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Der Israelit · 1900-10-29 · Heft 86 (29.10.1900) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 86 (29.10.1900)
Date
1900-10-29
Page
– (sequence 26)
Language
German
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- '--..wy«■ ..jk u,»u ■ , MWW 1772 Hilsner mit ziemlich fester und lauter Stimme. „In allen drei Fällen bekenne ich mich nichtschuldig, nur der Ehrenbeleidigung; an den beiden Morden bin ich ganz und gar unschuldig. Ganz unschuldig," wiedenholt er mit Nachdruck. Der Präsident schreitet sofort zur Erörterung der Frage, was Hilsner am 29. März 1899, dem vermuthiichen Tage der Ermordung der Anna Hruza, gethan habe. Hilsner antwortet mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit, seine Worte überstürzen sich. Ter Bleistift der beeideten Stenographen vermag kaum dem hastig strömenden Redesluffe zu folgen. Immer rascher wird sein Sprechen, und je nachdrücklicher sich der Präsident bemüht, den Widerspruch zwischen den Aussagen der Zeugen und den Depofitonen Hilsner's aufzuklären, desto mehr steigert sich die Aufregung des Angeklagten, der mit den Händen agirt und dann wieder mit den Fingern an seinen Hosen zerrt. Mit besonderer Energie tritt er der verlesenen Aussage des Zeugen Peschak entgegen, der bekanntlich zur muthmaßlichen Zeit des Mordes am 29. März um 5 Uhr Nachmittags Hilsner auf eine Entfernung von 800 Schritt auf dem Thatorte gesehen haben will. Ihren Höhepunkt erreicht die Aussage Hilsner's, als er verhört wird, warum er nach der Verurtheilung durch die Kuttenberger Geschwornen die zwei Juden Wasserm;nn und Erbmann als seine Helfer bei der Blutthat im Walde Brzezina bezeichnet habe. Die Stimme Hilsner's kippt oft um, als ob er in Weinen ausbrechen wolle. „Ich war damals ganz von Sinnen" sagt er, die Worte hervorftoßend; „man stürmte auf mich ein: du wirst lebenslänglichen Kerker erhalten oder aufgehängt werden. Die Todesangst verwirrte meine Sinne, meine Zellengenossen ließen aber nicht ab, mich zu schrecke t und in mich zu drängen, und so bezeichnte ich nach den Aussagen der einvernommenen Zeugen Wassermann und Erbmann als die Juden, die mir geholfen haben." Das Alles sagt er unter stetig wachsender Aufregung. „Ich mußte mir etwas ersinnen, und so erzählte ich in j: einer Dummheit, ich sei ini Walde Brzezina gewesen." Der Präsident zeigte ihm den Stock m t dem gebogenen Griff, den er in seinem damaligen Geständniß als das Instrument bezeichnet hatte, mit welchem die Hruza ermordet worden war. „JaV sagt er, den Stock ergreifend, „ich habe damals diesen Stock bezeichnet, ich hätte es eben o von jedem anderen Stocke gesagt." Die Fragen des Präsidenten nahmen volle zwei Stunden in Anspruch. Es war 5 Uhr geworden und die Dämmerung breitete sich immer mehr über Personen und Gegenstände. Dieses Halbdunkel in solchen Situationen ruft leicht Bewegung und Unruhe hervor, immer undeutlicher wurden Frage und Antwort, und aus dem Auditorium drang allmählig anschwellend das Summen der Conversation. Man hörte nicht mehr auf den Gang des Prozesses und begann diskutiren; da erschien der Saaldiener mit einer brennenden Kerze und ging von Tisch zu Tisch, um die dünnen Lichtspender zu entflammen. Einige Petroleumlampen auf den Tischen des Gerichtshofes und der Vercheidig >ng ergänzten nothdürftig die Beleuchtung des Saales, aber die Bewegung, die in die Versammlung gekommen war. war nicht mehr ganz zurückzudämmen. Das Kreuzverhör des Angeklagten wurde von den Vertheidigern und von den Vertretern der Privatbethei igten ziemlich scharf geführt. Dr. Aurednicek und Dr. Baxa fanden zum ersten Male Gelegenheit, die Waffen zu kreuzen. Auch oie Votanten betheiligten sich nachdrücklich an dem Kreuzverhör. Nur der Staatsanwalt ist bisher stumm geblieben und hat noch mit keinem Wort in die Verhandlung eingegriffen. Um Vs 6 Uhr wurde die Sitzung abgebrochen und auf vlorgen Vs 9 Uhr Vormittags vertagt, da die im Saale herrschende Schwüle und auch die Ermüdung des Angeklagten eine weitere Ausdehnung des Verhörs nicht rathsam erscheinen ließ. Zur Bildung der Geschwornenbank sei noch erwähnt, daß unter den Ausgelosten sich zwei Juden befunden hatten, die zufällig unmittelbar nach einander ausgelost wurden und sofort vom Staatsanwalte abgelehnt wurden. Pisek, 26. October. Der zweite Verhandlungstag zeigt keine Veränderung des äußeren Bildes. Der vom Präsidenten für Vs 9 Uhr festgesetzte Beginn der Verhandlung ist bereits geraume Zeit verstrichen, ohne daß sich Geschworene versammeln. Nur langsam füllt sich das Auditorium. Der Angeklagte wird hereingeführt, er wendet sofort seine Blicke in den Zuschauer - raum und sucht, wie gestern, nach Bekannten. Der Präsident eröffnet die Verhandlung und setzt das Verhör H i l s n e r's fort. Allen seinem Vorhalten gegenüber leugnet Hilsner beharrlich, daß er die Klima gekannt oder gar mit ihr beim Tanz auf dem Kirchweihfeste gesehen wurde. Mit ermüdender Monotonie spielt sich dieser Tyeil des Verhörs ab, an welchem nur die feine D.stinction zu bemerken ist, mit welcher der Präsident nicht von der Ermordung, sondern vom Vermißtwerden der Klima spricht. Es folgt das Verhör Hilsner's über die Art und Weise, wie und wo er die Monate Juni und Juli 1898 verbracht habe. Mit einer staunenswerthen Zungengeiäufigkeit nennt er alle Orte, die er auf dieser Wanderschaft berührt habe. Eine desto größere Veränderung zeigt die innere Seite der Angelegenheit. Die Stimmung hat heute plötzlich umgeschlagen, und man muß jede Hoffnung auf ruhige Weiterführung des Prozesses fallen laffen. Noch heute

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