Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1900)
- Date
- 1900-10-29
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1766 hören. Sie batte unbedingt ein häufiges Auf- und Zumachen der Thüre wahrnehmen müssen. Es war aber an jenem Tage, auch des Abends, besonders ruhig. Auch ihr Sobn hat nichts Auffälliges bemerkt. Ernst Winter hat sie nicht gekannt. Die Angeklagte Roß behauptet hierzu, daß sie einmal den Ernst Winter mit dem Sohne der Zeugin in deren Wohnung gesehen habe. Der Oberstaatsanwalt beantragt die sofortige Herbeiholung des Untersekundaners Hirsch, und der Präsident fragt die Zeugin, wann die Frau Roß bei ihr gewesen sei. Frau Hirsch sagt: Am 6. oder 6. April, da erzählte sie mir schon von der angeblichen Behaupiung des Knechts aus der Schlochauer Gegend. Dieser Umstand iü insofern interessant, als Frau Roß bisher stets behauptet hatte, dieser Knecht habe ihr die be- .-reffende Mittheilung erst am 11. April gemacht. Frau Roß hingegen will erst am Mittwoch nach Ostern davon erzählt haben, als sie sich bei Frau Hirsch Gebühren holte. Bäckermeister Anger sagt aus: Levy lebte stets für sich und hatte auch wenig Verkehr. Ihm ist am 11. März weder am Tage noch am Abend etwas ausgefallen. Martha K ü st e r ist seit drei Jahren Dienstmädchen bei Anger. Sie hat nicht bemerkt, daß bei Levy viel Leute verkehrten. Am 11. März war sie den ganzen Tag über zu Hause, zumeist in der Küche, die an das Levv'sche Haus anstößt. Sie hat nichts Auffälliges gehört oder gesellen, obgleich sie sogar Gespräche, die im Levy'schen Hause geführt werden, von ihrer Küche aus hören kann. Gymnasiast Hirsch war mit Winter, wie er erklärt, wohl bekannt, ist auch zuweilen mit ihm auf- und abgegangen. In der Wohnung seiner Mutter ist Winter aber niemals gewesen. Frau Roß behauptet demgegenüber, trotzdem den Winter in der Hirsch'schen Wohnung gesehen zu haben. Erster Staatsanwalt S e t t e g a st fragt den Zeugen Hirsch, ob er jemals Winter in das Levy'sche Haus bat gehen sehen. Der Zeuge verneint dies. Zeugin Pauline G a tz sagt aus, sie wäre von Neujahr bis zum 3. April Aufwärterin bei Frau Hirsch gewesen; Ernst Winter habe sie in deren Wohnung nie gesehen. Am 11. März hat sie auf dem Levy'schen Grundstück den Tag über nichts Auffallendes gemerkt. Zuletzt war sie von 6 bis >Z>8 Uhr in der Küche der Frau Hirsch, von der ein Fenster nach dem Levy'schen Hofe führt. Ein Gewinsel oder Gestöhne hat sie nicht gehört, obgleich sie bei den mangelhaften Fenstern wohl alles hätte hören müssen, was vorging. Einen besonders starken Verkehr bei Levy hat sie ebenfall nicht wahrgenomm.en. Am 11. März hat sie gar keinen fremden Menschen auf dem Grundstück zu Gesicht bekommen. Abends nach 9 Uhr ging sie nach der Mauerstraße, um ihre Freundin zu besuchen. Als sie bei dem Levy'schen Hinterhause vorbeikam, hörte sie in den Zimmern der Levy'schen Söhne ein Klopfen. Ihre Freundin sagte, der Moritz mache sich jetzt das Bett. Sie hielt sich etwa eine halbe Stunde in der Mauerstraße direkt neben dem Levy'schen Hause auf. Andere Wahrnehmungen hat sie dort nicht gemacht. Solange sie bei Frau Hirsch war, ging sie mehrmals täglich in den Keller, bisweilen auch des Abends. Auch am 11. März war sie dort, und zwar Nachmittags gegen 2 Uhr. Es ist ihr hierbei nichts ausgefallen. Vertheidiger H u n r a t h fragt, ob sie nicht am 11. März von einem der Levy'schen Söhne, als sie in den Keller gehen wollte, daran verhindert worden sei. Die Zeugin weiß nichts davon. Der Ersie Staatsanwalt fragt die Zeugin, ob sie nicht wisse, wer dieses Gerücht aufgebracht hat. Die Zeugin vermag nichts darüber zu bekunden. Die Aufwärterin Marie Witte sagt aus, sie habe den Dienst bei Frau Hirsch am 5. April angetreten. Der Angeklagten Roß hält der Präsident hier vor, daß die Bekundungen der Frau Hirsch nun schon durch mehrere Zeuginnen bestätigt seien. Die Roß gibt jetzt an, daß sie das Wäbdjen am 5. April zu Frau Hirsch gebracht habe. Sie sei aber am Mittwoch nach Ostern noch einmal dagewesen und fyabe dann erst die Geschichte von dem Knecht erzählt. Frau H i r s ch bestreitet dies auf das Entschiedenste. Fleischermeister Adolf Levy, zunächst unter Aussetzung der Vereidigung vernommen, befindet sich in lebhafter Erregung. Er soll genaue Auskunft darüber geben, wo er und seine Familie Sonntag den 11. März, zugebracht haben. Er macht detaillirte Angaben über seinen und seiner Söhne Aufenthalt während des Vormittags. Um 2 Uhr habe er mit seiner Frau und seinem Sohne Moritz Mittag gegessen, sein Sohn Hugo war zu dieser Zeit noch mit dem Gespann auswärts. Rach 2 Uhr ging er nach der Hennigsdorfer Straße, um ein Kalb zu kaufen und kam zwischen 4 und 3 Uhr wieder nach Hause. Geh. Sanitätsrath Mittenzweig: Die Abgabe des Gutachtens ist besonders dadurch erschwert, daß die Leichentheile einige Zeit im Wasser gelegen und auch noch dadurch, daß sie dann noch 13 Tage im Spiritus gelegen haben und daß man es nicht mit einem ganzen Leichnam, sondern nur mit einzelnen Theilen eines solchen zu thun hatte. Bei der Nachobduktion ist auch seftgestelli, daß Spiritus in die Gewebe gerathen sei, wodurch die Auslaugung noch besonders befördert wurde. Als wahrscheinliche Todesursache ist Verblutung anzunellmen, doch sind auch Symptome dafür vorhanden, daß Erstickung eingetreten ist. Diese Symptome bestehen darin, daß durch Einathmung Blut in die Lungen eingedrungen sei, das bei Ausführung des .Halsschnittes in die Luftwege gerathen sei. Der Sachverständige erzählt, daß er sich bezüglich des Schächtschnittes auf dem Berliner Viehhofe eingehend informirt