Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 85 (25.10.1900)
- Date
- 1900-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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173S liche ausmalt, bis man zuletzt selber an ihre Bedenklichkeit glaubt. „Und doch Versalien )vir modernen Juden immer ,nieder in diesen schlimmen Fehler." Die modernen Juden, mit welchen sich Herr Pros. Dr. Philippson hier identifizirt, sind zum großen Theile eher Pessimisten als Optimisten. Auch dem Vorschlag zur Creirung eines Judentags dürften eher pessimistische als optimistische Erwägungen Gevatter gestanden haben. „Voll Vertrauen auf den Idealismus und auf die gerechten und freiheitlichen Grundsätze, wie solche vor einem halben Jahrhundert herrschten, voll Vertrauen auf die allergrößte Thatkraft und Elastizität des eigenen Volksstammes, erwarten wir von der nächsten Zukunft stets eine Besserung unserer Lage." Das ist ein Punkt, in dem wir unmoderne Juden uns von den modernen Philippson'schen unterscheiden. Weder einem Idealismus und freiheitlichen Grundsätzen, noch den Tugenden ueä jüdischen Volksstammes, sondern ganz ausschließlich Gott, dem Lenker und Gestalter aller Zeiten gilt unser ganzes Vertrauen für die nächste, sowie die fernste Zukunft und die darin zu erhoffende Befferung unserer Lage. „Das war so seit den Anfängen der antisemitischen Bewegung vor 25 Jahren." Es gibt sehr viele moderne Juden, welche durch die antisemitische Bewegung erst wachgerüttelt wurden und für welche erst mit ihr Anno 1 der Weltgeschichte beginnt. Die alten, unmodernen Juden dagegen wissen, daß die judenfeindliche Strömung einige tausend Jährchen älter ist und genau so lange besteht, als es Juden gibt. Diese wissen daher, daß unsere Zeit nicht schlechter, sondern besser geworden ist. Daraus fließt ihr Optimismus, den sie sich selbst dann nicht verkümmern lassen, wenn sie finden sollten, daß die jüngsten 25 Jahre eine rückfällige Bewegung zu verzeichnen haben. Diese grundverschiedene Weltu. Lebensanschauung zwischen dem historischen Juden u. dem modernen, wie er in Herrn Prof. Dr. Philippson zu uns spricht, äußerst sich fast in jedem Zug, mit dem er seinen Vorschlag zu begründen sucht. Sie verstehen sich beide nicht. Der Jude, der sich als Kind einer nach Jahrtausenden zählenden Vergangenheit begreift, sieht die Verdächtigungen und Verleumdungen unserer Feinde mit ganz anderen Augen an, als derjenige, dessen Gesichtsfeld nur ein viertel Jahrhundert umfaßt. Dem ersteren gehören sie zum Stück. Er hat sich längst mit ihnen abgefunden, er hat sie, wie der Held der griechischen Sage die Schlangen, gewissermaßen schon in der Wiege erdrückt. Sein Judenthum, das er stillselig tief im Busen trägt und das ihn auf jeden Schritt seines dornenvollen Lebenspfades begleitet, wiegt ihm alle Steinwürfe und Hep-Hep-Rufe tausendfach auf. Auf diese Weise weiß er selbst den untrügbaren Schattenseiten seiner Zeit einen lichten Blick abzugewinnen. Was er die Judenheit an Macht verlieren sieht, sieht er sein Judenthum an Kraft gewinnen. In der sozialen und politischen Zurückweisung der Juden erblickt er das mächtige, von Gottes Vorsehung selber gereichte Mittel, die ihrer Bestimmung entfremdeten Glieder des jüdischen Stammes wieder zu Gott und seinem Gesetz zurückzuführen. Dies alles geht dem Juden, der hier als der moderne bezeichnet wird, verloren. Er ist empfindlicher gegen alle Zurücksetzungen und Rechtsverkürzungen, weil ihm das praktische Judenthum, für das er leidet, fern und fremd geworden ist und ihm daher keinen Ersatz bietet. Er erblickt Symptome des Abfalles und erschreckender Auflösung, wo der andere die Spuren der Wiederannäherung an das so lang verlassene Heiligthum findet, lieber die antisemitischen Rohheiten vergißt er an die unsere Zeit adelnden Abwehrbestrebungen. mit welchen man aus christlichen Kreisen heraus -diesen Auswüchsen entgegentritt, wie ganze politische Parteien, welche den Freisinn und Fortschritt auf ihr Banner geschrieben, die Sache der Juden zu der ihrigen gemacht haben, wie christliche Geistliche durch Schrift und Wort dem gegen Juden und Judenthum gerichteten fanatischen Aberglauben mit Freimuth entgegen treten. Für alles das hat er kein Auge, oder gewahrt höchstens die Mängel und Schwächen, welche diesen edlen Bestrebungen, wie allem menschlichen Thun, anhaften,*) um füglich zu dem Resultate zu kommen, daß hier nur eines helfen kann: „Ein allgemeiner deutscher Judentag." „Freilich," wird hier eingeräumt, „kann er nur helfen, wenn er aus ganz Deutschland besucht wird und zwar von den berufensten Vertretern des deutschen Judenthums. Unsere süddeutschen Glaubensbrüder müßten sich hier bereitwillig zu den norddeutschen gesellen. Ein verfehltes Experiment, eine nur theilweise oder ungeeignete Betheiligung würde nur Schaden bringen, die innere Verwirrung, die Geringschätzung seitens der Außenwelt steigern." Wenn es Herrn Professor Philippson mit diesen Bedingungen wirklich Ernst ist, so wird er sich selber sagen müssen, daß sein Vorschlag, Vorschlag bleiben wird; „es erfolgt kein deutscher Judentag!" Wer sind die berufensten Vertreter des deutschen Judenthums? Wer wird sie berufen? Wie wenig würde sich zu einer solchen Berufung z. V. jemand qualifiziren, der den süddeutschen und norddeutschen Glaubensbrüdern erst bereitwillige Geselligkeit an's Herz legen zu müssen glaubt. Man könnte ruhig eine Prämie auf Namhaftmachung eines einzigen Vorkommnisses setzen, das zu einer solchen indirekten Mahnung Anlaß gibt. Die Mainlinie, die Norddeutschland von Süddeutschland *) Die Berliner „Jüdische Presse" hatte den Takt, auS dem Vorschlag des Herrn Professor Philippson die Stelle fortzulassen, welche die Bedeutung der litterarischen Thätigkeit des Herrn Professors Strack zur Bekämpfung des Ritualmords abzufchwächen sucht.