Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1900)
- Date
- 1900-10-29
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Dritte Meitage zu Jfs 86 des „Israelit". Der zweite Prozeß Hilsner. Plsek, 25. Oktober. (Fortsetzung aus dein Hauvtblatt.) Heute war der erste Verhandlungstag. Die Anklageschrift befaßt sich mit folgenden Punkten: 1) Verschwinden der Klima und Auffinden des Leichnams. 2) Die aufgefundene Kleidung der Klima. .'*) Die Todesursache. Sie sei ein von Gesundheit strotzendes Mädchen gewesen. Die Kleider wiesen offenkundige Spuren von Gewalt auf. Ein direkter Beweis für die Person des Thäters ist nicht vorhanden. 4) Die Belastungsumstände gegen Hilsner. Es gelang eine große Menge von Zeugen aufzuforschen, welche mit Bestimmtheit Nachweisen, daß Leopold Hilsner am 17. Juli 18i*8 bis in die Nacht hinein mit der Marie war, mit ihr getanzt und sich mit ihr unterhalten habe, als ob er ihr Liebhaber wäre. 5) Ein Alibi Hilsner. Hilsner sei in Jglau gewesen, es kann aber nicht eruirt werden, ob Vor- oder Nachmittags. 6) Gleichartigkeit der beiden Mordthaten. Wie bei der Klima, so kämen auch bei der Hruza dieselben ungewöhnlichen charakteristischen Merkmale bei der Mordthat in Be tracht, so daß Hilsner auch dieser Thar dringend verdächtig sei. 7) Die Motive der Thal. Bei diesem Punkt wird u. A. Folgender ausgeführt : Und fragen wir nach der Ursache des Mordes, fragen wir nach dem Beweggründe, welcher zur Ausführung desselben führte, so muß man zugestehen, daß die Untersuchung nicht mit vollster Bestlmmtheit den Beweggrund aufgeklärt habe, und daß man lediglich aus den Umständen das Motiv vermuthen könne. Das es sich um einen Raubmord an einem arrnen Dienstmädchen vom Larlüe handeln würde, ist kaunl wahrscheinlich. Viel eher und mit größerer Wahrscheinlichkeit kann man auf den sofort in die Augen fallenden Umstand Hinweisen, daß beide Opfer weiblichen Geschlechtes, jugendliche Mädchen waren, und daß sich der Angeklagte in einem Alter befand, in welchem das sexuelle Moment stark zur Geltung kommt. Man braucht nur darauf hinzuwetsen, welch ein Freund deS weiblichen Geschlechtes Hilsner gewesen ist. E§ erhellt dies aus seinen eigenen Worten, insbesondere aber aus der Aussage der Anna Benes ch, mit welcher Hilsner längere Zeit eine Bekanntschaft hatte und die er wiederholt bedroht hatte. Es geht dies weiter aus der Aussage der Anna H aj e k hervor, die Hilsner, so oft er sie imWalde traf, belästigt hatte. Ferner aus dem Umstande, daß er sich von Joseph P e r z i n a unter dem Vorwände einen Sozialistenhut ausborgte, er wolle einem Mädchen nochsteigen, um sich unkenntlich zu machen, weiter aus seinem zudringlichen Benehmen der Agnes Hruza gegenüber, und schließlich aus dem Umstande, daß er, wie der Zeuge B e c e r a angiebt, die Marie Klima umarmt habe. Hieraus geht hervor, daß Hilsner dem weiblichen Geschlechte sehr zugethan war, und man kann aus diesen Umständen schließen, er habe deßhalb die Nähe der Marie Klima ausgesucht. Dies erscheint um so wahrscheinlicher, als auch bei der Ermordung der Agnes Hruza ein sexuelles Motiv vorzuliegen scheint, und dafür spricht ferner das Gutachten der czechischen medizinischen Fakultät und die Aeußerung Hilsner's selbst, er glaube, Erdmann und Wassermann hätten deßhalb der Agnes Hruza aufgelauert, um sie zu vergewaltigen. 8) Die Anklage auf Verläumdung gegen Erbmann und Wassermann. Da es sozusagen sicher ist, daß beide Morde von denselben Thätern ausgeführt wurden, kann man schließen, daß auch das Motiv dasselbe war. Freilich, was zwischen Hilsner und seinen Genoffen einerseits und Marie Klima andererseits geschehen ist, was die nächste Veranlaffung zu dem Morde gegeben hat, ob vielleicht der Widerstand, den die Klima mehreren Personen gegenüber geleistet hat, oder ob vielleicht das Bestreben, die Vergewaltigte aus Furcht vor der drohenden Strafe zu beseitigen, das ist in ein Dunkel gehüllt, das aufzuhellen nicht gelungen ist. Möge dem sein, wie wolle, das Verbrechen des Mordes ist vollbracht worden, und das ist zu ahnden, ohne Rücksicht auf das Motiv. Werden nun alle vorangesührten Umstände in ihrem Zusammenhänge betrachtet, erscheint der Verdacht, das Leopold Hilsner bei der Ermordung der Klima mitthätig war, zur Genüge begründet und die Anklage gegen ihn im Sinne der §§. 134, 135 und 136 St. G. gerechtfertigt. Der Präsident eröffnet die Verhandlung um 3 Uhr mit der Bekanntgabe der Zuschrift des Geschworenen Prochazka und schreitet dann sofort zum Verhör. Hilsner hat die Zeit nach seinem Eintreten im Gerichtssaale fast ausschließlich darauf verwendet, das Auditorium zu mustern: er sucht offenbar nach bekannten Gesichtern. Die Aufforderung des Präsidenten, sich zu verantworten, stört ihn in diesem Gehaben; er tritt dicht an den Gerichtsiisch heran. — „Haben Sie die Anklagen, die gegen Sie erhoben werden, verstanden?" fragt der Präsident. — „Ja," erwidert Hilsner. — Präs.: Bekennen Sie sich schuldig? — „Nein," antwortet