Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 82-83 (18.10.1900)
- Date
- 1900-10-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Jfj »9 & 83 Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von ör. in Ifttain%. Donnerstag, den 18. Oetober 5661 (1S06). Leitender Artikel. Ki»t ififflnniifir hw für i)ir kitiriieu 3ui)cii. Bon Eugen Rosenstiel—Berlin. Die Ernährungsverhältnisse der mittleren und niederen jüdischen Klassen in Deutschland, sind in dem letzten Dezennium einer dauernden Veränderung unterworfen, sie werden von Tag zu Tag schwieriger. Es ist nicht nur der Antisemitismus mit seinem leider allzu wirkungsvollen Rufe: „Kauft nicht bei Juden" und seinem unleugbarem Einfluß, der den Juden alle Aeinter, vom Minister bis zum Nachtwächter, vom General bis zum Unteroffizier, vom Geheimrath bis zum Bureau Assisten, verschließt; es sind noch vielmehr die allgemeinen Verhältnisse, wie sie sich zeitgemäß entwickeln und zuspitzen. Der Kampf der Agrarier gegen Handel. Industrie, Börse und Haullrhandel einerseits, dann die lautlose, aber um so gigantischere Monopolisirung des Detailhandels durch die großen Waarenhäuser anderseits, sind es, die den jüdischen mittleren und kleinen Geschäftsmann dem sicheren Ruin zuführen. Der Zwischenhandel, »reist von Inden ausgeübt, wird auf den Aussterbeetat gesetzt, denn mit der Erleichterung der Verkehrsverhältnisse wird der Vertrieb vom Produzenten zum Consumenten immer direkter. Einkaufsgenossenschaften, Beamten- und Offiziersvercine, der Uebergang des Bankgeschäftes an die großen Banken, die Veränderungen im Getreidehandel u. s. w. untergraben geradezu die ExistenzmögUchteit der jüdischen Bevölkerung, denn gerade diese ist dabei am meisten betroffen. Ueberfllllt und daher zum größeren Theile schlecht ernährend sind auch die Gelehrtenstände der Aerzte und Rechtsanwälte etr. Eine Besserung in diesen Verhältnissen ist in Zukunft nicht zu erwarten, im Gegentheil läßt die an sich gerechtfertigte wirthschaftliche Entwicklung, sowie die Strömung der Majorität der gesetzgebenden Factoren eine Verschlimmerung befürchten. Daher ist es zeitgemäß, sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Wege wir einzuschlagen haben, um der jüdischen Bevölkerung neue Quellen der Ernährung zu eröffnen und naturgemäß richten sich unsere Blicke auf die Landwirthschaft, welche in Deutschland fast der Hälfte seiner Bewohner ihren Unterhalt gewährt und die von den Inden, obgleich sie ihnen auszuüben ungehindert gestattet ist, doch nur in minimaler Zahl betrieben wird. Rach der Statistik beschäftigen sich nur damit in ganz Deutschland ca. 3000 jüdische Familien, während sich entsprechend dem Verhältnis zur christlichen Bevölkerung damit mindestens 76,000 Familien beschäftigen müßten. Aber nicht nur die oben dargelegten mißlichen Ernährungsverhältnisse drängen naturgemäß die Juden zur Landwirthschaft und Gärtnerei, es gebieten dies auch die sozialen, ethischen und nicht zuletzt auch die hygienischen Verhältnisse. Wer wollte leugnen, daß die Juden im Allgemeinen sehr schwächlich und nervös sind, und daß die Nervosität ihren Nährboden in den Städten und den dort betriebenen Beschäftigungen findet? Eine Stärkung der künftigen Generation ist einzig und allein durch's Leben auf dem Lande und Beschäftigung in Gottes freier Natur zu erwarten. Diese Gesichtspunkte und viele andere haben zur Begründung des „Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" geführt. Zwei Grundfragen kommen für uns zuvörderst in Betracht: 1. Auf welche Weise muß die Ueb«rleitung erfolgen? 2. Was kann und muß der Verein zu ihrer Förderung thun? Wir sind im Vorstande des Bodenkultur-Vereins und den sich mit diesen Fragen eingehend Beschäftigenden darüber einig, daß zur Ausübung landwirthschaftlicher und gärtnerischer Gewerbe, Fachkenntniffe gehören