Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 82-83 (18.10.1900)
- Date
- 1900-10-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1692 herbste ^>ured?tineiflinii gefaßt inachen. Wenn einer zum Beispiel den alten verdorbenen trimer nach der Benützung nickt aut seinen Platz hinstellte, bekam er einen Ausputzer, als hätte er mindestens einen Brand gestiftet. Und dieser gefürchtete alte Mann behandelte außerordentlich liebevoll einen armen Bachur, der dort lernte, freilich verrichtete der Bachur allerhand kleine Dienstleistungen, brachte Wasser, heizte den Ofen, fegte den Boden, sodaß dem Schammes beinahe nichts zu thun übrig blieb, als die Lichter zu putzen. Gleichwohl war es auffallend, daß der grimme Schammes dem armen Bachur niemals ein unfreundliches Wort gab, und noch dazu häufig mit ihm seinen kärglichen Bissen theilte, vesonders wenn eines seiner Lieblingsgerichte daheim gekocht wurde. Des Nachts erlaubte er ihm, Tischtücher und Vorhänge unter das Haupt als Kissen zu legen, und sogar den Schlüssel zur Lichterkiste vertraute er ihm an, so daß jener, so oft er wollte, eine Kerze haben konnte. Mir war es stets ein Wunder, wie es kam, daß dieser arme, förmlich in Lumpen gehüllte junge Mensch bei dem gestrengen alten Griesgram in so hoher Gunst stand, daß er ganz wie umgewandelt war, wenn er mit ihm sprach. Ich wußte, daß der Bachur ein vollendeter Amhorez war, daß er unlängst aus der Ferne hierher gelommen war. um hier zu studiren, obgleich unser Lehrbaus. seiner Armuth halber, keinen Rosch Jeschiba halten konnte. Doch abnte ich nicht, welchen festen Willen er hatte, von welch' glühender Liebe zu unserer heiligen Thora er beseelt war, und mit welch' einem Aufwande von Geduld und Fügsanikeit er das Herz unseres gefürchteten Schammes gewann. Ich batte selbstverständlich keine nähere Berührung mit dem armen Bachur, der den ganzen Tag wie ein Anfänger über dem Ehumesch saß und jeden Vers und jedes Wort unzählige Male einbllffelte. Im Herzen schätzte ich ihn gering, als ich merkte, daß ihm die Sätze unverständlich waren, die ich bereits auswendig wußte. Uebrigens kam ich ja in das Bethamidrasch nur, wenn ich freie Zeit batte und nicht in der Schule zu sein brauchte. Dort spielte ich gern im Vorhof mit meinen Altersgenossen, solange der Schammes uns nicht davonjagte. In den Ehanuka-Tagen. da ich zum Kapitalisten avaneirte — ich besaß nämlich ein „Drehdel" und noch mehrere Kupfermünzen dazu — und obendrein an den Nachmittagen vom Unterrichte frei war, war ich einmal mit meinen Kollegen trn Lehrhause traulich beisammen. Da trat aus mich der arme Bachur hinzu und bat mich, mit ihm einen Abschnitt aus der Bibel durchzustudiren. Ich ivar erstaunt, und es that mir leid, meine Freunde zu verlassen, aber ich erinnerte mich an das Wort unserer Weisen: „Wer seinem Nächsten den Unterricht in der heiligen Lehre vorenthält, der raubt ihm sein väterliches Erbe." Außerdem schmeichelte es mir, de^ Lehrer zu spielen, daher willfahrte ich der Bitte, und wir gingen an's Werk. Zwei, drei Tage unterrichtete ich ihn fleißig und gewissenhaft. Doch bald überzeugte ich mich, daß es keine leichte Arbeit war, ein Lehrer zu sein, und vollends, wenn man es mit einem solchen Schüler zu thun hatte. Zuweilen wiederholte ich mit ihm ein Kapitel unzählige Male, und am nächsten Tage mußte ich mit ihm dasselbe Kapitel von neuem durchnehmen, als hätte er es niemals gesehen. Dabei hatte ich natürlich keine Ahnung davon. >vie fleißig er inzwischen seine Lektion wiederholt hatte, während ich vergnüglich schlief. Ich ahnte auch nicht, daß er unterdessen alle Besucher des Bethamidrasch geauält hatte, ihm bei seinen Vorbereitungen aus den morgigen Unterricht behilflich zu sein. Einmal ward ich ungehalten und rief: „Ich unterrichte Dich nicht länger." „Warum?" fragte er einfach. „Du bist träge, bereitest Dich nicht genügend vor." antwortete ich zornig und wandte ihm den Rücken. „Du sollst sehen, fortan werde ich stets gehörig vorbereitet sein," entschuldigte sich der Unglückliche, indem er mich angstvoll anblickte. „Dri bist ein unwissender Mensch," donnerte ich. „Würdest Du bei einem richtigen Lehrer lernen, der würde Dich auf die Bank Hinstrecken und Dir eine gehörige Tracht Prügel auszählen lassen, die Ruthen müßtest Du noch selber dazu bringen." ,,Wenn das Dein Ernst ist, so bin ich bereit, mich zu unterwerfen," sagte er mit größter Ruhe. „Du willst Dich selber auf die Bank Hinstrecken?" fragte ich lachend. „Wenn Du befiehlst." „Die Sache fing an, mich zu amüsiren. Ich, der kleine Lehrer, sollte diesen großen Jungen prügeln. Das war zu komisch. „Bringe die Ruthe!" befahl ich, mein Lachen unterdrückend und eine ernste Miene machend, wie es einem erwachsenen Lehrer geziemt, der seinen Schüler wegen Müßiggang bestraft. Er that, wie ihm besohlen ward, ohne eine Miene zu verziehen. „Leg' Dich hin!" kommandirte ich weiter. Ich erhob die Ruthe. Doch augenblicklich sank meine erhobene Hand ivieder herab. Bisher hatte mich der Vorgang erheitert, plötzlich jedoch ward ich verwirrt. Ein neuer Gedanke, der mir bis dahin ganz unbekannt gewesen, huschte durch mein Keines Hirn. Die Ruthe entfiel meiner Hand, Thräuen brachen mir aus den Augen, ich sing an, laut zu weinen. Er erschrack heftig, fuhr auf, nahm mich in seine Arme, streichelte und liebkoste mich, und fragte nach dem Grunde ineiner Trauer. Er, der so tief Gekränkte, wähnte. mich verletzt zu haben. Doch ich konnte ihn: cine Zeitlang vor Aufregung nicht antworten.