Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-10-29 · Heft 86 (29.10.1900) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 86 (29.10.1900)
Date
1900-10-29
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449128--51835-2502445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WW 1767 Knabe Müller, der Arm sei gekrümmt gewesen und hätte dicht am Thore gelegen, so daß es geschienen, als ob er durchgesteckt worden wäre. Wenn man ihn über das Thor geworfen, hätte der Arm weiter vom Thore abliegen müssen. Die aus Veranlassung der Vertheidigung herbeigcholte Zeugin Fräulein S t r ü b i n g sagt aus, daß sie selbst nichts davon wisse, daß Jsraelski den Arm iiber das Kirchhofsthor geworfen habe. Nicht sie, sondern ihre Mutter will das beobachtet haben. Der Präsident fordert Fräulein Strübing auf, sofort ihre Mutter herbeizuholen. Kreisphysikus Müller wird aufgefordert, sich über sein medizinisches Gutachten nochmals zu äußern. Er resumirt sich dahin, daß der Tod Winters durch Verblutung eingetreten sei. und zwar in Folge eines Schnittes in den Hals. (Dritter Verhandlungstag.) Bei Beginn der heutigen Verhandlung wurde die Mehrzahl der geladenen Zeugen vorläufig entlaßen und fiir Montag und Dienstag nächster Woche wiederbestellt. Ferner wird eine Reihe neuer Zeugen aufgerufen. Zunächst wird Frau S t r u e b i n g vernommen, die behauvtet, am Tage der Auffindung des Armes früh -st<6 Uhr Jsraelski in der Nähe des Kirchhofes mit iinem leeren Sacke bemerkt zu haben. Er sei damit vom Kirchhof hergekommen, auch sei noch ein anderer Mann dabei gewesen. Ihre Wahrnehmung hat die Zeugin bisher nicht gemeldet, angeblich aus Furcht, vor der Polizei oder beim Gericht hart angelasien zu werden. Der Erste Staatsanwalt bittet um sofortige Ladung Jsraelski's, Rechtsanwalt Dr. Vogel um die Ladung der Zeugen, die Jsraelski am Charfreitag in der Nähe der Fundstelle des Kopfes gesehen haben wollen. Polizeikommissar Krischt gibt Auskunft über die Beschaffenheit des Kirchhofthores, das 2,40 Meter hoch und mit einem Querbalken versehen ist. Oekonomierath B o r m a n n sagt über den Leumund der Frau Masloff aus, daß sie fleißig sei, jedoch bei ihren Erzählungen immer etwas hinzufügte. Frau Masloff soll in der Wirthschaft etwas liederlich sein. Bauunternehmer Winter hatte am Schluß der gestrigen Sitzung darauf aufmerksam gemacht, daß der Unterkiefer am Kopfe der Leiche seines Sohnes heruntergebängt hätte, so daß man hätte vermuthen können, sein Sohn wäre vor seinem Tode geknebelt worden. Die Sachverständigen, die sich hierüber zu äußern haben, sind übereinstimmend der Meinung, daß für diese Annahme nicht der geringste Grund vorliegt. Das Heruntcrhängen des Unterkiefers sei vielmehr eine natürliche Folge des Todes. Auch der Umstand, daß die Zunge zwischen den Zähnen eingeklemmt war, läßt es als ausgeschlossen erscheinen, daß eine Knebelung stattoefunden hat. Photograph Heyn sagt aus, daß das ihm vorgelegte Bild Winters nach dem 11. April angefertigt worden ist. Vorher hat er schon ein großes Bild für die Mutter des Ermordeten hergestellt, auf Grund eines Gruppenbildes einer ganzen Schülerklaffe. Jsraelski, der heute nicht aufzufinden ist, soll mündlich vernommen werden. Bäckermeister Anger, der Nachbar des Fleischermeisters Leva, hat am Tage des Mordes nichts Auffälliges gehört und gesehen, obgleich man sonst, wie auch der gestrige Lokaltermin ergeben hat, Geräusche auf dem Levy'schen Grundstücke bei ihm wahrnehmen kann. Fräulein Hedwig Kroll bewohnt im Levy'schen Hause die zweite Etage. Auch ihr ist nichts aufgefallen. Gewinsel hat sie nicht gehört, auch nicht, als sie des Abends um 7 Uhr nach Hause kam, zu jener Zeit also, wo Frau Roß von der Levy'schen Wohnstube aus das Gewimmer wahrgenomen haben will. Ein Geschworener fragt die Zeugin, wie lange Zeit nach der Mordthat ihr das Gerücht zu Ohren gekommen 'ei, daß vielleicht die Levy's als Thäter in Betracht lämen, und ob sie dann erst sich der Vorgänge am Tage des Mordes erinnert habe. Die Zeugin sagt, sie hätte sich der Vorgänge am 11. März sogleich erinnert, als der Rumps gesunden worden sei, also schon am 13. März. Frau Roß ist am 11. März nicht bei ihr gewesen. Levy's, die zurückgezogen lebten, haben auf die Zeugin immer einen guten Eindruck gemacht. Bäckergeselle T u s s e k ist bei Anger beschäftigt und wohnt dort zwei Treppen hoch nach hinten hinaus. Er hat am Mordtage nickt das geringste Auffällige auf dem Nachbargrundstücke bemerkt. Zwischen 10 und -*',11 Uhr ungefähr ist er meheremale die Danzigerstraße auf und abgegangen, ohne irgend etwas Verdächtiges wabrznnebmen. Er sah kein Licht im Levy'schen Keller und bat auch den Masloff vor dem Kellerfenster nicht liegen sehen. Nachtheiliges ist ihm über Levy's nichts bekannt. Ter Oberstaatsanwalt bittet, auch noch den Bäckermeister Anger über die Familie Levy zu befragen, die er auf Grund der nachbarlichen Beziehungen doch kennen müsse. A n a e r kennt Levy's als friedliche Leute, die nie viel Verkehr mit anderen Leuten gehabt haben. Es ist ihm niemals ausgefallen, daß auswärtige Juden, Schächter oder Rabbiner bei Levy's verkehrt haben. Frau Hirsch, die im ersten Stock des Levy'schen Hauses wohnt, bestätigt diese Angaben mit dem Hinzufügen, daß das Familienleben ein sehr gutes sei. Ihr Sobn ist Mitschüler Winters gewesen und hat schon am Montag gesagt, die Mitschüler seien alle sehr aufgeregt, da Winter fehle, und ibm vielleicht etwas paffirt sei. Am Dienstag erzählte ihr der Sohn von dem Funde des Rumpfes. Äm 11. März, dem Mordtage, hat sie Auffälliges nicht wahrgenommen. Sie kann von ihrem Zimmer aus das Öeffnen der Levy'schen Stubenthüre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.