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Der Israelit · 1900-10-18 · Heft 82-83 (18.10.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 82-83 (18.10.1900)
Date
1900-10-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1660 Feuilleton Lin Schritt vom Wege. Jüdische Wovelle von Arnold Mann. 21, Lassen Sie uns weiter \et}en,“ fuhr der Richter gelassen fort, „der Diebstahl ist also veriibt worden in der Zeit zwischen halb eins und halb zwei. Waren Sie auch »rührend dieser Zeit oben im Zimmer Ihres Chef an dein Tische, wo studirt wurde?" Jetzt nahte sie, die schreckliche Frage! Der Richter saß vor mir in diesem Augenblicke wie ein Abgesandter Gottes, berufen, das Strafgericht an mir zu vollziehen. Ich hielt seinen Blick nicht aus. Das Haupt senkend sagte ich leise: „Rein!" „Sehen Sie!" trumpfte nun der Richter auf, „den Herren kam es auch sonderbar vor, daß Sie, der Sie sonst immer einer der Eifrigsten beim Studium waren, mit einem Male eine volle Stunde verschwanden!" Der Richter spielte ein Weilchen mit seinem Kneifer. dann fuhr er fort: „Sie behaupten also immer noch, unschuldig zu sein!?" „So wahr ein Gott im Himmel ist!" „Auf den Schwur eines Angeklagten gibt man nichts! — Dann beantworten Sie mir mal die Frage: „Wo waren Sie in der kritischen Zeit zwischen halb eins und halb zwei?" Da war die Frage. Durfte ich die Wahrheit sagen? Durfte ick> es vreisgeben, das Geheimniß jener Stunde? Ich sollte erklären, daß ich mitten in der finsteren Nacht eine Stunde allein mit Jda Fromann im Garten war?! Gefährdete ich mit diesem Geständniß nicht den guten Ruf des geliebten Mädchens? Und mochte auch unsere Zusammenkunft noch so harmlos gewesen sein — würde man mir glauben? Fiel nicht ein ungünstiges Licht auf Jda Fromann? Und ihr Bater? Mit welchen Augen würde er mich betrachten, wenn er erführe, daß ich vom Lernen hinweg ging, um seiner Tochter im Garten Gesellschaft zu leisten? Ich Verblendeter! Wo war ich denn gewesen mit meiner Ueberlegung, als ich den wahnsinnigen Schritt that? Warum hatte ich mir all das nicht vorher gesagt? Mir nicht diese Folgen einer Entdeckung klar gemacht? O, hätte ich ahnen können, wie verhängnihvoll sich die Wonne jener einen Stunde mit diesem verbrecherischen Ereigniß verknüpfte! Hatte ich ahnen können, wie der allwistende und allsehende Gott mir die Schlingen dieser Strafe legte, denen ich entging, wenn ich mir treu blieb, in die ich mich aber verfangen mußte, sobald ich den Schritt vom Wege that! Wie wunderbar Gottes Schickung sich da offenbarte! All diese Gedanken stürmten in mir durcheinander. Was ich aber deutlich empfand, das war der Entschluß, unter allen tlmständen, komme, was da wolle, den Ruf Jda Fromann's zu wahren. Blochte »nein Schweigen mir selbst Berderben bringen! Wenn nur sie aus dem Spiele blieb, wenn ich nur f i e vor der schweren Gefahr behütete, daß die ganze Stadt von unserer nächtlichen Zusammenkunft im Garten sprach und ihre vieldeutigen Bemerkungen und Bermuthungen daran knüpfte! Nein! Ich mußte schweigen. Da hörte ich wieder die Stimme des Richters: „Fühlen Sie denn gar nicht, tvie sehr dieses lange Schiveigen Sie verdächtig :nacht?" Rasch fiel ich ihm in das Wort: „Ich war im Garten, Herr Richter!" Das konnte ich getrost sagen. Es tvar keine Lüge. „So, so, im Garten," replizirte der Richter mit einer gewissen Ironie, „pflegten Sie denn in früheren Jahren auch dieses nächtliche Studium durch stundenlange einsame Spaziergänge im Garten zu unterbrechen?" „Ich hatte diesmal starte Kopfschmerzen." Der Richter sah mich ungläubig an. „Diesem Worte ist doch der Charakter einer Ausrede zu deutlich aufgedrückt!" sagte er, „und während der ganzen Stunde haben Sie nicht ein einziges Mal das Haus wieder betreten?" „Nein." „Ja! sehen Sie," begann der Richter nun nach einer kleinen Pause, „dieses „Nein" kann Ihnen doch unmöglich als Belveis für Ihre Unschuld gelten. Wenn ein Angeklagter sein Alibi Nachweisen will, so muß er glaubhafte Beweise dafür Vorbringen, z. B. Zeugen, die ihn in der kritischen Zeit an einem anderen Orte gesehen haben oder gar mit ihm zusammen waren. So lange Sie solche Zeugen nicht beibringen, wird Ihnen Ihr „Nein" ivenig nützen. Nachdem alle anderen Indizien zu Ihren Ungunsten sind, wird Ihnen kein Gerichtshof auf Ihr Wort glauben, daß Sie sich in der kritischen Zeit nicht am Thatorte befunden haben!" Ich zuckte blos mit den Achseln. Jda Fromann's Zeugniß durfte ich nicht angeben, obwohl es meine Rettung bedeutete. Ihr Ruf war mir theurer, als mein eigen Wohl. Mochte das Schicksal seinen Lauf nehmen! Wenn Gott mir dieses schwere Leid zur Strafe gesandt hatte, so wollte ich es ergeben tragen. Es durch eine Versündigung gegen Jda von mir zu wälzen, erschien mir als ein Verbrechen. „Sie zucken mit den Achseln!" fuhr der Richter fort, „Ihr Alibi ist also mißlungen. Gehen wir weiter: Nachdem nun alle Anzeichen mit geradezu zwingender Gewalt auf Sie, als den Thäter Hinweisen, hat uns der Zufall, t er uns schon bei dem Offenlassen der Comptoirthüre zu Hülfe kam, noch einen direkten Belveis in die Hände gespielt. Der Lehrling fand am Thatorte einen Ihnen gehörigen Brief. Der junge Mann, durch das Offenfinden der Thüre stutzig gemacht, sah sich im

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