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Der Israelit · 1900-10-22 · Heft 84 (22.10.1900) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 84 (22.10.1900)
Date
1900-10-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1709 sind unter dieser Procedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich! zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso > haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört, sie j zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten, zeichnet sie unter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht u. der ewigen Rache sich aus eben den Gewerben zu schaffen, welche man ihnen überließ (oder denen man sie überließ); man muß es zur Entschuldigung selbst ihres Wuchers sagen, daß sie ohne die gelegentliche, angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, daß wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen üben können. Dabei reißt sie ihre Rache nicht leicht zu weit; denn sie haben alle die Freisinnigkeit, auch die der Seele, zu welcher der häufige Wechsel des Ortes, des Klimas, der Sitten von Nachbarn und Unterdrückern den Menschen erzieht, sie besitzen die bei Weitem größte Erfahrung. Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und Gewitztheit sind sie so sicher, daß sie nie, selbst in der bittersten Lage nicht, nöthig haben, mit der physischen Kraft, als grobe Arbeiter, Lastträger, Ackerbausklaven ihr Brod zu erwerben. Ihren Maniren merkt man noch an, daß man ihnen niemals ritterlich vornehme Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um den Leib gegeben hat; etwas Zudringliches wechselt mit einer oft zärtlichen, fast stets peinlichen Unterwürfigkeit. Aber jetzt, da sie unvermeidlich von Jahr zu Jahr mehr sich mit dem besten Adel Europas verschwägern, werden sie bald eine gute Erbschaft von Manieren des Geistes und Leibes gemacht haben; so daß sie in hundert Jahren schon vornehm genug dreinschauen werden, um als Herren bei den ihnen Unterworfenen nicht Scham zu erregen. Und daraus kommt es an! Deßhalb ist ein Austrag ihrer Sache für jetzt noch verfrüht! Sie wissen selber am besten, daß an eine Eroberung Europas und an irgend welche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist; wohl aber, daß Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hände fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt. Inzwischen haben sie dazu nöthig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen, bis sie es so weit bringen, das, was auszeichnen soll, selber zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und Wegweiser der Europäer heißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jtde jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüffen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen u. Werke? Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen u. vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird, dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf — und wir Alle, Alle »vollen uns mit ihm freuen." („Morgenröthe.") Wir werden aus die Dr. Eron'sche Hypothese, welcher der Bildungstrieb vorzugsweise im Vrodtrieb ist, eingehend zurückkommen, sobald uns deren Grenzen und Begründung in seinem Buche vollständig vorliegen. Es wird sich dabei vielleicht auch Veranlassung bieten, manches dieser Rietzschen Auffassung über das Volk Israel richtig zu stellen. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, im Okt. Von befreundeter Seite geht der „Israel. Rundschau" eine Zuschrift zu, die äußerst schätzenswerthe Anregungen enthält. Wir lassen mit Hinweglassung alles Ueberflüssigen dieselbe nachstehend folgen: „Die Berliner jüdische Gemeinde hat nunmehr zwei neue Rabbiner bekommen. Das Manko an Predigten, namentlich in den Synagogen ohne Orgel, welches seit Jahr und Tag so lebhaft beklagt wurde, ist damit wohl beseitigt. Dagegen erachte ich es für sehr zeitgemäß, zwei andere Punkte einmal zur Sprache zu bringen. Wegen eines chronischen Leidens bin ich leider genöthigt, fast jedes Jahr einige Monate in einem hiesigen Krankenhause zuzubringen. Ich habe so die Charitee, die städtischen Krankenhäuser u. auch das jüdische Krankenhaus zur Genüge kennen gelernt. In all' den erwähnten Instituten erhalten die christlichen Kranken alle Augenblick den Besuch ihres Geistlichen, im jüdischen Krankenhaus allein bekonimt man niemals einen Rabbiner zu sehen. Und doch liegen dort häufig so manche arme Menschen, die neben ihren körperlichen Leiden noch schwer seelisch zu tragen haben an ihrer Vereinsamung. Es wäre die höchste Wohlthat, wenn von Zeit zu Zeit unsere Rabbiner einmal dorthin kämen, mit einem freundlichen Wort, mit einem kleinen Beweis liebevoller Theilnahme könnten die Bedauernswerthen beglückt werden. Aber so etwas kommt nicht vor. Haben unsere Rabbiner keine Zeit zu solchen Liebeswerken? Ich habe noch nie gehört, daß einer von ihnen eine Kasualie, Trauung oder Vegräbniß, aus Mangel an Zeit abgelehnt hätte. Einen Rabbiner, der zu Ghemillus Cheßed keine Zeit hat. kann ich mir in meinem schlichten jüdischen Gemüthe nicht vorstellen. Und noch ein Zweites. Aus der jüdischen Gemeinschaft wie aus den christlichen

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