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Der Israelit · 1900-10-04 · Heft 80-81 (4.10.1900) · page 34

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 80-81 (4.10.1900)
Date
1900-10-04
Page
– (sequence 34)
Language
German
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1672 rück! Ihr dürft das Geld später mir oder meinen Kindern zurückgeben. wenn Ihr es nicht mehr brauchen solltet. Ihr wißt es ja, daß die Welt ein kreisendes Rad ist. Wer heute hoch oben steht, steht morgen tief unten. Ich bin sicher, daß Ihr noch einmal hoch stehen werdet in der Welt, denn eine solche Handlungsweise läßt der Vater im Himmel nicht unbelohnt. Gott könnte alle Menschen reich und glücklich machen. Aber er thut es nicht, weil leider die meisten Menschen Reichthum und Glück nicht vertragen. Euch hat Gott probirt und Ihr habt die Probe so glänzend bestanden, daß Eurem Glück u. Eurem Reichthum nichts im Wege steht. Das Geld wird Euch nicht blenden, beherrschen und hart machen. Ihr werdet Herr über Euer Geld bleiben, das Euch Gott noch einmal in reicher Fülle zu Masol und Brocho geben wird." Mit diesen Worten drückte der Sprecher dem armen Handelsmanne eine Zehnguldennote in die Hand und verschwand. Als Reb Jtzig nach Mincho zu seinem biederen Weibe zurückgekehrt war und ihr die Zehnguldennote zeigte, fand er sie nicht so erfreut, wie er gehofft hatte. Ernst sinnend ging sie ein und aus, und selbst als der Iomtof kam. lagerte ein Schatten über der Festesfreude, die sonst das Haus der armen Menschen verklärte. Auf das wiederholte Drängen nach der Ursache ihrer Unruhe erklärte sie ihrem beunruhigten Manne folgendes: „Ich weiß, daß ich als Frau jauze bin, wenn ich den Willen meines Mannes thue. Auch in dem Falle mit dem Esrog habe ich nicht anders handeln können, als ich gehandelt habe. Aber ob Du richtig gehandelt hast, das habe ich von Anfang an bezweifelt. Du hättest doch wenigstens vorher ein Schaalo beim Rabbiner machen sollen, dann wärest auch Du gedeckt gewesen. Man macht ja so oft Schaalos über weit weniger wichtige Sachen. Wenn Du dem Ras gesagt hättest, was Du für Dich, Deine Familie und die Jeschiba Gutes hättest thun können mit einem Vermögen von 440 Gulden, so weiß ich nicht, ob er nicht anders gepaßkent hätte, als Du entschieden hast. Das ist's, was mich bedenklich macht." „Du hast recht, liebe Frau, aber ich glaube, ich habe auch recht gehandelt. Man soll immer eine Schaalo machen, wo man im Zweifel ist, aber ich war nie einen Augenblick im Zweifel, daß ich so handeln müsse, wie ich gehandelt habe. Wenn auf der einen Seite 440 Gulden liegen und auf der anderen steht eine Mizwo, die man nur einmal im Jahre erfüllen kann, kann ich da im Zweifel sein, ob ich für todtes kaltes Geld oder für die Worte des lebendigen, ewigen Gottes mich entscheiden soll? Aber ich mache Dir einen Vorschlag zur Güte. Wir wollen noch nachträglich eine Schaalo, aber nicht an einen Menschen, sondern an Gott richten." Erstaunt blickte die wackere Frau zu ihrem Manne aus und fragte: „Und wie willst Du das anfangen?" „Höre nur zu. Unsere Handlungsweise mit dem Esrog habe ich von vornhinein für ganz selbstverständlich gehalten. Erft als uns Rabbi Mendel die Zehnguldennote schenkte und dazu uns seinen Segen gab, ging mir eine Ahnung von der Möglichkeit auf, daß wir vielleicht lisnim mischures Haddin, d. h. in einer Weise gehandelt hätten, zu der wir nach strengem Recht nicht verpflichtet gewesen wären. Rabbi Mendel ist mir als frommer, gelehrter und wohlhabender Mann noch aus der Zeit seines Jeschibabesuches bekannt. Wir wollen nun folgende Probe machen. Von den zehn Gulden brauchen wir nicht die Hälfte, um ganz Iomtof sorgenfrei zu leben. Die übrigen fünf Gulden wollen wir in die Lotterie setzen. Will Haschem boruch hu wirklich, daß wir reich werden sollen, so können wir auf diesem Wege bis in 14 Tagen 100,000 Gulden gewinnen. Will Er es aber nicht, nun, so sind unsere fünf Gulden allerdings verloren, aber wir wissen wenigstens sicher, daß Gott meine Handlungsweise gerechtfertigt und den Besitz seiner Mizwoth für ein größeres Glück hält, als den Besitz von Geld und Gut." Mit diesem salomonischen Urtheile erklärte sich die Frau zur großen Freude ihres Gatten einverstanden. Er selber war von dieser Art der Entscheidung gar nicht so sehr erbaut, da ihm fünf sichere Gulden lieber waren, als Hunderttausende höchst zweifelhafte. Aber höher stand ihm der Friede seines Hauses und die Ruhe seines geliebten Weibes. Er kaufte also kurz nach Jomtos ein Lotterieloos, und was soll ich Euch länger damit aushalten, nach drei Wochen war es wirklich mit dem höchsten Treffer herausgekommen. Reb Jtzig und seine Frau wurden reiche Leute, aber Niemand außer dem Rabbiner hat von der ganzen Geschichte etwas erfahren. Sie zogen einige Monate später unter denselben ärmlichen Verhältnissen aus ihrem Dorfe fort in eine entfernte große Stadt. Reb Jtzig, der kaum seinen Namen schreiben konnte, studirte das groß-jüdische Geschäftsleben, und sein reger Geist und praktischer Sinn fanden dort bald Mittel und Wege, das gewonnene Geld geschäftlich anzulegen. Er lebt heute noch mit seiner Familie und seinen längst verheiratheten Kindern in dieser Stadt und hat sich seit mehreren Jahren ganz vom Geschäfte zurückgezogen, um nur für Thora und Mizwoth zu leben. Das ist die Geschichte, die ich schon seit vielen Jahren mit mir herumtrage und die mir zeigt, was gerade in dem Esrog für ein hoher Werth liegen muß. Deßhalb erscheint mir das, was ich für meinen Esrog ausgebe, nicht als Opfer, sondern als Einsatz für einen Gewinn, der durch alles Geld und Gut gar nicht ausgewogen werden kann."

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