Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWWWWWMSM^WWMWWWSWKW 1649 . Bei einem mit 300 Mk. beginnenden jährlichen Einkommen, welches bis zu 6OO Mk. steigt, genießt die Schwester völlig freie Station, Wohnung, Beköstigung, Kleidung, Reinigung der Wäsche, völlig kostenfreie Verpflegung in Krankheitsfällen und, wie bereits bemerkt, bei Invalidität oder sonstiger Erwerbsunfähigkeit eine Pension von 800 Mk. jährlich, welche bis zu 1000 Mk. erhöht werden kann, auch steht es den erwerbsunfähigen Schwestern, welche Pflegedienst nicht mehr ausüben können, frei, im Schwesterhcim zu verbleiben, falls sie nicht vorziehen, zu Verwandten zu gehen oder anderwärts zu leben. Man mag die völlig freie Station aber noch so gering veranschlagen, das Einkommen unserer Schwestern wird man immerhin auf 1500 Mk. beziffern muffen, was bei anderen weiblichen Berufszweigen und ohne Aussicht auf eine ausreichende Pension doch kaum wird übertroffen werden. Also auch materiell betrachtet, ist der Beruf einer Krankenpflegerin nicht ungünstiger gestellt, als irgend ein anderer Berufszweig. Wir wüßten demnach nicht, welche triftigen Gründe vorliegen könnten, geeignete Mädchen oder Frauen von diesem Beruf zurück zu halten; wir meinen im Gegentheil, man sollte allen Personen, welche zu der Krankenpflege Hinneigen, für diese Lust und Liebe empfinden, jeden Stein zur Erreichung ihres Zieles aus dem Wege räumen, man sollte die Zaudernden unter Darbietung der nöthigen Aufklärung bewegen, den Versuch zu wagen und diejenigen, die sich durch Vorurtheile von dem Beruf abwenden, durch Belehrung und wiederholte Aufforderung allmählich diesem Berufe zuführen. Hoffen wir, daß es uns gelingen wird, im Laufe der Jahre eine stattliche Schaar jüdischer Mädchen und Frauen zu gebildeten tüchtigen Krankenschwestern auszubilden. sie hierdurch dem höchsten und schönsten Beruf weiblicher Thätigkeit zuzuführen, dieselben wirken zu lasten, „ein Segen für unsere kranken Glaubensgenossen und eine Ehre für unsere jüdischen Frauen". Bei redlichem Wollen wird auch der Erfolg nicht ausbleiben. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Hamburg. (Be st raste antisemitische Rüpelei.) Ein hiesiger Geschäftsmann erhielt vor einiger Zeit von einem in Stade wohnenden Kaufmann M. eine offene Postkarte zugestellt, in welcher er als „Jude" angeredet wurde. Außerdem enthielt die Karte noch einen antisemitischen Erguß. Der Geschäftsmann strengte gegen M. eine Beleidigungsklage an, die in der letzten Sitzung des Schöffengerichts zur Verhandlung gelangte. Der Angeklagte, welcher sich als Antisemit bekannte, war nicht wenig verblüfft, als festgestellt wurde, daß der von ihm mit „Jude" angeredete Kläger sich als echter Arier entpuppte. In Rücksicht auf die Schwere der öffentlichen Beleidigung erkannte das Gericht gegen den Angeklagten auf 50 Mk. Geldstrafe und auf Publikation des Urtheiltenors in mehreren Blättern. Frankreich. Paris. (Der Brief von Alfred Dreyf u s.) Auf das Schreiben, das Senator Trarieux, Präsident der Liga der Menschenrechte, am 9. September aus Anlaß des Jahrestages der Urtheilsfällung in Rennes an Alfred Drevfuß richtete, hat dieser, wie bereits kurz gemeldet, folgende Antwort gegeben: „C o l o g n y bei Gens, 13. September. Mein Herr! Bei meiner Rückkehr von einem Spaziergange in der Umgebung von Genf habe ich Ihren Brief vorgefunden, der mich in der traurigen Jahreswende des Urtheils, das in Rennes gegen jede Gerechtigkeit und unter Mißachtung der Evidenz gefällt worden war, tief gerührt hat. Dieser von Hochherzigkeit und Edelsinn eingegebene Brief ist gleichzeitig eine rührende Huldigung für die Sache der Gerechtigkeit; ich danke Ihnen dafür aus vollem Herzen. Ich war auch tief bewegt, zu sehen, wie sehr Sie meine Seele durchdacht und Alles begriffen haben, was in meinem Leben noch traurig und schmerzlich ist. Gewiß habe ich die Freiheit wiedererlangt, die Meinigen nach so vielen Jahren furchtbarer Trennung wiedergefunden, zahlreiche, noch in Rennes unbekannte Freunde gefunden, die getreu den Prinzipien Frankreichs von Recht und Gerechtigkeit mit so viel Muth die Vertheidigung eines Unschuldigen übernommen hatten. Ich habe aber während fünf Jahren eines furchtbaren Märtyrerthums nur für die Ehre gelebt. Run bestehen die moralischen Folgen der Ungerechtigkeit noch fort, die innere Qual ist noch immer gleich groß, die Gerechtigkeit ist noch nicht zu ihrem Rechte gelangt. Das Ziel, das ich verfolge, bleibt also unverändert, bis es erreicht ist: die gesetzliche Revision meines Prozesses. Die Liga, deren Präsident Sie sind, hat eine große und edle Aufgabe übernommen, die, allen Opfern der Ungerechtigkeit eine hilfreiche Hand zu bieten, und ich bin mit Leib und Seele mit Ihnen in diesem bewunderungswürdigen Werke menschlicher Solidarität und Brüderlichkeit. Nochmals Dank, und glauben Sie an meine tiefe Hingebung und meine volle Dankbarkeit. A. Dreyfus." Rußland. Telschirr (Gouv. Kowno, Rußland). Die hiesige, unter der bewährten Leitung des Herrn Oberrabbiner Elieser G o r d o n stehende Jeschiwa hat in verhältnißmäßig kurzer Zeit — sie besteht erst 17 Jahre — sich uneingeschränkte Anerkennung gewonnen. 300, meistens recht begabte Jünglinge werden in fünf Abtheilungen für den Rabbinerberuf vorgebildet und müssen in allmonatlichen Prüfungen von ihren Fortschritten Beweise liefern. Um eine möglichst allseitige Ausbil-