Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449124--51696-2502242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1656 sich befand. Der Mann konnte sich vor Staunen über das Erlebniß nicht fassen, welches ihm nun die Welt in einem ganz anderen Lichte zeigte. Hatte er ja vergebens bei allen „vornehmen" Institutionen angepocht und sich an die verschiedenen Vereine und Kasten gewendet, die „zur Rettung des christlichen Mittelstandes aus Juden- Händen" wie Pilze aus dem Boden geschosten waren, wie die Persönlichkeiten, welche nicht müde wurden, dem christlichen Volke den Untergang zu prophezeien, mit dem es die Juden ewig bedrohen! Damals vernahm Herr Lapinski aus dem Munde seiner jüdischen Freunde jene schlichten Worte, die er nun in seinem Testamente verewigt wissen wollte. Das edle Gefühl der Dankbarkeit ist eine Frucht, welche selten reift, am seltensten jedoch haben wir Juden Gelegenheit, sie zu pflücken, um so mehr darf uns die Handlungsweise und die Aeußcrung des Herrn Lapinski mit Genugthuung erfüllen, zumal, als sie einen wahren Kiddusch Haschem bedeuten. Seit jener Zeit gewann Herr Lapinski ein reges Interesse für seine jüdischen Mitbürger und deren Institutionen. Er abonnirte jüdische Zeitungen, ward Mitglied mehrerer jüdischer Wohlthätigkeitsvereine, und mit besonderer Sorgfalt ließ er sich die Fortschritte der jüdischen Handwerkerschule angelegen sein. Dieser Institution vermachte er auch, wie erwähnt, die Summe von 2000 Rubel und begleitete das Legat mit außerordentlich herzlichen und wohlwollenden Worten, die dem Herzen dieses edlen Mannes alle Ehre machen. Schon im Jahre 1892 hatte er diese Schule mit einer größeren Gabe bedacht und dabei es sich nicht nehmen lassen, in einem Briefe an die Verwaltung seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Auch in den lebten Augenblicken seines Lebens berief er sich auf dieses Schreiben und fügte hinzu: „Möge die Verwaltung der Schule stets darauf bedacht sein, in ihren Zöglingen die Liebe und die Hochachtung zu den großen und edlen Traditionen ihrer Religion wach zu erhalten, die zur Menschenliebe und zur Redlichkeit führen, und die sicherste Bürgschaft bieten, daß Juden und Christen in ungetrübter Harmonie nebeneinander in dem gemeinsamen Vaterlande leben." Ehre dem Andenken des edlen Menschen! — Von dem groß angelegten Werke des Herrn Mathias Versöhn „Ueber die alten Synagogen in Polen", von welchem Sie unlängst Ihren Lesern in ausführlicher Weise berichteten, ist vor Kurzem das zweite Heft erschienen. Dasselbe bringt eine große Fülle illustrativen u. historischen Materials, in der geschmackvollsten und anziehendsten Weise verarbeitet. Es kommen hier zwei der merkwürdigsten alten Synagogenbauten, mitsammt der inneren Ausstattung und Decoration, zur ausführlicheren Behandlung u. Darstellung, nämlich die von Pohrebyszcz bei Rewyczew, und die von Lutomiersk bei Piotzkow. Mit einem ungeheuren Aufwands von Mühe und Kosten hat der Verfasser diese denkwürdigen Baudenkmäler unserer Altvordern in den entlegenen, von der großen Welt beinahe abgeschnittenen kleinen Nestern, die einst blühende Gemeinden gewesen sind, untersucht und ausgenommen, und mit einem erstaunlichen Fleiß und Spürsinn die Geschichte ihrer Entstehung erforscht. Die Mitte des 17. Jahrhunderts, welche die grausigen Kosakenaufstände und die verheerenden Schwedentriege gesehen hat, bildete für die Geschichte der Juden in Polen einen Wendepunkt. Unendlich Vieles ist damals zu Grunde gegangen, was frühere Jahrhunderte mit Mühe aufgebaut hatten, und was nachher mit heroischer Anstrengung wieder aufgerichtet werden mußte. Das gilt auch von den Gotteshäusern, speziell von dem in Pohrebyszcz, welches, wie Herr Versöhn auf einem an die Außenwand lehnenden Denkstein eingeritzt fand, im Jahre 1698 von«den Horden des Chmielnicki, gelegentlich des Ueberfalles der Stadt — wobei Greise, Frauen und Kinder schonungslos hingemordet worden sind — zerstört wurde. Es fand in der Synagoge gerade eine Trauung statt. Nachher wurde die Synagoge wieder aufgerichtet. Dieselbe reicht also in das 16. Jahr hundert zurück. Es ist dies ein schöner, äußerst origineller Holzbau, mit übereinander sich thürmenden, spitz zulaufenden Dächern, und zwei niedlichen Thürmchen zu beiden Seiten der Front. Herr Versöhn bietet eine prächtig ausgeführte photographische Aufnahme des Bauwerkes und eine genaue architektonische Disposition der Pläne. Daneben hat er seine Aufmerksamkeit den in dem ehrwürdigen Gotteshause aufbewahrten alten Kultusgegenständen zugewendet und reichliche Ausbeute gefunden. Da ist zunächst ein altes, auf Pergament geschriebenes, mit schönen Arabesken und Initialen geschmücktes Gebetbuch, ferner ein wunderschön gearbeitetes silbernes I a d , mit einer Inschrift, eine silberne und vergoldete Thorakrone, die ein wahres Kunstwerk an Geschmack und edlen Formen genannt zu werden verdient. Zu den schönsten und interessantesten Gegenständen dieser Art gehören jedoch unzweifelhaft zwei in dieser Synagoge aufbewahrte Messingleuchter, der eine zum allsabbatlichen Gebrauch, der andere für Chanuka. Es ist ein wahres Wunder, wie leicht und edel der Meister aus dem schweren Material diese echten Kunstwerke zu gestalten verstanden hat. und nian liest mit Staunen, daß dies nur ein einfacher, jüdischer Handwerker gewesen ist, der gegen das Ende des 17. Jahrhunderts in jenem Städtchen sich von kleineren Metallarbeiten kümmerlich ernährte und beide Leuchter, die er nach eigner Zeichnung ausführte, der Synagoge aus eigenen Mitteln stiftete. Sechs Jahre arbeitete er daran und sammelte das Metall hierzu von alten Geräthen, die er in den Häusern, wo er arbeitete, erwarb. Er hieß Varuch — sonst ist weiter nichts über ihn bekannt geworden. Den eifrigen und unermüdlichen Nachforschungen des Herrn Versöhn