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Der Israelit · 1900-10-04 · Heft 80-81 (4.10.1900) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 80-81 (4.10.1900)
Date
1900-10-04
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1668 schönen Esrog gefordert wurde. So kam es, daß er schon Wochen lang vor Sukkos ein Prachtexemplar von Esrog für theures Geld kaufte. Acht Tage später wurde ihm aber von anderer Seite noch ein schönerer offerirt, er kaufte auch diesen und seine Nachfolger, die auf dieselbe Art an ihn herankamen. Auf diese Weise hatte Herr von Kirschheimer bis Sukkos eine ganze Garnitur von 6—7 ausgesucht schöner Esrogim, die alle so vollendet waren, daß ihm selber am Jomtof oft die Wahl schwer fiel, für welchen er sich entscheiden sollte. „Ich habe Heuer nur sechs Esrogim, lauter Cabinetsstücke, Muschorim Schabemufchorim, bei zweien davon habe ich selbst lange geschwankt, für welchen ich mich entscheiden soll, ich bin doch begierig, ob Ihr den rechten herausfindet." Dabei stand er auf, öffnete einen kleinen Seitenschrank, nahm sechs schwere, goldene Schalen heraus, welche die herrlichen Früchte enthielten und legte sie der ganzen Tischgesellschaft zur Beurtheilung vor. Wolf hatte mit Kennerblick sofort den richtigen getroffen zur großen Freude des Großvaters, der die herrlichen Früchte bald wieder zurückstellte, damit sie durch das Betasten der vielen Hände keinen Schaden litten. „Großvater," begann Wolf, als sich Alle wieder 'niedergesetzt hatten, „diese sechs Esrogim kosten doch, schlecht gerechnet, ihre dreihundert Gulden, warum gibst Du so viel Geld für eine solche Mizwa aus? Du hättest den schönsten unter diesen Esrogim kaufen können und es wäre noch Geld genug für zwei bis drei Fahrräder übrig geblieben. Ich habe Dich schon so lange um ein Fahrrad gebeten, aber davon hast Du nie etwas wissen wollen und mich immer damit vertröstet: „Kommt Zeit, kommt Rad!" Jetzt ist aber die Zeit gekommen, wenn ich auf die Universität soll, die 25 Minuten von unserer Wohnung entfernt liegt-" „Wolf," unterbrach ihn der Großvater, „wie kannst Du einen Esrog und ein Fahrrad miteinander vergleichen und beide in einem Athemzug nennen? Weißt Du nicht, daß es in der Thora heißt: Das ist mein Gott und ich will Ihn auf schöne Weise verehren, — und daß sich für uns daraus die Pflicht herleitet, alle Gebote Gottes auf möglichst ansprechende Weise zu erfüllen?" „Pardon, Großvater, gewiß weiß ich das, aber gerade aus der Stelle, aus welcher ich das weiß, ergibt sich mein Befremden. Die Gemoro leitet allerdings aus diesem Satz die Pflicht einer möglichst schönen Erfüllung aller Mizwoth ab. Aber sie greift speziell einige Mizwos besonders heraus und sagt: „diene Gott mit einer schönen Sukko, mit einem schönen Lulab, mit einem schönen Schofar, mit einem schönen Zizis, mit einer schönen Sefer Thora." Wenn dazu sechs Esrogim gehören, warum hall Du nicht auch sechs Sukkos, sechs Schoferos und sechs Sifre Thora, ja, warum hast Du sechs Esrogim und nur einen Lulab, müßtest Du nicht wenigstens auch noch fünf Lulabim haben?" Der Großvater war offenbar nicht in der Lage, diesen Einwand zu pariren. Lächelnd erhob er den Finger und sprach mit scherzendem Drohen: „Ei, ei, in Dir lleckt ja wirklich schon ein ganzer Jurist, der leibhaftige Staatsanwalt. Du glaubst also wirklich, daß ich für meine Esrogim zu viel Geld ausgebe und willst mir das gar aus der Gemoro beweisen? Ich will Dir aus derselben Gemoro beweisen, daß ich für meine sechs Esrogim noch nicht so viel gezahlt habe, als Rabbon Gamliel für einen einzigen Esrog." „Wie viel hat Rabbon Gamliel dafür gegeben?" „Eintausend Sous, das entspricht einem Werth von ca. 760 Mk." „Ah, Du meinst den Fall, in welchem Rabbon Gamliel auf der Reise mit anderen Großen in Israel war und nur schwer sich einen Esrog beschaffen konnte. Das war aber nur ein Ausnahmefall, keinesfalls hat aber Rabbon Gamliel jedes Jahr eine solche Summe für einen Esrog bezahlt. Es wird auch aus späterer Zeit sich kaum ein Fall anführen lassen, in welchem ein solcher Preis für einen Esrog bezahlt wurde." „Rur nicht so rasch, mein kleiner Springsinsfeld. Als am Anfang dieses Jahrhunderts Kopenhagen von den Engländern blockirt war, konnte die jüdische Gemeinde um keinen Preis der Welt ein Esrog erlangen. Ein Lulaf war aus dortigen Treibhäusern zu haben. Damals setzte die Gemeinde einen Preis von 5000 Kronen für die Beschaffung eines Esrog aus, und sie bekam es auch." „Wie war das möglich?" „Ein Matrose ließ sich durch den hohen Preis bestimmen, bei Nacht und Nebel zwischen den feindlichen Schiffen durch den Belt zu schwimmen, nach Hamburg zu reisen und dort ein Esrog zu kaufen. Er kehrte auf demselben Wege wieder zurück und lieferte zwischen Rosch-Haschono und Jomkippur dem Vorstand der jüdischen Kopenhagener Gemeinde den Esrog ab, der ihm dann mit dem vollen, versprochenen Preis bezahlt wurde." „Das ist vielleicht ein noch größerer Ausnahmefall, als derjenige zur Zeit Rabbon Gamliels. Aber man kann doch daraus keine Folgerungen für normale Zeiten und Verhältnisse ziehen!" „Das möchte ich auch nicht behaupten," erwiederte sinnend der Großvater. „Aber damit Du die Bedeutsamkeit, welche ich einem schönen Esrog beilege nicht für ein gewisses Faible, für einen bloßen Sport hältst, muß ich euch doch einmal die Geschichte erzählen, welche eigentlich mich dazu geführt hat. Es ist eine merkwürdige, wunderbare Geschichte und das Interessanteste daran ist, daß sie wortwörtlich wahr ist. Laßt euch zuerst noch eine frische Tasse Kaffee einschenken, denn die Geschichte zieht sich vielleicht ein wenig in die Länge." Herr von Kirschsteiner blies einige mächtige Rauch-

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