Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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41. Jahrgang. Dritte Meit'. zu Jfs 80 & 81 des „Israelit". Keuilletsn. Au Nellcr. Von Robert Hänlein. Draußen sandte die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen zur Erde nieder und vergoldete die Spitzen der Bäume. Einer dieser Strahlen fiel durch das hohe Synagogenfenster auf die versammelte Gemeinde, welche fastend und betend den Tag der Versöhnung mit Gott, mit sich selber und mit ihrer ganzen Umgebung feierte. Mir diesem Sonnenschein verband sich der flackernde Lichtschein der tief herabgebrannten Jomkippur-Kerzen und wob eine glänzende Lichtkrone, die wie von unsichtbaren Händen gereicht, auf die Häupter der Beter niedergleitete. Aber noch milder und lichter glänzte die Jnnigleit und Seligkeit, welche aus den Mienen der Beter leuchtete. Von Abend bis Abend hatten sie um Vergebung und Sühne ihrer Fehler und Schwächen vor Gott gerungen. und nun waren sie auf den Schwingen ihres Gebetes der Pforte genaht, die zur Versöhnung mit Gott führt. msv ',:b rr,£ „Cerfne uns die Gnadenpforte," rief laut die ganze Gemeinde, „denn der Tag neigt seinem Ende zu!" Die ganze Gemeinde? Nein. Dort an der Säule lehnte ein gebrochener, lebensmüder Greis, dessen Lebensweg auch dem Ende Zueilte, aber die Pforte, die zur Gnade Gottes führt, hatte er nicht gefunden. Ueberwältigt von der Heiligkeit des Augenblicks, erschöpft vom Fasten, lehnte er, tief in sein Tallis gehüllt, an dem Pfeiler neben seinem Synagogenplatz und stierte unvertvandten Blickes aut den Boden, als schämte er sich, das Auge auch nur zur Höhe seines geöffneten Gebetbuches zu heben. Als die Gemeinde in freudigem Schauer riet: rx'::; -pVE’ „Wir treten nun ein in Deine Pforte!" schüttelte er webmüthig das schwere Haupt und hauchte mit einem tiefem Seufzer die trostlose Gewißheit hinaus, daß ihm die Pforte, die zur Gnade Gottes führt, ewig verschlossen bleiben muffe. Er hatte ein so bewegtes Leben voll Leichtsinn und Sünde, voll Ungehorsam und Trotz hinter sich, daß er aus Gottes Verzeihung nicht hoffen konnte. Seine ganze Vergangenheit zog an seinem geistigen Auge vorüber. Zurück bis in die Tage des ersten erwachenden Bewußtseins geleiteten ihn die schmerzvollen Erinnerungen. Da stand seine Heimgegangene Mutter vor ihm, wie sie ihm die treue Hand I auf das Haupt legte und ihn, als er noch kaum sprechen konnte, die Worte nachlallen lehrte: P2X szv ■ex rrn erzn bs'. „Höre, mein Kind, auf die Erziehung deines Vaters, und verwirf nicht die Belehrung deiner Mutter!" Und er hatte auf die Erziehung des Vaters nicht gehört und hatte die Belehrung der Mutter leichtsinnig von sich gewiesen. So lange er noch als Kind unter der unmittelbaren Leitung der Eltern und im Kreis der Geschwister lebte, war er die Freude seiner Eltern und der Stolz seiner jiingeren Geschwister gewesen. Aber als er wenige Jahre nach seiner Bar Mizwe in's Geschäft trat, waren die Versuchungen der Großstadt an ihn herangetreten. Sein Vater hatte ihn in ein Geschäft gegeben, das an Sabbat und Jomtof geöffnet war, das aber ihn eontraetlich an diesem Tage vom Besuch des Geschäftes dispenffrte. Der Vater hatte ihn in die Stadt begleitet, noch fühlte er den Druck der Hände, die der scheidende Vater segnend ihm auf's Haupt gelegt hatte. Aber schon nach den ersten paar Wochen erlag er dem Spott und Hohn seiner Sabbat entweihenden Genossen und der Verführung seines eigenen Prinzipals. Diesem war er als jüngster Lehrling der lebendige, leibhaftige Vorwurf, wo er ihm in den Weg kam. Daß dieser Knirps von Lehrling den Sabbat heilig hielt, während ihn der Eher des Hauses entweihte, war für die Dauer unerträglich. Der Freitag stand noch ganz lebendig vor seiner Seele, an dem ihn der Chef mit wohlwollender Gönnermiene in's Eomptoir rief und ihm erklärte, wie er jede religiöse Ueberzeugung schätze und achte. Aber Angesichts der Neckereien und Nörgeleien des Comptoirpersonals, denen er fortwährend ausgesetzt sei, rathe er ihm ja nicht, mit dem Sabbat zu brechen, sondern nur einige Stunden in's Geschäft zu gehen, ohne irgend etwas zu arbeiten. Er sah sich auch mit seinen Sabbatkleidern als fünfzehnjähriger Knabe am Sabbat in's Geschäft gehen, er fühlte noch jetzt das Zittern der Hand, das ihn einige Sabbate später befallen hatte, als er aus Geheiß seines Chefs einer Marktfrau am Sabbat zum ersten Male drei Meter Kattun abschnitt. Mit diesem Schnitt hatte er das Band zerschnitten, welches ihn mit seinen Eltern, mit seinem Judenthum, kurz, mit allem, was ihm heilig war, verbunden hatte. Als ihm dies alles jetzt in der Scheidestunde des Jomkivpul mit erschreckender Klarheit vor die bewegte Seele trat, wurde ihm zum ersten Male die erziehende, sittigende Kraft klar, mit welcher Gott seinen Sabbat ausgestattet hat. So lange er treu den Sabbat gehalten hatte, zog dieser einen .Kordon zwischen ihm und seinen leichtlebigen Alters- und Geschäftsgenossen. Als diese Schranke aber gefallen war, wurden die bisherigen