Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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1669 wölken aus seiner Pfeife und begann seine merkwürdige Erzählung: „In einem ungarischen Dorfe, nicht weit von der berühmten, großen Khille P. lebte ein armer Handelsmann, der sich und seine Frau mit vier Kindern kümmerlich genug ernährte. Er hatte in der Jugend die Jeschiba besucht und noch etwas jüdisches Wissen aus jener Zeit zurückbehalten, woher es wohl kam, daß ihn die Leute Reb Jtzig nannten. Er lebte schlecht und recht wie es einem Juden zukommt, ging jeden Tag nach dem Morgengebet in die umliegenden Orte um altes Eisen, Zinn, Lumpen, Knochen und alles Mögliche und Unmögliche einzuhandeln und kehrte dann Abends mit einem Sack voll Waare nach Hause zurück, um zu Mincha oder jedenfalls zu Maariv wieder gemeinsam mit der Gemeinde beten zu können. Es fiel wenig ab bei diesem Handel und sein Erträgniß reichte kaum aus, um die Familie kärglich zu erhalten. Da kam Sukkos. Lulos, Esrog und Hadassim waren zu jener Zeit besonders theuer und es war Reb Jtzig nicht gelungen, so viel zu ersparen, um sich Arba Minim zu kaufen. Er hatte nicht mehr als einen Gulden übrig und damit konnte ec nichts anfangen. Er verband sich daher mit zwei andern armen Leuten, um mit ihnen gemeinschaftlich die vier Pflanzenarten zu erkaufen. Das hatte aber Reb Jhig den ganzen Jomtos verstört, und er nahm sich fest vor, alles zu thun, damit das nicht wieder vorkomme. Direkt nach den Feiertagen ging er zu dem Esroghändlcr des Ortes und machte ihm den Vorschlag, er wolle ihm Jahr ein, Jahr aus jede Woche sechs Kreuzer zahlen, er müsse ihm aber dafür jedes Jahr aus Sukkos einen schönen Esrog liefern, und sich mit dem Preis zufrieden geben ohne Rücksicht darauf, ob die Esrogim gerade theuer oder billig seien. Das Geschäft wurde abgeschlossen. Reb Jtzig lieferte jeden Freitag seine sechs Kreuzer ab und erhielt dafür einen schönen Esrog auf Sukkos. Das ging so mehrere Jahre fort, bis eines schönen Freitags, es war noch nicht einmal Ellul, der Händler dem Haustrer einen Esrog zeigte, den er soeben als Probesendung direkt aus Triest erhalten hatte. Der Esrog war sehr schön, wie es bei einem zur Probe geschickten Eremplar nicht anders zu erwarten war und der Haustrer war gern bereit, den Esrog als sein Eigenthum mit nach Hause zu nehmen. Er knüpfte nur die Bedingung daran, den Esrog gegen einen anderen Umtauschen zu dürfen, falls gegen alles Erwarten sich unter den später eintreffcnden etwas schöneres finden sollte. Niemand war glücklicher als der arme Handelsmann, als er so früh seinen Esrog in Sicherheit wußte, seine Freude wurde nur durch das Bedenken getrübt, welches seine kluge Lebengefährtin zu Hause geltend machte, daß der Händler den Esrog gewiß nicht ohne Absicht so frühzeitig verkauft habe, weil er sich vielleicht gar nicht bis Sukkos in seiner gegenwärtigen Frische halte. Aber der Händler lachte seinen vorsichtigen Kunden aus und versicherte ihn, er gebe ihm jeden anderen beliebigen Esrog, wenn diese Befürchtung wirklich eintreffen sollte. Da traten während der ersten Tage des neuen Jahres ungewöhnlich heftige Regengüsse ein, die in wenigen Tagen Hochwasser zur Folge hatten. Die Flüsse traten aus den Ufern, so daß Bahn und Post den Verkehr einstellen mußten. Die Esrogim waren von Triest rechtzeitig abgeschickt worden, aber sie konnten wegen der allgemeinen Wassernoth nicht weiterbefördert werden und blieben mit den zahllosen anderen Frachtstücken in den von dem Wasser verschonten Stationen aufgestapelt liegen. Jom Kippur kam und ging, aber von den Esrogim war keine Spur zu sehen und die Aussicht schwand von Stunde zu Stunde, auf Sukkos einen Esrog zu bekommen. Der Esroghändler, von allen Seiten umdrängt, zuckte schwermüthig die Achseln, weil sein Geschäft, von dem er den großen Theil des Jahres lebte, wörtlich zu Wasser zu werden drohte. Er suchte noch am Ausgang von Jom Kippur Reb Jtzig auf und sagte, er hätte ihm ein gutes Geschäft vorzuschlagen. Er kaufe den Esrog wieder zurück und zahle dafür 26, 30, 40 Gulden. Aber der arme, reiche Haustrer lächelte und meinte: so reich seid ihr nicht, um mir einen Esrog abzukaufen, und wenn ihr mir die Schul mitsammt dem Almemor anbieten würdet, er ist nicht seil. Als der Händler fort war, schloß Reb Jtzig vorsichtig seine ärmliche Stube ab, öffnete die Kommode, in welche er den Esrog verschlossen hatte, um sich zu überzeugen, daß sein Schatz auch noch unversehrt da war. Er war womöglich noch schöner geworden in seinem Verließ, goldgelb, flecken- und makellos lächelte er seinen glücklichen Besitzer an und dieser strahlte vor Freude über das Glück, das ihm auf so wunderbare Weise geworden war. Dieses Glück wurde noch erhöht, als er sich überzeugte, wie die würdige Gefährtin seines Lebens, welche alle Sorge und Entbehrung mit ihm iheilte, in dem Punkte ganz so wie er dachte und auch nicht einen Augenblick im Zweifel war, daß man eine solche Mizwoh nicht für bloßes Geld preisgeben dürfe und wenn auch 40 Gulden auf dem Spiele ständen, eine Summe, welche die armen Leute vielleicht niemals beisammen im Besitze gehabt hatten. Am anderen Morgen stand man in „Gottes Namen" auf, ging früher als sonst zum Morgengebet, früher als sonst suchte Reb Jtzig seine Dörfer auf, um noch für die bevorstehenden Feiertage vielleicht etwas zu verdienen. Seine Frau und die Kinder hätten so nöthig neue Kleider auf Jomtof gebrauchen können und wenn sie jetzt wegen der kurzen Zeit auch nicht mehr zu beschaffen gewesen wären, er hätte ihnen wenigstens gern die Versicherung auf Jomtof gegeben, daß sie nach