Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 99 (13.12.1900)
- Date
- 1900-12-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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ES 2084 ich durch diese Krage ausgezeichnet werde. Aber iu Ehesachen ist es ungemein schwer, einen Rath zu geben, und noch schwieriger, ihn auszuführen. In Ehesachen sind schwache, sterbliche Menschen vollkommen ohnmächtig. Ehen werden im Himmel geschlossen. Will Gott diese Ehe, so wird sie ganz sicher erfolgen, auch ohne unser Zuthun, und will sie Gott nicht, so helfen alle Schritte und noch so hochgestellte Vermittler nichts." „Du bist also gegen diese Verbindung und fürchtest vielleicht, dieser meiner Lieblingsioee ohne weiteres entgegen zu treten; sonst könnte ich mir nicht erklären, daß Du aus so nichtigen Gründen mit Deinem Rath zurückhältst." „Verzeiht, Majestät, aber nichtig ist doch die Erwägung wahrlich nicht, die ich hier vorbringe." „Aber, lieber Abarbanel, das glaubst Du doch selber nicht, daß die Ehe, die ein Mensch mit einem anderen eingeht, Gegenstand besonderer göttlicher Vorsehung ist?" „Allerdings, Majestät, glaube ich das nicht nur, sondern ich bin davon so überzeugt, wie ich von dem Vorhandensein der Sonne überzeugt bin, die hier zum Fenster hereinscheint." „Wie kann ein so kluger Kops, wie Du es bist, auch nur auf einen solchen Gedanken kommen, dessen Unrichtigkeit doch auf der Hand liegt, wie ich Dir jeden Augenblick beweisen will? Gehört dieser wunderliche Glaube etwa gar zu Euren religiösen Satzungen?" „Er ist in der That schon in der Bibel angedeutet und findet sich ausdrücklich in den Aussprüchen unserer Weisen." „Die heilige Schrift ist mir doch auch nicht unbekannt, aber ich wüßte nicht, wo sich etwas Derartiges finden sollte." „Er findet sich im ersten Buche Mosis in der Erzählung, welche von der Mission des Dieners von Abraham handelt, für den Sohn seines Herrn, Rebekka als Weib zu holen. Dort heißt es: „Die Sache ist von Gott ausgegangen." Der König lachte laut auf. „Das hat ja der Ränkeschmied Laban dort gesagt, sind dessen Worte für euch Juden auch beweiskräftig, weil sie in der Bibel stehen? Laban zählt doch nicht unter die jüdischen Heiligen?" „Das nicht, Königliche Hoheit. Aber je weniger Laban uns im allgemeinen als Autorität gilt, desto mehr ist er es im vorliegenden Falle. Denn wenn selbst wie Laban von der Einwirkung Gottes bei der Ehe durchdrungen ist, um wie viel mehr muß es dann jeder andere sein, der Gott und sein Walten kennt und anerkennt. Uebrigens habe ich selbst dieser Stelle keine unbedingte Beweiskraft zuerkannt und von ihr nur als eine Andeutung gesprochen." „Du lassest Dir immer klüglicher Weise ein Hinterpförtchen zum Entschlüpfen offen. Aber von eueren Weisen hast Du doch behauptet, daß sie ausdrücklich die Stiftung der Ehen als rein von Gott ausgehend bezeichnen, wolltest Du mir mittheilen, wie sie sich darüber äußern?" „Es sind uns darüber mehrere Aussprüche überliefert; ich will den unzweideutigsten derselben hier anführen. Er wird genügen, um Ew. Majestät zu überzeugen, daß ein Mann, wie ich, dessen geringes Wiffen und Können nichts als ein schwacher Abglanz jener Weisheit unserer Altvordern ist, nicht anders über den Gegenstand denken kann, als ich es bereits sagte." „Also, laß einmal hören", sprach voll gespannter Erwartung der König. „Eine reiche, römische Matrone fragte einmal einen großen jüdischen Weisen Namens Rabbi Josa ben Chalafta: Womit beschäftigt sich eigentlich Gott seitdem er die Weltschöpfung vollendet und so gar keinen Anlaß zu einer ferneren Thätigkeit hat?" „Eine sonderbare Frage", unterbrach ihn der König. „Die Frage klingt uns in der That sonderbar. Aber sie verliert viel an ihrer Sonderbarkeit, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Fragestellerin eine gebildete Heidin war, die wohl an Gott als den Schöpfer, aber nicht als Erhalter des ganzen Universums glaubte. Noch weniger war ihr die Wahrheit bekannt, daß das gesammte Universum für den Menschen und für die freie Verwirklichung des Sittengesetzes geschaffen ist, wie sie in der Entwickelung der Menschheit zum Ausdruck kommt. Dieser Wahrheit gab der jüdische Weise drastischen Ausdruck, indem er der Matrone antwortete: „Seitdem Gott die Welt vollendet hat, stiftet er Ehen." — „Besseres hat er nicht zu thun?" fragte spöttisch die Matrone, „das kann ich ja auch." „Ich möchte es bezweifeln", entgegnete der Rabbi. Aber die Matrone erklärte, sie werde ihn sofort überzeugen. Sie ließ auf einen Wink ihre sämmtlichen Sklaven und Sklavinnen in ihren Hof versammeln, stellte die einen rechts und die anderen links auf und gebot, daß alle sich Gegenstehende zu heirathen verpflichtet seien. So zogen alle gepaart, Arm in Arm ab, sie waren Mann und Frau. „Siehst Du, daß ich das auch kann?" fragte die Matrone lachend den Rabbi. Dieser erwiederte ihr, daß er sie nach vierundzwanzig Stunden überzeugen wolle, daß sie trotz alledem eine schlechte Ehestifterin sei. Den anderen Tag gingen die Neuvermählten an ihre Arbeit, der eine mit einem blauen Auge, die andere mit zerkratztem Gesicht, ein anderer mit verbundenem Kopf, alle aber waren mißmuthig und seufzten laut und leise über das Unglück ihrer ehelichen Verbindung. Sie konnten sich so wenig an einander gewöhnen und vertragen, daß die Matrone die Ehen wieder lösen mußte, wenn sie ihren Leibeignen die frühere heitere Zufriedenheit wiedergeben wollte. „Diese schön ausgesponnene Geschichte", entgegnete lächelnd der König, „bringt mir eine prächtige Idee,