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Der Israelit · 1900-10-29 · Heft 86 (29.10.1900) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 86 (29.10.1900)
Date
1900-10-29
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Als Sachverständiger,}ii fungiren sei Pflicht eines jeden Staatsbürgers, und es sei ein Urlaub hierzu nicht erforderlich. Von der Vertbeidigung wird Levy befragt, ob er am Gründonnerstag vor 6 Uhr früh in einem Reisemantel auf der Poststallstraße gewesen sei. Zeuge Levy kann sich dessen nicht entsinnen. Der Oberstaatsanwalt vermag nicht einzusel)en, was das mit dieser Sache zu thun habe. Ebenso gut könne man dann ja den Zeugen fragen, wo er an einem bestimmten Tage des vorigen Jahres gewesen sei, oder was er an einem bestimmten Sonntage vor einem Vierteljahre gegesten habe, und es tritt dann Jemand auf und sagt, er habe das und das gesehen. (Bewegung im Zuschauerraum.) Vertheidiger H u n r a t h legt deßhalb Werth auf diese Feststellung, weil sich an diesem Tage die Angeklagten Roß und Berg an das Taschentuch erinnert haben. Zeugin Pauline Levy ist am 11. März den ganzen Tag über zu Haus gewesen. Abends kam ihre Schwägerin zu ihr und bat sie, ihr einen Brief zu schreiben, was sie auch that. Ihr Mann war während dieser Zeit abwesend. Die Schwägerin mag sich etwa um 9 Uhr wieder entfernt haben. Auch die Roß war am Sonntag, den 1b. März, einmal da, wie lange, das weiß ick, nicht mehr. Helene Levy kam etwa um 9 Uhr Abends und holte ihre Mutter ab. Ob Frau Roß zu dieser Zeit noch bei ibr war, weiß sie nicht. Am 11. März habe sie nichts Auffälliges bemerkt. Daß sie am Tage der Auffindung des Rumpfes bei Frau Roß gewesen sei, weiß sie nicht mehr, sie kann sich auch nicht daran erinnern, zu Frau Roß die Worte gesagt zu haben: „Solch' ein Mord! Solch' ein gräßlicher Mord!" Ebensowenig tann sie sich besinnen, gesagt zu haben, daß die jüdische Gemeinde viel Geld habe. Was wisse sie von der jüdischen Gemeinde! Ich habe auch nicht gesagt, Ernst Winter sei nicht so viel werth, wie man mache. Sie Wiste, daß alle Eltern ihre Kinder lieben. Die Zeugin bleibt bei ihrer Aussage, obgleich alle vier Angeklagten behaupten, daß sie am 18. März bei Frau Roß gewesen ist und dort unter Anderm davon gesprochen hat, daß sie ihrem Manne Gummischuhe kaufen wolle. Die Zeugin Levy gibt zu, Gummischuhe gekauft zu haben, kann sich aber nicht erinnern, bei Frau Roß gewesen zu sein. Hugo Levy, der nächste Zeuge, bekundet: Er sei am Mordtage gegen 11.-11 Uhr nach verschiedenen Dörfern gefahren und sei gegen 'Al oder 1 Uhr zurückgekommen. Auf dem Rückwege hatte er noch zwei Lehrlinge mitgenommen, die ihn darum ersucht hatten. Als er auf der Rückfahrt bei dem Hause des Fleischermeisters Hosfmann vorbeisuhr, ries ihm der Fleischerlehrling Welke zu: „Das kostet wieder drei Mark, Du hast die Sonntagsruhe nicht gehalten." Zu Hause traf I er die Mutter an. Später sah er noch seine Tante Levy dort. Etiua um 0 Uhr ging er schlafen. Das Bett bat er sich selbst aufgedeckt und es ist möglich, daß er mit den Snihlen gerückt hat, da die Schlafstube sehr eng ist. Wittwe Pauline L e v y , die „Lappenlevy" genannt, gibt auf Befragen an, 72 oder 78 Jahre alt zu sein. Ihre Vernehmung gestaltet sich sehr schwierig, da sie schwerhörig ist. Sie war am 11. März Abends bei Frau Levy. Während ihrer Anwesenheit kam auch die Angeklagte Roß. Gegen 9 Uhr wurde sie von ihrer Tochter Helene Leon abgeholt. Helene Levy war, wie sie aussagt, am 11. März bei Frau Lindenstrauß und blieb dort bis etwa V-9 oder 9 Uhr. Dann holte sie ihre Mutter bei Frau Levy ab, wo außer ihrer Mutter und Frau Levy auch Frau Roß anwesend war. Eine Lampe habe sie nicht in der Hand gehabt. Die Angeklagte Roß behauptet dagegen, sie wäre nicht um 9, sondern um 7 Uhr bei Frau Levy gewesen und dort nur 10 Minuten geblieben. Arbeiter August Med och, gefragt, ob er schon wegen Meineid bestraft sei, antwortet gleich einer früheren Zeugin: „Noch nicht." Er sagt aus: Am 11. März habe er Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr dem Adolph Levy, der zu ihm kan:, ein Kalb verkauft. Adolph Levy habe sich bei ihm etwa eine Stunde ausgehalten. Gastwirth und Kaufmann Falkenberg: Adolph Levy hat sehr oft bei mir verkehrt. Ob er am 11. März bei mir war, iveiß ich nicht mehr, aber es ist anzunehmen. Frau I o s e v h war am 11. März bei Falkenberg und bestätigt, daß sie beim Nachhausegehen um 10 Uhr Abends von Adolph Levy begleitet worden ist. An dem Hause Levti's hat sie nichts Auffälliges gesehen, ebensowenig weiß sie etwas darüber zu sagen, ob in dem Keller von Levy oder beim Nachbar Anger Licht war. Zeuge Ernst P o m m e r e n k s sagt aus, daß er am 11. März dem Adolph Levy ein Kalb angeboten habe. Darauf sei gegen 2 Uhr herum Moritz Levy zu ihm gekommen und habe sich eine halbe Stunde aufgehalten. Zeuge Z e m k e (Grenadiers sagt aus, daß sein Onkel in Neutirch zur Vesperzeit den Hugo Levy getroffen hat. Zeugin Elise Freitag ist mii Moritz Levy um 11_,7 Uhr zusammengetrofsen, sie kann aber nicht sagen, daß sie irgend etwas Auffälliges an ihm bemerkt habe. Nach 3 Uhr kam er wieder zu ihr und blieb bis gegen 10 Uhr bei ihr. Schneiderlehrling H a u p t ist mit Hugo Levy zurückgesahren und mit ihm um ca. 3 Uhr in Konih eingeirosfen. Vieh hat Levy auf seinem Wagen nicht gehabt. Die Verhandlung wird um 6 Uhr aus Montag 10 Uhr vertagt. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wir 1h'scheu Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz.

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