Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 84 (22.10.1900)
- Date
- 1900-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1708 da die erste Rolle, wo er die Grundlage des Brotstudiums bildet: das Kapitel von der Studienwahl wird dariiber noch spezielle Aufschlüffe bringen."- ,,Jm allgemeinen weisen unsere Zahlen darauf hin, dast für wuchtige Momente im Entschluffe zum Studium mehr als das Glaubensbelenntniß „wirthschastliche Gründe" es sind, die den Ausschlag geben. Alle geistigen Güter in Ehren — aber der Weg zu ihnen ist von wirthschaftlichen Momenten diktirt, deren Gesetze die Menschen meist unmittelbarer empfinden, die ihnen meist faßbarer sind und mit denen sie bestimmter rechnen, als mit den idealen Forderungen des Geistes und Gewiffens. Wirthschastliche Verfehlungen rächen sich — gegen die Verfehlungen der Unlust zu geistigen Dingen aber gibt es keine Strafe, wenigstens kaum eine, die von ihrem Träger allzuhart empfunden würde, und bezüglich der Sühne der unter dem Namen der Sünde zusammengemstten moralischen Fehler herrscht — leider — bei der prosten Menge die Ansicht, dah es verhältnißmäßig bequeme und nickt gar vordringliche Wege gebe, sich damit abzufinden." ,,Kaum anderswoher auch in Studiendingen der Vorrang der Wirthschaftsfrage vor der Glaubensfrage, die nur als eine Frage der Entwicklung beides der geistigen Freiheit und des Gewiffens gedacht werden darf." Eine zutreffende Würdigung dieser Sätze wird erst möglich sein, wenn uns ihre Ausführung und der versuchte Nachweis ihrer Richtigkeit vollständig vorliegt. Aber so viel darf schon jetzt als feststehend angesehen werden, dast diese Behauptungen der Ansicht Hinneigen, nickt das religiöse, sondern in erster Reihe das wirthschaftliche Moment bedingt die Schwankungen in der Betheiligung an den höheren Studien bei den verschiedenen Konfessiomn. Es ist nicht der Bildungs-, sondern der Brodtrieb, der diese Verschiedenheiten zu Wege gebracht hat. Je ungünstiger die wirthschaftlichen Verhältniffe eines Kreises sind, desto größer wird sein Andrang zu den höheren Studien sein. Den Juden sind eine Reihe von Wegen, die zu Brod fiihren, ganz verschlossen, ein anderer Theil ist ihnen erschwert oder verkümmert, deßhalb sind sie genötbigt, sich mehr als anders auf die höheren Studien zu werfen und dort ihr Brod zu suchen, weil ihnen diese vcrbältnistmästig leichter zugänglich sind, als eine Anzahl anderer Berufszweige. Ob auf diese Weise auch das Verhältniß zwischen Katholiken und Evangelischen erklärt werden wird, interessirt uns hier nicht. Wohl aber eine andere uns Juden speziell betreffende Erwägung. Dast die Juden einen ungewöhnlich höheren Prozentsatz beim höheren Studium stellen, als alle anderen Konfessionen, steht fest. Ebenso fest sieht, daß Studium, Kenntnisse, Wissensbildung nicht nur eine, sondern die höchste Macht bedeuten, über die Menschen überhaupt verfügen. Die Richtigkeit jener These vorausgesetzt, nöthigte man uns Juden somit die größte Macht auf, indem man uns die Erringung der Mittel zum Dasein erschwert und verkümmert. Man stellt uns wirthschaftlich schlechter, als andere Mitbewerber um die Güter des Lebens, man erschwert uns den Erwerb und Besitz des Brodes und arbeitet dadurch an unserer Bildung und Vollendung in einer Weise, daß wir unseren Mitbewerbern um das Fünffache überlegen sind! — Ist das nicht ein wörtliche Wiederholung der ägyptischen Pharaonenvolitik, die uns durch Bedrückung zu einer inferioren Helotenmasse degradiren wollte, die aber damit so wenig erreichte, daß die Unterdrückten um so größer und ausgebreiteter wurden, je höher der Druck sich erwies? pe* p nrr p :rx -B’xsi „In demselben Maße, loie sie es drückten, wurde es groß und breitete es sich aus," lautet der Wortlaut der biblischen Urkunde (2. B. M., Cap. 1, V. 12), und der Bericht fährt fort: i?>nir .2 *:h: np „es graute ihnen vor den Kindern Israels." Wie nach Jahrtausenden die gleichen Ursachen gleiche Wirkungen Hervorrufen, dazu möchten wir zu diesem alten biblischen Eitat ein modernes klassisches aus den Schriften des vor einigen Wochen verstorbenen Philosophen Friedrich Nietzsche hinzufügen, welcher dieses Thema in seiner groß angelegten, wenn auch etwas excentrischen Weise behandelt, indem er schreibt: Vom Volke Israel. „Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert cinladet, gehört die Entscheidung im Schicksal der europäischen Juden. Daß sie ihren Würfel geworren, ihren Rubikon überschritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen und es bleibt ihnen noch übrig, entweder die Herren Europas zu werden, oder Europa zu verlieren, so wie sie einst vor langer Zeit Egypten verloren, wo sie sich vor ein ähnliches Entweder- Oder gestellt hatten. In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie hier kein anderes Volk aufweisen kann, und zwar so, dast nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Uebungszeit zu Gute gekommen sind. In Folge davon sind die seelischen und geistigen Hülfsguellen bei den jetzigen Juden außerordentlich; sie greifen in der Noth am seltensten von Allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit u. Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Ueberlistung und Auslistung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ibr Heroismus übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch, dast man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß, und wahrhaftig, sie