Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449124--51704-2502250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1664 Spötier seine Freunde und damit sein Berderben. Sie lehrten ihn das Leben in ihrer unlauteren, gemeinen Weise genießen und ließen ihn Theil nehmen an ihren Ausschweifungen und ihrem ganzen lüderlichen Lebenswandel. Sein glänzender Blick verglaste, seine rothen Wangen fielen ein, seine Lebensheiterkeit wurde durch eine brütende, düstere Schwermuth verdrängt. Statt der bisherigen Freude an seinem Berufe, machte sich Unlust, Widerwille und Unpünktlichkeit im Geschäft mebr und mehr bemerkbar. Während er sonst mit flinker Hurtigkeit sich aus den Armen des Morgenfchlafes riß, sein Morgengebet verrichtete und als der Erste im Geschärt zur Stelle war, konnte er jetzt nicht lange genug schlafen. Es kam nach halbdurchzechten Nächten oft vor, daß er morgens eine viertel Stunde vor Beginn der Geschäftszeit noch in den Federn steckte. Er konnte ohne Preisgabe des Morgengebetes, der Tefillin und ZiziS, nicht pünktlich zur Stelle fein; er gab sie preis. Als er ein Jahr später auf die Reise geschickt ivurde, kostete ihn die Verletzung der Speisegesetze längst leine Ueberwindung mehr. Wie ihm das alles mit so beängstigender Deutlichkeit vor der von Schmerz und Scham zerwühlten Seele stand! Er sah die Stadt, das Gasthaus, den lang gedeckten weißen Tisch, an dem er am ersten Tage seiner Reise sich am einen Ende der Tafel Fische und Kartoffeln besonders serviren ließ. So richtig offiziell trephah zu essen, das batte er noch nicht über sich gebracht, er war noch ein schüchterner Anfänger in diesem Fach. Da kam ein alter Reiseonkel, der Vertreter eines Concurrenzgeschästes, in den Saal, und auf die Frage, warum er sich besonders serviren lasse, hatte er noch die Kühnheit zu antworten: „Was denken Sie auch, ich esse koscher!" Da klopfte ihm der geriebene Reisende auf die Schulter und sagte höhnisch: „Ah, entschuldigen Sie, Sie halten das für loschei?'. Dann essen Sie ruhig weiter, mit Fischen und Kartoffeln habe auch ich angefangen." Das hatte dem Faß den Boden ausgeschlagen. Er kannte längst keine Skrupel mehr in seinem Essen und Trinken und seinem ganzen sonstigen Genußleben. Sein ausschweifender Lebenswandel stürzte ihn in Schulden, die er durch wiederholte Eingriffe in die Geschäftskafse deckte. Niemals war etwas von diesen Veruntreuungen an's Tageslicht gekommen, aber um so schwerer lagen sie ihm wie ein drückender Alp auf der geängstigten Seele. Er konnte seinem Chef, dessen volles Vertrauen er genoß, nicht mehr in's Auge schauen, aus Furcht, man könne ihm den Dieb aus den Blicken lesen. Die nächsten Feiertage verbrachte er zum ersten Male wieder im elterlichen Hause. Dort durfte keine Seele die Umwandlung ahnen, die sich mit ihm vollzogen hatte. Er mußte zu Hause in der gewohnten Weise beten, essen, trinken, und diese Heuchelei drückte ihm schier das Herz ab. Er war glücklich, als er sofort nach den Feiertagen das Elternhaus verlassen konnte. Er war ein Fremder darin geworden. Noch gieriger stürzte er sich in den Strudel der Zerstreuungen, tiefer und tiefer sank er in den Pfuhl der Entartung; er hatte die Kraft nicht mehr, sich zu ermannen und sich loszureißen. Gebrochen am Körper, geknickt ani Geist, warf ihn als Folge feines sittenlosen Lebens eine schmerzliche, langwierige Krankheit darnieder, aus der er als hohläugiger, jugendlicher Greis wieder zum Leben erstand. Aber er stand diesem Leben blasirt und theilnamslos gegenüber, er hatte die Lust am Leben verloren. Noch glühte die eingefressene sündige Leidenschaft in der Brust, aber die Kraft fehlte ihm, ihr zu fröhnen. Verdrossen und mürrisch griff er wieder seine geschäftliche Thäiigkeii aus, aber es war kein Trieb und kein Segen darin. Langsam, langsam arbeitete er sich wieder in die Höhe, aber die Lust am Dasein, die Freude mit der Thätigkeit war dabin. Da starb die Mutter. An ihrem Grabe hatte er sich gelobt, ein neues Leben zu beginnen. Aber er konnte den Vorsatz nur wenige Tage lang aussühren. Als er nach Lerlauf der sieben Trauertage das Elternhaus verließ, verließ ihn auch der treue Lebensvorsatz, den er in ernster Stunde gefaßt hatte. Sein siecher Körper, sein verunlauterter Geist waren zu schwach für den Kamps gegen Gewohnheit und Sünde. O wäre er noch einmal jung, rein, wäre er noch einmal im Besitz seiner vergeudeten Körper- und Geisteskräfte gewesen, er wollte gewiß brav und wacker bleiben; aber jetzt gibt es kein Zurück. Was er bis jetzt nur geahnt, sieht er mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen: den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, zwischen der Ausschweifung und dem Zusammenbruch aller Kräfte, zwischen dem frivolen Wüstling und dem lebensmüden Greise, zwischen der Sünde und dem Tode! Ta kam der Jom Kippur. Seit dem ersten Frühstrahl stand er vereint mit den Brüdern im Gebet vor Gott. Aber was den anderen wie tröstender Balsam die Wunden der Seele heilte, stachelte sein Gewisten zu neuen Dualen auf. Als er heute Morgen zu beten ansing, vor dem Herrn der Welt, der als König waltete, bevor noch ein Geschöpf erschaffen war, sagte er sich bereits', daß er diese Worte nicht beten dürfe, ohne sich einer Blasphemie schuldig zu machen. Sein Herr war Er ja nicht mehr, er hatte ihm längst den Gehorsam versagt und sich in Trotz und Dünkel gegen Sein Gesetz aufgelehnt. Als der Segensspruch ihm über die Lippen gleiten wollte, der Gott als Denjenigen feiert, welcher uns durch Seine Gebote geheiligt hat und uns zur lauteren Erhebung der Hände verpflichtet, fiel sein starrer Blick auf die sündigen Hände, die sich an dem Gut des Brodherrn vergriffen hatten. Als er den Preis Gottes verkünden sollte, der den menschlichen Körper mit so wunderbarer Weisheit gebildet hatte, erstarb ihm das Wort auf der Zunge vor dem Gedanken, daß er die Offen-