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Der Israelit · 1900-10-04 · Heft 80-81 (4.10.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 80-81 (4.10.1900)
Date
1900-10-04
Page
– (sequence 17)
Language
German
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41. Jahrgang. Zweite Merk. zu 80 & 81 des „Israelit". Leitender Artikel. Marschcmer Brief. (Dev letzte Wille eines Nichtjuden. — Das Werk des Herrn Versöhn.) Warschau, im Tischri. Vor Kurzem verstarb dahier ein wohlhabender ch r i st l i ch e r Kaufmann Namens Alexander L a p i n s t i und hinterließ ein Testament, welches, zumal in unseren Zeiten, es im höchsten Grade verdient, weiten Kreisen bekannt gemacht zu werden. „Der Verstorbene vermachte der jüdischen Gemeinde von Warschau die Summe von 6000 Rubel zu ihren Zwecken, und ausserdem die Summe von 2000 Rubel der jüdischen Handwerkerschule, welche von dem Verein jüdischer Handelsangestellter unterhalten wird!" Ist schon diese Thatsache allein merkwürdig in einer Zeit und in einer Stadt, wo die Wogen des Judenhasses seit Jahren von einer Bande gewissenloser Hetzer aufgepeitscht, in stetigem Steigen begriffen sind, wo von der Presse und in der Gesellschaft der Hast gegen die jüdische Religion und deren Betenner mit allen nur denkbaren Mitteln unausgesetzt geschiirt wird — so gewinnt das Geschehnih erst an Bedeutsamkeit, wenn man die Worte liest, mit denen der Erblasser sein Legat begleitete und seine ebenso ausserordentliche tvie auffällige Handlungsweise begründet. Die betreffende Stelle in dem Testamente des Herrn Lapinski lautet in tvörtlicher Uebersetzung tvie folgt- „Meine Lebensversicherungs Police in der Höhe von 6000 Rubel soll sofort nach meinem Tobte dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde übergeben werden, zum Wohle der Armen mosaischen Bekenntnisses; wie ich dies bereits in meinem Schreiben an den Vorstand genauer auseinander gesetzt habe, „thue ich dies nicht nur aus Dankbarkeit fiir die redliche Handlungsweise rneiner jüdischen Gläubiger, die mich vor der Schmach des Bankerottes gerettet haben, sondern auch um die Erinnerung an ihre Worte zu verewigen, die sie zu mir gesprochen," als ich sie befragte, tvie sie dazu kämen, mir, eineur Christen, mit so grossen Opfern hilfreiche Hand zu bieten, da doch, wie man unaufhörlich höre und lese, die Juden unglückliche Christen dem Untergange entgegen treiben. Darauf anttvorteten sie mir, „dass ste in ihrem Verhalten mir gegenüber sich eben gerade nach den Borschriften ihrer Religion richten, die ihnen gebiete, jeden ehrlichen Menschen, möge er welcher Religion immer angehören, vor dem ihn bedrohenden Unglück zu retten." Man must sich vor Augen halten, was alles in den letzten Jahren in der Presse und leider auch von den Kanzeln herab in der frechsten u. ungezähmtesten Weise Weise über die „talmudische Ethik," über die „rücksichtslose Habgier" und über die „Gemeingefährlichkeit der Juden" zusammengelogen wurde, um genau zu ermessen, wie viel Vornehmheit und Selbstständigkeit des Denkens dieser einfache Kaufmann in seinen schlichten Worten zum Ausdrucke bringt. Dieser Mann gehörte offenbar zu den Wenigen, die sich von dem allgemeinen Gekläffe nicht beirren lassen, das Gezeter der gewissenlosen Zeitungsschreiber auf sich beruhen lassen und ihre Gesinnungen und Handlungen nach den Thatsachen des Lebens einrichten. Und die Thatsachen des Lebens haben den verewigten Herrn Lapinski eben etwas ganz anderes gelehrt, als das, was er in allen Zeitungen seines Landes bei jeder sich nur darbietenden, passenden oder unpassenden Gelegenheit lesen konnte. Mit rührender Stimme pflegte er in Freundeskreisen stets seine Erfahrungen mit den Juden zu erzählen. Als Kaufmann hatte er stets fast ausschließlich mit Juden zu thun und lernte dadurch vieles von ihnen. Er hatte ihren Unternehmungsgeist, ihren regen Geschäftssinn und ihre Tüchtigkeit kennen gelernt und bewunderte besonders den Ernst, mit dem sie die kleinen wie die großen Geschäfte behandeln, der so ganz abstach von der Art, wie die Polen im Handel vorzugehen pflegten, die alles wie ein Familienfest oder einen Freundschaftsdienst behandeln. Er stand mit vielen ausländischen Fabriken in Verbindung, und in Folge schlechter Konjunkturen, die längere Zeit anhielten, büßte er einen großen Theil seines Vermögens ein unfeine Reihe von Unglücksfällen in der Familie gesellte sich dazu, seine Lage verwickelte sich immer mehr, bis er sich endlich am Rande des Ruins sah. Er wusste keinen Ausweg und offenbarte seine verzweifelte Lage seinen jüdischen Geschäftsfreunden, in der Neberzeugung, dass ihn nun diese „kalten Geschäftsmenschen" unbarmherzig an's Messer liefern würden. Wie war er nun erstaunt, als er anstatt harter Herzlosigkeit brüderliche Theilnahme fand. Die „kalten Geschäftsmenschen" traten zusammen, berechneten mit grösster Kaltblütigkeit, wie hoch sich die Verluste beliefen und wie viel Geld nöihig wäre, um dem Bankerott des christlichen Geschäftsfreundes vorzubeugen und ihm, der Vater einer zahlreichen Familie war, seine frühere Stellung wiederzugeben. Es kamen mehrere Hunderttausende heraus. Geräuschlos bot ein Jeder den seinen Verhältnissen angemessenen Theil, man stellte den Credit der bedrohten Firma wieder her, und bald darauf konnte Herr Lapinski sein Geschäft wieder beginnen, welches nach Verlaus von einigen Jahren aus der früheren Höhe

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