Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 82-83 (18.10.1900)
- Date
- 1900-10-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Wrthodoxe -MuderrthumÄ 1«. Oct. 1000 ] 19tt. 7 rrV'Ä**** m&m \wm mw mi US Miebe zur Mhora. :> von g. N. Asbbinowicz. (A u s dem Hebräischen.) -*B^6öb»*ä£* Ich muntere in der Erinnerung die Gassen und Plätze meines Heimathstädtchens. Dort, in einem verlassenen Wintel, erhebt sich ein Trümmerhaufe und zur Seite ragt ein morscher Pfahl empor, gleich einem traurigen Denkmal entschwundenen Lebens. Ich tunn mich der Erinnerungen nicht erwehren, die dieser Anblick in mir tvachrnft. Die verblaßten Gestalten tauchen ans dem Abgrund der Vergangenheit empor und umkreisen mich in gedrängter Schaar: betrübende und erfreuliche, schöne und häßliche, in buntem Gern i sehe. Mein Gedächtnis; verlveilt gern bei den schönen und lieblichen Bildern, ich halte sie fest und präge sie mir ein. Die anderen verbanne ich gern in die Versenkung lvieder, aus der sie aufgetaucht sind. Haben wir im wirklichen Leben nicht genug des Traurigen und Unschönen? Doch auch die schönen und anmuthigen unter den Gebilden meiner Erinnerung sind nicht äußerlich, sondern innerlich schön, schön nur allein durch ihre hehre Seele, und das sie belebende und erhebende Ideal . . . . Dort, wo jetzt der Trümmerhaufen mir entgegentrat, erhob sich ehemals ein uraltes Lehrhaus. Die Fenster waren nahezu in den Erdboden versunken, die zerfallenden Wände mußten gestützt werden, um nicht völlig zusammenzusinten, die Querbalken waren sämmtlich vermorscht. Einzelne Fensterscheiben waren zerbrochen und geflickt, andere trübe und verkleistert. Das hohe und sehr steile Dach war ganz mit Moos bewachsen. stellenweise mit Pilzen besät. Keine Blume blüht, kein Baum grünt in der Nähe. Traurig und düster sah das alte Haus drein, wie das Schicksal des Volkes Israel. Eine alte Tradition erzählte, daß hier einst ein heil. Mann, eine Säule der „Chabad,"*) gehaust hatte. Und im Innern dieses düsteren Hauses, zwischen seinen geschwärzten Wänden, flackerte das ewige Licht, das Licht des Lebens, nicht jenes grobsinnlichen Alltaglebens, sondern des wonnevollen Lebens der Geister, mit welchem verglichen alle Freuden dieser Welt eitel und nichtssagend sind. Hier saßen Viele, die sich Tag und Nacht dem Studium der heiligen Lehre widmeten. Drinnen waltete ein steinalter Schammes.. Er war von gebückter Gestalt und hatte einen angsteinflößenden Blick, der besonders uns acht- bis neunjährigen Knaben vielen Schrecken verursachte. Der Alte hielt uns streng im Zaume. Just wenn wir in einem Winkel mit dem Spielen beschäftigt waren, tauchte er mit der Ruthe in der Hand auf und jagte uns nach allen Windrichtungen auseinander. Doch nicht wir allein hatten eine heillose Angst vor dem strengen Greise, sondern auch alle alten Leute, die dort beteten, denn der Schammes war älter, als sie alle, und da er von heftigem Naturell war, so pflegte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen, und wer das Geringste thai, was ihm zuwider war, mußte sich auf die *) Eine wegen ihrer strengen Frömmigkeit bekannte Partei unter dem Chassidtm.