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Der Israelit · 1900-10-29 · Heft 86 (29.10.1900) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 86 (29.10.1900)
Date
1900-10-29
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1773 Vormittags beim ersten Extempore Dr. Pewny's auf dem Gebiet des Ritualmordes, welches nur Lächeln hervorgerufen hatte, konnte man hoffen, solche Zwischenfälle würden vereinzelt bleiben. Aber schon das Verhör der ersten Zeugen gab die Gewißheit, daß die antisemitische Agitation, je schwächer ihre Position durch das Gutachten der medizinischen Fakultät geworden, desto mehr Terrorismus ausüben werde, um die öffentliche Meinung wieder sur sich zu gewinnen. Und noch Eines hat das Verhör der ersten Zeugen klar bewiesenes werden jetzt von Zeugen Details angegeben, welche früher auch nicht einmal angedeutet worden sind und geeignet erscheinen sollen, die Fakultäts-Gutachten zn paralysiren. Noch vermag der Präsident d n ruhigen Gang der Verhandlung aufrecht zu erhalten, aber schon macht sich ein bedenkliches Eingreifen des Auditor-ums bemerkbar, und wieder war er der czechisch-antisemitische Journalist Namens Huschet, der wie in Kuttenberg durch Zurufe und Zwischenrufe das Signal zum Beginne dieser Ncbenjustiz gab. Sein Beispiel wirkte namentlich auf den weiblichen Theil des Auditoriums und erzeugte bald lebhaften Rapport zwischen Estrade und Parterre. Die Zeugen antworteten den Vertheidigern mit offenbarer Geringschätzung, und ein Zeuge hatte die Kühnheit, dem Vertheidiger Dr. Vodicka das Wort „Lüge" zuzurusen — ein Beginnen, das natürlich ein gerichtliches Nachspiel im Gefolge haben wird. Die Privatvertreter werden den Antrag auf Exhumirung der Leiche der Klima stellen, um zu konstatiren, ob die Halswirbel dieses Skelets unverletzt sind. Der Umstand, daß Dr. Baxa heute bei der Vorweisung der Kleider der H nza erklärt hatte, diese seien jetzt viel mehr mit Blut getränkt als früher — eine sehr deutliche Anspielung auf eine künstliche Vermehrung des aufgesundenen Blutes — wird zweifellos entsprechende Anträge von berufener Seite zur Folge haben, um in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise festzustcllen, daß die Kleider heute in demselben Zustande wie bei der Altsfindung der Leiche sind. Pisek, 27. Oktober. Um halb 9 Uhr Früh begann die Verhandlung unter sehr lebhafter Betheiligung des Publikums, das den verfügba-en kleinen Raum schon bei Beginn bis auf das letzte Plätzchen füllte. Die Aussagen der eisten Zeugen, der Kameraden Hilsner's, wickeln sich sehr langsam ab. Nach diesem Tempo gemesien. müßte der Prozeß wenigstens Monate dauern. Die Zeugen sollen im Detail aussagen, was Hilsner am 29. März 1899 gemacht hat. Die Vertheioigung weist den Zeugen manche Widersprüche zwischen der heutigen und dr Kuttenberger Aussage nach. Es sind natürlich nur kleine Maschen in dem Riescnnetz. De-' Stand der Vertheidiger wird dadurch sehr erschwert, daß die Eonstatirung der Kuttenberger Aussagen sehr lange Zeit für das Hervorsuchen der bezüglichen Acte erfordert, und manchmal erst erfolgen kann, wenn der betreffende Zeuge schon abgetreten ist. Unter den abgelehnten sechs Zeugen befindet sich auch Johann Hruza, der Bruder der ermordeten Agnes Hruza. Nach Eröffnung der Verhandlung theilt der Vorsitzende, Kreisgerichts - Präsident Dr. Ottokar Winter, mit, daß die Rathskammer in einer gestern abgehaltenen Sitzung den Beschluß gefaßt habe, zwei von der Vertheidigung beantragte Zeugen zuzulassen und einzuvernehmen. Die Zeugen seien bereits vorgcladen worden. Der Staatsanwalt Dr. Malijowsky erbittet sich das Wort zu einem Anträge: „Mit Rücksicht ans die gestrige Bemerkung des Vertreters der Privatbetheiligten im Falle Hruza, Dr. Baxa, daß an den Kleidern der ermordeten Agnes Hruza früher nicht so viel Blut als jetzt gewesen sei, beantrage er, alle Zeugen, welche diese Kleider sahen und die inl Vorverfahren einvernommen wurden, nochmals einzuvernehmen, damit sie über den Zustand der Kleider aussagen. Ebenso sollen jene Mitglieder der medicinischeu Fakultät der czechischen Universität in Prag, welche ihr Gutachten über die Kleider abgaben, einvernommen werden, damit dieselben darüber Ausschluß ertheilen, in welchem Zustande sie die Kleider übernommen haben und ob und welche Veränderungen sie an denselben bemerken." Dr. Baxa: Wir sind auch dafür, denn wir wünschen lebhaft, daß die Wahrheit an d n Tag komme. Dr. Aureonicek: Selbstverständlich sind auch wir dafür, denn wir bemühen uns ja noch mit größerem Interesse um die Wahrheit, damit jene fresche Lüge, die während der ganzen Zeit in gewiffen Zeitungen und unter dem Schutze der Immunität noch viel oerber im Parlamente vorgebracht wurde, endlich und gründlich wiederlegt werde. Sodann werden die Zeugen vorgerufen, die heule einvernommen werden sollen, siebzehn an der Zahl, elf Männer und sechs Frauen. Der erste Zeuge ist em Arrestant, an dessen Seite ein Gendarm m Pickelhaube nut aufgepflanztem Bajonnet geht. Bis auf diesen Mann, der wegen Majestäts-Beleidigung in Haft lst, Namens Vincenz Gelinge r, werden alle Zeugen beeidet. Im Anditorium fand sich heute Prinz Karl Schwarzenberg ein. Nach den Erfahrungen des gestrigen Tages kann es nichl wunder nehmen, wenn der Proceß gegen Leopold Hilsner immer mehr in das geheimnißvolle Mckieu des Mordes aus religiösen Motiven getaucht wird und die zwei angeblichen Mitschuldigen den einen Angeklagten, das Motiv des

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