Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 98 (10.12.1900)
- Date
- 1900-12-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2047 Ansicht durchdringt. Herr Hartwig wird also weiter Vize-Vorsteher bleiben, wenn bei der in einigen Tagen stattsindenden Stadtverordneten-Neuwahl die Bürger nicht aus seine Wiederwahl verzichten. — 7. Dez. Die konservativ-antisemitische Stadtverordneten-Mehrheit beschloß, der Vicevorsteher Hartwig sei, trotz des bekannten Gerichtsurtheils, der städtischen Ehrenämter auch ferner würdig. München, 2. Dez. In einer Besprechung „Könitz und Polna" schreiben die „Münchener Neuesten Nachrichten".- „Wie in Könitz sollte auch in Polna angeblich ein jüdischer Fanatiker die entsetzliche That verübt haben. Das war für die antisemitschen Hetzer in Nord und Süd Wasser auf die Mühle. In den Zeitungen und in den Broschüren wurde das alte, unzählige Male von Gelehrten schon widerlegte Märchen vom Ritualmord oiseutirt, kurz, es wurde in offenbar tendenziöser Absicht Stimmung gemacht. Was man sich im antisemitischen Lager von diesen Prozessen versprach, das geht deutlich aus den Worten des Chefredakteurs der „Staatsbürgerzeitung," Bruhn, hervor. „Sie müssen, so apostrophirte der Genannte den Kriminalkommissär Braun, „die Sache vom politischen Standpunkte aus betrachten." Dieser „politische" Standpunkt tvurde auch in Polna von profesiionellen Hetzern in das Volk hineingetragen. Und die Herren fanden einen fruchtbaren Boden. Ist es doch natürlich, daß die Kreise des ungebildeten Volkes, namentlich wenn die Geister an und für sich durch mysteriöse Verbrechen erregt sind, für alles Geheimnisvolle doppelt empfänglich sind. Daß diese gehässige Legende auch an Leute herantrat, die später berufen waren, als Geschtvorene und Zeugen ausz'.itreten, dürfte fraglos sein. Es wird ohnehin wenig Leute geben, die im Stande sind, scheinbar belanglose Einzelheiten mit Genauigkeit wiederzu geben, die, lvie im Polnaer Prozesse, zwei Jahre zurück liegen. Das Wenige aber vielleicht, das noch dunkel in der Erinnerung zurückgeblieben ist, wird durch eine solche demagogisch geübte Beeinflussung getrübt wor den sein. Der unparteiisch handelnden Justiz haben die Herren Bruhn und Konsorten in Könitz und die Baxa und Helfershelfer in Polna mit ihrer Hetzarbeit einen schlechten Dienst geleistet. Einer ernst zu nehmenden politischen Partei dürste eö unmöglich je darum zu thun sein, das System über das Recht zu setzen und Unschuldige zu Verbrechern zu stempeln, selbst wenn sie einer von der Partei angeseindeten Religionsgesellschaft angehören. Ein ehrlicher Mensch darf und wird nie mit Mitteln streiten, welche den Gesetzen der Moral entgegenstehen. Das aber und nichts anderes ist in Könitz und Pisel jüngst geschehen. Und in diesem traurigen Sinne kann man hier wie dort von einem politischen Prozeße reden. Das Unerwartete im Piseker Prozesse war, daß die Geschworenen sich entschließen tonnten, auf Grund eines nicht geschlossenen Indizienbeweises und nicht einheitlicher Zeugenbeurkundungen, die Theilnahme Hilsners an beiden Morden als erwiesen anzunehmen. Zeugen, welche die Mordthaten mitangesehen haben, eristiren nicht. Ja, bezüglich der Klima, an deren Ermordung Hilsner theilgenommen haben soll, ist überhaupt nicht festzustellen gewesen, ob die aufgefundene Leiche mit der Ermordeten identisch war. Daß darüber Zweifel bestanden, das beweisen die eingehenden Nachforschungen, die sofort angestellt wurden, als es hieß, die Klima lebe und halte sich als Kellnerin in Westdeutschland aus. Sein Alibi nachzuweisen, gelang Hilsner sreilich nicht, allein — und hier fehlt ein wichtiges Glied in der Beweiskette — auch die anklagende Partei hat nicht den einheitlichen Beweis erbringen können, daß Hilsner zur kritischen Zeit am Orte der That gewesen sei. Der Zeuge Peschat, dessen Aussage, er habe den Hilsner im Walde gesehen, nicht zum wenigstens in dcr Verurtheilung des Angeklagten beigetragen hat, ist zwar notorisch im Besitze einer normalen Sehlveite, Allein — das hat die Fakultät festgestellt — die Entfernung zwischen ihm und Hilsner war eine derartige, daß ein Erkennen der Gesichtszüge Hilsner's ausgeschlossen war. llnd schließlich das Motiv zu beiden Mordthaten! Zu Ehren der Richter sei es gesagt, daß auch sie, gleich ihren Kollegen in Könitz, die Existenz von „Ritualmorden" ohne lveiteres verwarfen. Es blieb das sexuelle Moment, doch stand in dieser Hinsicht betreffs Hilsner die Feststellung der Sachverständigen entgegen. Haben die Psychiater der Facultät sich geirrt oder hatte der Staatsanlvalt recht zu behaupten, Hilsner habe vielleicht nickst in Person den sadistischen Mord begangen, er habe aber jedenfalls dazu geholfen? Alle diese Lücken in der Beweisführung, die Niemand leugnen wird, wurden nicht ausreichend für ein gehalten. Die Geschworenen sind der in der böbmischen Kreisstadt Pisek erzeugten Stimmungsmacberei gefolgt und erkannten auf eine Mitschuld Hilsner's auch am Morde der Klima oder vielmebr an der Person, deren Skelett die Klima repräsentirt. Für die Ruhe ihres Gewissens müssen die Herren hofsen, daß hier des Volkes Stimme — Gottes Stimme gewesen sei!" O e ft e r r. - k! n g a r. Monarchie. Wien. «>. Dez. lVerein zur Beförderung der.Handtverke unter den i n - ländischen Israeliten.) Der enorme Sindrang von Knaben, welche sich aus allen Theilen der österreichisch-ungarischen Monarchie um Aufnahme an den Verein wenden, und die bedeutenden Auslagen, welche die Bekleidung und die Versorgung des dermaligen Standes der Zöglinge erfordern, haben den