Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 82-83 (18.10.1900)
- Date
- 1900-10-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW WMWWWW 1693 „Verzeihe... ich ... ich habe Dich beleidigt," stammette ich mühevoll. In meiner kleinen Seele fing es an, wenn auch unklar, aufzudämmern, welch' eine Seelengröße dazu gehört, um der Liebe zur heiligen Lehre willen keine persönliche Erniedrigung zu scheuen. Gegen anderthalb Jahre verweilte er in meinem Heimathstädtchen und während dieser Zeit hatte er es vermocht, einen großen Theil der Bibel und die erste Ordnung des Talmud durchzuarbeiten, und alles, was er gelernt hatte, lag wohlverwahrt in seinem Gedächtniß. Hatte er ja sein Wissen mit schwerer Mühe, mit eisernem Fleiß und wahrer Aufopferung erworben. Es traf sich nicht selten, daß er den ganzen Tag fastete, weil er nichts zu essen hatte; gleichwohl lag er, wie immer, seinen Studien ob, und gönnte sich keine Ruhe. Rach sieben Jahren trafen wir uns wieder in der Jeschiba zu W. Er zählte erst fünfundzwanzig Jahre und hatte bereits die schwierigsten Partieen des Talmud bewältigt; einen großen Theil wußte er auswendig. Wir erneuerten unfern Freundschastsbund und studirten zusammen. Außerdem hatte er noch seine besonderen Studiengegenstände. Sein Fleiß war unbeschreiblich. Offenbar verdankte er diesem seinem Feuereifer nicht nur die Entwicklung seiner Fassungskraft, sondern auch seines Gedächtnisses. Seine Liebe zur heiligen Lehre war rein und tief. Er schien sich gar keine Rechenschaft davon zu geben, warum und wozu er lernte. Er lernte buchstäblich nur um des Lernens willen. Die Kenntniß der Lehre war in seinen Augen das höchste und erhabenste Ziel. Der Rektor achtete ihn ungemein. Er erhielt das größte Stipendium, welches jene arme Institution in einer armen Gemeinde bieten konnte: nämlich fünfundsiebzig Kopeken die Woche! Außerdem ertheilte er einem jüngeren Kollegen Privatunterricht und erwarb damit .... einen Rubel monatlich! Davon lebte er und legte noch etwas beiseite, um sich Kleider anzuschaffen. Es war auffallend, daß er, obgleich er stets in äußerster Dürftigkeit lebte, viel auf Sauberkeit und anständige Kleidung gab. Es machte ihm nichts, Hunger zu leiden, aber sein Rock mußte stets ganz und sauber sein, und auch gut sitzen. Er gestand mir einmal, daß er zwei Wochen lang nichts Warmes zu sich genommen hatte, da er jeden Pfennig aussparte, um sich einen besseren Oberrock zu laufen. Rach einigen Tagen traf sich ihm eine günstige Gelegenheit, einen guten Rock zu billigem Preise zu erwerben. Einem jungen Durchreisenden war unterwegs das Geld ausgeaangen, und er wollte seinen Oberrock veräußern, um die Fahrt mit der Bahn fortsetzen zu können. Man rietb ihm, in die Jeschiba zu gehen, wo er leicht einen Kauflustigen finden könnte. Mein Freund probirt das Kleidungsstück an und war außer sich vor Freude. Es war wie ursprünglich für ihn genäht und dabei aus besserem Stoff. Der Fremde forderte fünf Rubel, aber der Käufer versicherte, daß er nicht mehr als vier Rubel besitze. Jener ging nun auf diesen Preis ein. Mein Freund beugte sich über einen Koffer nieder, mir das Geld zu holen, und eine Weile sann er nach. Dann trat er auf den Fremden zu: „Mein Herr, Sie ivollen Ihren Rock verkaufen, da Ihnen das Reisegeld fehlt. Hier sind die vier Rubel, aber Ihr Kleidungsstück kann ich nicht nehmen." „Aber ich bin ja kein armer Mann," antwortete dieser erstaunt und betroffen. „In diesem Augenblick sind Sie es. Uebrigens gebe ich Ihnen kein Almosen, Gott behüte, sondern nur ein Darlehen; wenn Sie nach Hause kommen, können Sie es mir ja zurücksenden." Der Fremde war verwirrt und weigerte sich noch immer, das Geld anzunehmen. „Geniren Sie sich nicht! Das Sprüchwort sagt: zwei Berge kommen nicht zusammen, wohl aber zwei Menschen. Besonders wir Juden, heute sind wir hier, und morgen schleudert uns ein rauher Windstoß nach der anderen Seite des Oceans." Diese schlichten Worte bewogen den Fremden endlich, das Geld anzunehmen. Als einige Monate vergingen und der Mann noch immer nichts von sich hören ließ, hänselten manche der Kollegen meinen armen Freund ob seiner Leichtgläubigkeit, da er sich von einem Windbeutel hatte irreführen lassen (wir hatten inzwischen erfahren, daß jener Fremde ein leichtsinniger Patron war) und ihm seine verdienten Ersparnisse von mehreren Monaten aufhalste. „Mich dauert das gar nicht," antwortete er unerschütterlich, „ich bin sicher, daß ich zu meinem Gelde komme." „Wieso wirst Du zu Deinem Gelde kommen? Glaubst Du, Gott wird Dir für diesen Lumpen bezahlen?" rief ein Superkluger spöttisch. „Ich bin überzeugt," antwortete jener, ohne sich an den Spott zu kehren, „daß wenn mir — Gott behüte — ein Unglück widerfährt, und ich auf die Hilfe Anderer angewiesen sein werde, so werden sich gute Menschen finden, welche mir beistehen. Richtiger gesagt, ich habe nur eine Schuld abgetragen, denn ich war seit meiner Jugend auf die Hilfe Anderer angewiesen." Weitere zehn Jahre waren vergangen. Ich gedachte oft meines Freundes und Schülers während all' der Zeit. Mit Vergnügen erinnerte ich mich seiner eigenartgien Melodie, die er beim Studium der Gcmora anwendete, der Freude, die aus seinen Augen strahlte, wenn es ihm gelang, ein schwieriges Problem zu bewältigen, oder einem Schüler, der ihn um eine