Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 82-83 (18.10.1900)
- Date
- 1900-10-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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I . I"'l I II »IMIIU) "IPIJIMIPW 1676 und sonstige Qualifikationen erforderlich sind, die anerzogen und gelernt werden müssen. Dies alles findet man in Deutschland nur bei sehr wenigen Juden. Wir können daher gegenwärtig jüdische Landwirthe und Gärtner nicht aus der Erde stampfen, sondern müssen in erster Reihe dafür agitiren, daß jüdische Knabcn dazu erzogen werden. Daher begrüßten wir freudig von Anfang an die sür diese Zwecke von Consul Simon errichtete jüdische Erziehungsanstalt in Ahlem. Es sind dort gegenwärtig ea. <80 Knaben, ineist aus armen jüdischen Familien tommend, welche auf Kosten mildthäirger jüdischer Glaubensgenossen und besonders der „Jewish Eolonisation Association" (Baron Hirsch-Stiftungl aiisgebildet werden. Wir haben es in unser Programm ausgenommen, der Anstalt selbst, insbesondere aber den dort ausgebildeten Lehrlingen, auf ihrem ferneren Lebenswege förderlich zu fein. Um schon die Liebe zur Natur in früher Jugend zu erwecken, haben wir ferner die Errichtung von Schulgärten gefördert und wenn auch der Anfang noch nicht groß ist, so hoffen wir, daß diese Idee sich nach und nach ausbreiten wird. Die ferneren Vorschläge, die zur Förderung geinacht werden, sind verschiedenartige; so schlägt der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Oberamtmann Ludwig Eohn, vor. Rentengüter einzurichten und sie den in Ahlem oder sonst wo ausgebildeten Landwirthen zu überlassen, das Angeld solle ihnen auf Abzahlung oder Amortisation creditirt werden. Die Vorstandsmitglieder, die Herren Gustav Tuch und Dr. Oppenheimer, emvfehlen auf genossenschaftlicher Basis errichtete jüdische Kolonien mit tüchtigen Dirigenten an der Spitze, zu begründen und beantragen, daß die Mittel dazu vorläufig von mildthätigen Glaubensgenossen aufgebracht werden. Das Vorstandsmitglied Herr Mühlenbesitzer Rosenthal ist auch für geschlossene Eolonisation und empfiehlt die Erwerbung von Gütern in der Nähe großer Städte, deren Aufteilung er nach bestimmtem von ihm vorgeschlagenen System für sehr vortheilhaft und geeignet hält. Auch er setzt die Betheiligung privater Wohlthätigkeit, wenn auch nur in beschränktem Maße, voraus. Das Vorstandsmitglied Herr Consul Simon hält Eolonieen nicht sür unbedingt nöthig, hofft aber, daß seinen früheren armen Zöglingen das zum Eriverb von Gütern nöthige Kapital zu 1—2 pCt. Verzinsung von wohlthätigen Glaubensgenossen hergeliehen werde. Wenn ich auch in allen diesen Gedanken, Vorschlägen -und Maßnahmen einen nicht zu unterschätzenden Kern erblicke, so nehme ich doch zu der ganzen Frage einen so abweichenden Standpunkt ein, daß ich es noihwendig halte, ihn zu präcisiren, damit er einer Würdigung unterzogen werde: Wie wir aus vorstehenden Ausführungen ersehen, ist der Gesichtswinkel, unter welchem der Vorstand des i Vereins zur Förderung der Bodenkultur sich zu bethä- | tiaen sucht, der der Wohlthätigkeitspflege. Erst soll! mit Hilfe von Stipendien der Lehrling ausgebildet werj den, dann soll der Ausgebildete durch Vereinsvermögen in eine Position gebracht werden, später soll das zum Besitzerwerb nöthige Kapital geliehen oder hergegeben werden. Es werden somit fast ausschließlich armer Leute Kinder in's Auge gefaßt. Ich aber bin der Meinung, daß aus der Basis der Wohlthätigleit aus der ganzen Sache nie etwas Rechtes werden könnte, selbst dann nicht, wenn sehr beträchtliche Beträge von edlen Glaubensgenossen dazu hergegeben würden, denn sie wären wie ein Tropfen auf einen heißen Stein, was eine einfache Bauernrechnung uns vergegenwärtigt. Fassen wir nur die Ueberleitung von lausend Familien in's Auge, denen der geringe Betrag von nur 5000 Mk. pro Familie hergegeben würde, so beträgt dies schon fünf Millionen Mark. Ich bin dagegen der Ansicht, daß der Verein die Basis seiner Thätigteit zum größten Theil abseits der Wohlthätigkeitspflege richten sollte, daß seine Aufgabe in erster Reihe in einer zeitgemäßen und intensiven Propaganda in Wort und Schrift bestehen müsse, welche sich an die bessersituirten Israeliten zu richten habe, um vor Allem diesen das Interesse dafür einzuflößen. Nicht nur den Vätern, sondern auch den Müttern muß die Nothwendigkeit vor Augen geführt werden, in Zukunft eine Aenderung in der Standeswahl vorzunehmen. sie darauf hinzuweisen, welche Chancen die Landwirtbschaft und Gärtnerei gegenüber andern Berufen bietet und ihnen zu empfehlen, ihre Kinder dazu zu erziehen. Es muß erklärt werden, daß es leichter ist, sich als Landwirth init einem Grundkapital von 10,000 bis 80,000 Mark zu ernähren, denn als Kaufmann oder Gewerbetreibender mit solchem Kapital, und daß die Anlage des Kapitals nirgends so sicher sei, als in Grund und Boden, der bei gutem Betriebe stets werthvoller in sich selbst werde, wogegen Maaren unmodern und entwerthet, Maschinen abgenutzt und veraltet werden, und daß nichts unsicherer sei, als ein Geschäft, welches auf Credit nehmen und geben basirt ist. Es muß hervorgehoben werden, daß der Aufenthalt auf dem Lande gesundheitlich weit vorzuziehen und kräftigen Nachwuchs erzeuge. Aber auch die Einwände, welche gegen die Zu sührung zur Landwirtbschaft erhoben zu werden pflegen und die sich zumeist auf die Klagen der Agrarier stützen, müssen entkräftet werden durch den Hinweis darauf, daß hier zumeist viel zu theurer Erwerb, oder große Ueberschuldung, oft zu großer Bedarf oder zu geringe Thätigteit und Fürsorge, oft auch zu geringe Intelligenz u. s. w. die Nothlage erzeugen. Neben solcher mündlichen und schriftlichen Propaganda muß der Verein eine Auskunftsstelle einrichten,