Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■ff« 1648 UU41 M heitszustand beurtheilen, oder in ärztliche Anordnungen eingreifen zu wollen, das ist die Kunst, welche wir Takt nennen und die unentbehrlich ist in allen Fällen. Wenn wir im Vorstehenden auf alle Erfordernisse hingewiesen haben, auf alle Eigenschaften, welche eine gebildete Krankenpflegerin besitzen soll, so wäre es doch falsch, bei Werbung und Einstellung von Schülerinnen rigoros vorzugehen und bei der Auswahl überaus peinlich zu verfahren. Man wird sich einerseits Täuschungen hingeben, wenn Personen, welche sehr geeignet erscheinen, doch nicht einschlagen, es werden aber andererseits Mädchen, von denen wir nicht viel erwarten zu können glaubten, gute und zuverlässige Pflegerinnen. Kurz, erst nach längerer Lehrzeit, häufig leider sehr spät, gewinnen wir ein abschließendes Urtheil. Hierdurch aber dürfen wir uns nicht etwa abschrecken lassen, im Gegentheil, wir müssen uns bestreben, wieder und immer wieder den Versuch zu machen, und schließlich wird doch eine gewisse Zahl brauchbarer Personen gewonnen werden. Hier erscheint es uns als Pflicht, auf unsere besonders häufigen Gegner aufmerksam zu machen, die Eltern und sonstigen Angehörigen und Freundinnen unserer zum Eintritt bereiten Mädchen und Frauen. Es wird Alles aufgeboten, selbst die unglaublichsten Dinge, wie Unterschlagung von Briefen, Ausstreuung falscher Thatsachen, werden versucht, um hier hindernd in den Weg zu treten; man beschwört sie, doch nicht solchen Beruf zu wählen, welcher so große Opfer „angeblich" fordert, welcher so viel Gefahren „angeblich" mit sich bringen soll; auf Grund so allgemeiner, unberufener Thatsachen, aus einem Gefühl falsch verstandener Sorge heraus, in Unkenntniß der wirklichen Verhältnisse, ja sagen wir es offen, aus Feigheit oft werden uns unsere besten Kräfte, welche sich aus Neigung der Krankenpflege widmen wollen, diesem Berufe fern gehalten. Diesem Uebelstand muß deßhalb durch Aufklärung und Belehrung über das Wesen des Krankenpflegeberufes, über das Leben und Wirken der Schülerinnen und Schwestern in allen Kreisen entgegen getreten werden. Wir werden den Angehörigen der sich bereit stellenden Personen zunächst zu bemerken haben, daß unsere Schülerinnen und Schwestern zu keiner Zeit so weit gebunden sind, daß sie nicht in ihr früheres Verhältniß zurllcktreten oder einen anderen Beruf ergreifen können, wenn die Verhältnisse dies erfordern oder auch nur wünschenswerth erscheinen lassen. Unsere Schwestern sind in keinem Kloster und können jeden Tag eine Ehe eingehen, wenn die Gelegenheit hierzu vorhanden ist. Aber den Eltern und Angehörigen soll man auch klar machen, daß kein Beruf ein Mädchen besser für die Ehe vorbereitet, als der unserige; körperliche Arbeit, Thätigkeit in den Pflichten des Haushalts, Pflege von Erkrankten, insbesondere auch Verständniß für die Pflege von Säuglingen und Kindern, Erfahrung im Verkehr mit Menschen der verschiedensten Berufs- und Bildungskreise — dies Alles sind Kenntnisse, welche für den Beruf einer Hausfrau und Mutter von unschätzbarem Werthe sind. Auch darüber soll man die Betreffenden aufklären, daß Arbeit ehrt und Arbeit gesund macht, daß aber die Anforderungen an die Schülerinnen und Schwestern das Maß ihres Könnens nicht überschreiten und daß besonders von der Verwaltung sowohl als der das Schwesternheim leitenden Oberin jede Rücksicht genommen wird. Man kann es unbedenklich aussprechen, daß ein häuslich erzogenes Mädchen, welches gelernt hat, Besen und Schrubber anzufassen, eine Stube aufzuräumen, ein Bett in Ordnung zu bringen, denjenigen Erfordernissen gewachsen ist, welche die Krankenpflege in einer Anstalt sowohl als im Privathause erfordert. Aber noch ein fernerer Umstand wird als Schreckgespenst vorgeführt, um Personen, welche Lust und Liebe zu unserem schönen Beruf haben, zu veranlassen, demselben fern zu bleiben, die angebliche Gefahr der Ansteckungsmöglichkeit im Verkehr mit Kranken: durchaus irrig, wie die Erfahrung lehrt. Man hat nur nöthig, die Statistik nachzusehen, um sich zu überzeugen, wie verschwindend gering die Zahl dieser Fälle ist, man frage nur in den großen Krankenhäusern nach, man frage die Aerzte und die Krankenpfleger selbst, und man wird davon abstehen müssen, zu behaupten, daß unser Beruf besondere Gefahren in dieser Hinsicht bietet. Im Gegentheil, man kann behaupten und Niemand wird es bestreiten, daß eine Krankenpflegerin, Dank ihres Verständnisses für den Begriff der absoluten Sauberkeit und durch ihre Kenntnisse von der Desinfektion und der Vermeidung ansteckender Keime, mehr als andere Menschen vor der Ansteckungsmöglichkeit gefeit ist und daß die meisten Infektionen durch das Zusammenkommen mit vermeintlich Gesunden in Straßenbahnen, öffentlichen Lokalen und Verkaufshäusern, sowie allen möglichen anderen Orten geschehen. Ist das betreffende Publikum erst über diese mehr idealen Punkte aufgeklärt, sind erst diese Bedenken gefallen, so meinen wir, werden wir über die materiellen Verhältnisse im Krankenpflegeberuf auch Beruhigung und Klarheit zu schaffen in der Lage sein. Es ist richtig, daß eine Schwester in ihrem Beruf, zumal das Annehmen von Geschenken irgend welcher Art streng untersagt ist und, um diesen Beruf hochzuhalten, auch verboten bleiben muß, keine Schätze erwerben wird; dies ist aber auch bei keinem anderen Beruf einer ehrbaren Frau, eines sittlich hochstehenden Mädchens der Fall; wo hätte je eine Lehrerin, eine Schneiderin, eine Erzieherin oder Verkäuferin mehr als ihr anständiges Auskommen gehabt! Für unsere Schwestern aber stellen sich diese materiellen Verhältnisse besonders günstig, wegen der standesgemäßen Versorgung bei Arbeitsunfähigkeit und im Alter.