verbrechens, die Blulthat selbst in den Hintergrund drängen. Das Publikum des Gerichlsfaales, dessen Zahl und Uebergriffe täglich wachsen, hat bereits sein Urtheil über den Thäter und seinen Beweggrund gesprochen und übt nur von diesem Standpunkte aus Kritik an dem Beweisverfahren. Die vielen Einzelheiten, welche beweisen könnten, daß der Jndicienbeweis der Anklage nicht lückenlos ist, werden nicht beachtet, und man hat Mühe, bei der ziemlich lauten und zwanglosen Unterhaltung des Publicums genau zu erfassen, was auf der Estrade gesprochen wird. Nur wenn die Zeugen vom Schächtermesser zu reden beginnen, wird es für kurze Zeit stiller, und dann kann man ganz deutlich die zwifchenrufe des Journalisten Hufchek hören, der diese Phasen der Verhandlung mit Ausdrücken begeisterter Zufriedenheit begleitet. Der Angeklagte sieht, hört und fühlt, wie diese Stimmung um sich greift, und hat ganz seine Ruhe verloren. Bei der Konfrontation mit den Zeugen benimmt er sich sehr aufgeregt und widerstreitet in leidenschaftlichen Worten jeder Depositiou. Dieses System verleitet ihn bewußt oder unbewußt dazu, auch solche Einzelheiten zu leugnen, deren Tyatsächlichkett unwesentlich ist und die er in früheren Verhören selbst bereits zugegeben hat. Die Aussagen der Zeugen lauten immer unbestimmter und allgemeiner, und keine der jetzigen Angaben deckt sich mit den protokollarisch vorliegenden früheren Depositionen derselben Zeugen. Die Folge dieser Haltung der Zeugen, welchen der ungewöhnlich lange zeitliche Zwischenraum zwischen der Auffindung der Leichen und der gegenwärtigen Verhandlung zu statten kommt, sind endlose Konstatirungen aus den Akten, welche wohl unvermeidlich sind, aber nur ermüden, ohne bei der erdrückenden Fülle des Materials aufklärend zu wirken. Die unerträgl che Stickluft im Saale, die Anwesenheit von wenigstens achtzig Zuhörern — es war das anfängliche Programm, nie mehr als vierzig Personen zuzulassen — tragen das Ihre bei, die Aufmerksamkeit zu schwächen. Schon wird die für den Journalistenraum gezogene Grenze vom Publikum vielfach nicht beachtet, und wenn insbesondere Journalisten deutscher Zunge die dichtgestaute Menschengruppe bei der Eingangsthür zu passiren haben, bedarf es oft genug ziemlicher Energie, um sich einen Weg zu bahnen. Die heutige Verhandlung hat sieben Stunden in Anspruch genommen. Sie begann um halb 9 Uhr Morgens und währte mit einer halbstündigen Unterbrechung bis 4 Uhr Nachmittags. Bis 1 Uhr Nachmittags findet sich nicht allzu viel Auditorium ein. und erst von da ab wächst die Zahl der Zuhörer von Minute zu Minute. Heute wurden zumeist gewesene Kameraden des Angeklagten einoernomnun. Sein Verkehr mit ihnen läßt darauf schließen, daß Hilsner nie allzu viel Hang zur Arbeit gezeigt hatte. Es sind Genossen vom Kartenspiel und Genossen seiner Liebesabenteuer, die keinen überaus Vertrauen erweckenden Eindruck machen. Einige duzen ihn. Die Blutktage, die gegen Hilsner erhoben wird, hat wenigstens die äußerliche Seite des früher bestanoenen Verkehres nicht berührt. Den Anfang in der Rühe der heute vernommenen 17 Zeugen macht ein Sträfling, Vincenz Selinger, im grauen Sträflingskleide. Ein Gensdarm, die Pickelhaube auf dem Kopfe, das Gewehr mit gepflanztem Bajonnet in der Balance tragend, schreitet hinter ihm. Natürlich unterbleibt die Beeidigung dieses Zeugen. Er und die beiden nächste; Zeugen erzählen von den Kartenpartien, insbesondere von dem Kartenspiel, mit welchem sie sich am 29. März auf dem Katharinenberg unterhielten. Auch berichten sie über die Promenaden im Städtchen Polna, wobei der Staatsanwalt wiederholt sein Interesse dafür bekundet, ob Hilsner ein Freund des schönen Geschlechtes gewesen sei; Alle bestätigen dies mit Nachdruck. Aus dem Zeugenverhör sei folgendes mitgetheilt: Schustergeselle Wessely ist ein Kamerad des Angeklagten, ein magerer, blasser Bursche, in einem dunklen, stark abgetragenen Anzuge. Er erzählt: Vor mehr als zwei Jahren hatte Hilsner eine Rauferei, bei der er verletzt wurde. Tags darauf sagte er mir, er trage jetzt immer ein Messer bei sich. Hilsner öffnete dann seinen Rock und ich sah in seiner Brusttasche ein Messer stecken, dessen Klinge zum Theile in etwas eingewickelt war. — Präs.: Worin? — Zeuge: Daß weiß ich nicht. — Präs.: Wie lang war das Messers — Der Zeuge erhält ein Centimetermaß in die Hand und sagt dann: Dreißig Centimeter. Er fügt hinzu: Das obere Ende des Schächtermessers war abgerundet. — Vertheidiger Dr. Aurednic ek: Bei ihrer Einvernahme in Polno schilderten Sie aber dies Messer als gewöhnliches Küchenmesser? — Zeuge: Ja, dort hat mich der Richter so angeschrien, als ich „Schächtermesser" sagte, und verlangte, ich solle „Küchenmesser" sagen. — Journalist Huschet: Aha! — Zeuge (fortsetzend): Rach der Entdeckung des Mordes bin ich zu Hilsner gegangen und habe ihm, da das Gerücht ihn als Thäter bezeichnet^ gesagt: „Leopold, wenn Du es warst, so gesteh' es ein!" Er aber antwortete: „Ich habe es nicht gethan." Ich forderte ihn dann auf, mit mir auf den Friedhof zu gehen und dort die Leiche der Hruza zu besichtigen, was er auch that. — Vertheidiger Dr. Vodicka: Sie sagen, Gerichtsrath Reichenbach habe Sie angeschrien. (Mit erhobener Stimme): Sie haben aber doch mit Jemanden in Polna gesprochen, der Sie nicht angeschrien hat, und dem Sie auch erzählten, sie hätten bei Hilsner ein Küchenmeffer gesehen. Das war der Gendarm