Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 98 (10.12.1900)
- Date
- 1900-12-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449140--52144-2502272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2052 Der „natürliche Antisemitismus," der jedem bewußten Christen lein famoses Wort) innewohnt, wird theoretisch schwer zu desiniren sein. Selbst dem Scharssinns der „Kreuzztg." wird es schwer fallen, diesen Begriff plastisch zu gestalten. Durch einige praktische Beispiele — ganz im Sinne der „Kreuzztg." — können wir; den „natürlichen 'Antisemitismus" vielleicht doch etwas an die Wand malen, so daß man auf ihn mit Fingern weisen kann: Wenn ein Christ unsittliche Handlungen an Kindern vollzieht, so ist nicht e r schuld, sagt der natürliche Antisemitismus. 2 nein, der Aermste ist ein Opfer der jüdischen Zersetzung von Moral und Sitte. Wenn preußische Beamte verhaftet werden müssen, weil sie in diesem gegen den Christen schwebenden Prozeße sich — milde ausgedrückt — unkorrekt benommen haben, so sind auch sie nicht schuld, sondern abermals die Juden und deren zersetzender Einfluß. Wenn ein adliger Chefredakteur, der ein frommes, konservatives Blatt redigirt, derartige Verbrechen begeht, daß ihm einige Jahre Zuchthaus zudiktirt werden müssen — der Aermste leidet ungerecht! Der natürliche Antisemitismus fühlt sofort heraus, daß nur die Juden mit ihrem zerfetzenden Einfluß daran schuld sind. Wenn die „Kreuzztg." einen Brei von logischen Spitzfindigkeiten und Verdrehungen zusammenrührt, um die Schuld von wirklich Schuldigen auf Unschuldige abzuwälzen und so die öffentliche Meinung zu vergiften, so sind gleichfalls nur die Juden dafür haftbar zu machen. Wenn Herr von Woedtkc 12,000 Mk. von dem Centralverband der Industriellen fordert, um die öffentliche Meinung nützlich beeinflussen zu können, wer darf so blind sein und verlangen, daß er von seinem Platze weichen muß? Die Juden müssen aus Deutschland vertrieben werden, denn nur ihrein zersetzenden Einflüsse ist es zuzufchreiben, daß derartige Dinge bei uns passiren können. Die armen Juden müssen von nun an zu Gott beten, daß kein Christ ein Verbrechen begehe, kein Beamter strauchle und bestechlich sei, kein christlicher Zeitungsredakteur die Bahn des Verbrechens einschlage, denn ihnen, den Juden, wird dann der Rücken mit Ruthen gestrichen, allerdings nur —- und das ist weinigstens ein Trost — von den „bewußten Christen," denen der natürliche Antisemitismus der „Kreuzzeitung" im Leibe steckt. Memel, im Dez. (Schwurgericht.) Die Arbeiter Wilhelm Lagies aus Gaidellen und Erdmann Valtrutsch aus Pictaßen, beide hier in Untersuchungshaft, sind angellagt, in der Nacht zum 9. Mai d. I. auf der Heydekrug-Traksedener Chaussee ein Portemonnaie mit etwa vier Mark baarem Gelde mit Gewalt dem Händler Isaak Rubenstein in der Absicht der rechtswidrigen Zueignung weggenommen zu haben. Durch die gegen Rubenstein verübte Gewalt ist der Tod desselben verursacht worden. Am Morgen des 9. Mai wurde im Chausseegraben unweit von Hepdekrug der russische Händler Rubenstein besinnungslos gefunden. Das Gesicht und die Kleider waren star! mit Blut beschmutzt, auch fanden sich in dem Graben große Blutlachen. Am Kopfe hatte Rubenstein mehrere größere Fleischwunden und andere Verletzungen, von denen einige offenbar durch ein schneidendes Instrument verursacht waren. Sein Jacket war auf der Brust geöffnet' neben ihm lagen ein russisches Legitimationspapier und ärztliche Rezepte, ein bei ihm Vorgefundenes Portemonnaie war leer. Rubenstein wurde nach dem Kreiskrankenhause in Heydekrug geschafft, wo er bald darauf, ohne noch einmal zum Bewußtsein gekommen zu sein, starb. Rubenstein ist einem Raubanfalle zum Opfer gefallen; etwa vier Mart, die noch am Nachmittage des vorhergehenden Tages in seinem Besitze gesehen wurden, sind ihm geraubt worden. Am Abend vorher befand sich Rubenstein in Gesellschaft des Angeklagten Lagies und verließ mit diesem kurz vor 10 Uhr ein Gasthaus in Hevdetrug. Beide hielten sich dann noch einige Zeit in der Nähe des Gasthauses auf, dann soll, wie dies bei bellem Mondlichte beobachtet worden, Lagies den sich sträubenden Rubenstein mit Gewalt mit sich fortgezogen und hierbei geäußert haben: „Komm' man, ich werde Dir ein gutes Nachtlager besorgen." Später sind dann von Passanten drei Männer genau dort, wo Rubenstein am nächsten Tage gesunden wurde, auf der Sohle des Chausseegrabens liegend gesehen worden. Diese sind unzweifelhaft Rubenstein und die beiden Angeklagten gewesen. Die letzteren sind etwa eine Stunde später auf einen auf dem Szießestrom liegenden Heukahn gekommen und haben Nachtlager in dem Heu verlangt. Auch durch gemachte Aeußerungen und durch erwiesene Widersprüche in ihren Aussagen haben sie sich verdächtig gemacht. Aussagen einer großen Anzahl von Zeugen sielen belastend für sie aus. Der Angeklagte Lagies ist lahm und kann nur den linken Arm gebrauchen, da sein rechter Arm stumpfvertrocknet ist. Die Angeklagten bestreiten hartnäckig ihre Schuld. Die Geschworenen sprachen beide Angeklagte schuldig. Der Gerichtshof verurtheilte sie wegen schweren Raubes und zwar Lagies zu 16 Jahren und Valtrutsch zu 12 Jahren Zuchthaus und beide Angeklagte zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf je 10 Jahre und Zulässigkeit von Polizeiaufsicht. Nürnberg, im Dez. Es ist immer wieder zweckmäßig, darauf hinzuweisen, in welch' tiefem Gegensatz der Antisemitismus zum Christenthum, wie zu jeder ethischen Religion überhaupt steht. Besonders in der heutigen Zeit ist ein solcher Hinweis gut, denn diejenigen Kreise, die sich immer besonders ihres Christenthums rühmen, möchten gerade jetzt mit dem Antisemitismus wieder Hand in Hand gehen. Diese Kreise sollten einmal lesen, was der „Freie Beobachter," das Organ der fränkischen Antisemiten in einer seiner letzt-