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Der Israelit · 1900-10-29 · Heft 86 (29.10.1900) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 86 (29.10.1900)
Date
1900-10-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1765 Nunmehr fordert der Präsident Frau Rotz auf, sich zu der Anklage zu äußern. Frau Rotz sagt aus: Frau Levy habe sie acht Tage vor dem Morde beauftragt, ihr eine Aufwärterin zu besorgen. Als sie eine pasiende Person gefunden hatte, ging sie am Sonntag, den 11. März, um 7 Uhr Abends zu Levy's. Dort fand sie Frau Levy einen Brief schreibend vor, die ihr sagte, sie solle die Aufwärterin Montag früh bringen. Levy wollte sie aber erst am Montag Abend haben. Frau Rotz behauptet, bei ihrer Anwesenheit in der Levy'schen Wohnung „verdächtige Geräusche" gehört zu haben, und zwar Sprechen und dann auch ein Gewinsel. Als sie gehen wollte, habe sie die Helene Levy die Kellertreppe mit einer Lampe herauskommen sehen, die sie in der Stube hinstellte und dort auslöschte. Frau Rotz hat sich bei Levy's höchstens zehn Minuten aufgehalten. Frau Rotz bleibt aber demgegenüber bei ihrer Aussage. Ferner sagt dieselbe aus, daß, als sie nach Hause kam, Masloff nicht mehr in ihrer Wohnung war, während Masloff behauptet, noch anwesend gewesen zu sein. Frau Rotz erklärt dies für eine Lüge. Sie sagt weiter aus: Am Dienstag nach dem Morde habe ihr Masloff von seinen Beobachtungen noch nichts gesagt. Masloff indessen behauptet, dennoch es gethan zu haben. Beide Angeklagten bezichtigen sich gegenseitig der Unwahrheit. Am Dienstag Abend um 7 Uhr sei dann Frau Levy zu Frau Rotz gekommen und habe gerufen: „Solch' ein Mord! Solch' ein Mord. Dem Mörder müßte jedes Glied einzeln gebrochen werden." Tags darauf ist dann Frau Roß zu Frau Levy gegangen und sagte ihr, daß sie ihr kein Mädchen bringen könnte, weil der Mord bei ihnen paffirt sei. Darauf soll Frau Levy erwiedert haben: „Der Mord kommt bei Gott nie heraus.- denn die jüdische Gemeinde ist sehr reich." Einige Tage darauf ging Frau Roß wieder zu Frau Levy, um sich Fleischreste zu holen, die ihr Levy's immer schenkten. Bei dieser Gelegenheit gab ihr Frau Levy, da sie eine Waschfrau bisher noch nicht bekommen hatte, Wäsche zum Waschen mit nach Hause. Bei dieser Wäsche fand Frau Rotz ein Taschentuch, das mit E. W. gezeichnet war, das sie, ohne sich dabei etwas zu denken, zu den übrigen Wäschestücken legte. Am 13. April lieferte Frau Roß die Wäsche wieder ab, packte sie aber nicht aus, sondern ließ sie im Korbe stehen. Am 17. April durchsuchte die Polizei die Rotz'sche Wohnung. Frau Rotz beschwerte sich darüber und theilte nun dem Polizeikommissar die Taschentuchgeschichte mit. Des Weiteren erzählte sie noch Folgendes: Am ersten Osterfeiertage sei ein Knecht zu ihr gekommen, von dem sie aber, da er keine Papiere bei sich hatte, keinen Vermerk in ihr Buch machte. Dieser Knecht habe ihr erzählt, daß er am elften März den Zug verpatzt habe. Er sei Nachts zur Stadt zurückgegangen und dort habe er die Leute gesehen, die ein Packet nach dem See trugen. Er habe sich nach diesen Leuten umgesehen und diese sind dann an ihm vorbeigegangen. Des Weiteren sagt Frau Rotz aus: „Von den Wahrnehmungen des Masloff habe ich dem Amtsrichter Pankau nichts gesagt, weil Masloff so wankelmüthig war und ich glaubte, er hätte mir etwas vorgelogen." Hierbei fragt sie der Oberstaatsanwalt: Warum sie dann dem unbekannten Knechte Glauben geschenkt habe. Frau Rotz erwiederte, daß sie dem Knechte auch nicht geglaubt habe. Auf die Frage des Präsidenten, ob sie nicht vor ihrer richterlichen Vernehmung den Herren Hofrichter und Meibauer schon Mittheilungen über ihre Eindrücke gemacht habe, sagt Frau Rotz aus, daß sie den Herren am 22. April derartige Mittheilungen gemacht habe. Am 18. April kam Frau Rotz auf Anordnung des Polizeikommissars Block zu Levy, um das angeblich mit E. W. gezeichnete Taschentuch zu ermitteln, das sich aber nicht vorfand. Auf eingehendes Befragen des Präsidenten gibt Frau Rotz an, sie habe in einem Laken, das sich bei dieser Wäsche befand, schwarze Haare und Fleischfasern gefunden. Auch hier läßt der Präsident die Proiokolle der eidlichen Vernehmungen von Frau Rotz verlesen. Diese ergeben eine Menge von Widersprüchen. Insbesondere ist festzustellen, daß Frau Roß bei jedem einzelnen Verhör immer wieder neue Wahrnehmungen zu Protokoll gegeben hat. Auch heute sagt sie Verschiedenes aus, von dem sie bei den Vernehmungen nicht das Mindeste hat verlauten lassen. Frau Marche Masloff, die Ehefrau des Angeklagten, sagt aus: Auf Bitten von Levy ging ich in der Osterwoche zum Reinemachen zu ihm hin. Dort fand ich eine weiße Uhrkette, die aus drei oder vier feinen Strähnen mit einem Schieber bestand. Ich habe die Kette aber nicht genau angesehen. Frau Levy habe ihr diese Kette fortgenommen, weil dieselbe ihrem Sohne Moritz gehörte. Am Charfreitag will Frau Masloff eine Tasche, in der sich ein Bild befand, gesehen haben, und außerdem auch das Bild von Winter, das im Schaufenster des Photographen ausgestellt war. (Zweiter Verhandlungstag.) Pünktlich um 9 Uhr eröffnete der Präsident die Verhandlung mit der Vereidigung einer großen Anzahl von Zeugen. Amtsrichter Pankau gibt darauf eine Skizze von den Oertlichkeiten im Levy'schen Hause und erläutert seinen Bericht aus einer Zeichnung. Die Vertheidiger und der Staatsanwalt stellen noch Anträge aus Ladung neuer Zeugen. Das Gericht behält sich die Beschlußfassung hierüber vor. Alsdann findet in dem Levy'schen Hause, sowie in den Straßen, auf die dieses hinausgeht, ein Lokalaugenscheintermin statt, zu dem die Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Geschworene, ferner die Angeklagten und eine Anzahl Zeugen zugezogen sind.

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