Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Erste Weil, zu Jfs 80 & 81 des „Israelit". Leitender Artikel. Jüdische Krankenpflegerinnen. In der am 10. Juni stattgehabten Sitzung der Großloge für Deutschland, ist ein Antrag mit großer Mehrheit zur Annahme gelangt, dahin gehend, die Ausbildung jüdischer Mädchen und Frauen zu Krankenpflegerinnen (Schwestern) in die Hand zu nehmen und zwar in der Weise, daß diese Ausbildung unter bestimmten Vereinbarungen durch den „Berliner Verein für jüdische Krankenpflegerinnen" bewirkt werden soll. Genannter Verein bietet in der That eine günstige Grundlage für diese Bestrebungen und hat ein bereitwilliges Entgegenkommen zugesichert. Jedermann, der mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut ist, wird zugeben miisten, daß der in der Großlogensitzung gefaßte Beschluß als ein glücklicher, der Tendenz unserer Tage entsprechender bezeichnet werden muß; heißt es doch, unsere jüdischen Mädchen und alleinstehenden Frauen dem höchsten Beruf weiblicher Thätigkeit zuzuführen, ihnen in der Krankenpflege die ehrenvolle Stellung vorzubreiten, welche die anderen Consessionen seit Jahrhunderten behaupten; gilt es doch, gebildete, zielbewußte, besseren Kreisen unserer Glaubensgenossen entstammende Mädchen, denen die sonstigen Berufsarten keine Befriedigung bieten, der Krankenpflege zuzuführen, dem Beruf, den Viele bisher wohl erstrebten, welcher ihnen aber unerreichbar war, weil die Schwesternvereine streng confeffionell von einander geschieden sind. Daß aber andererseits das Bedürfniß nach tüchtigen, gebildeten, jüdischen Schwestern ein dringendes ist, darf angesichts der stets wachsenden Nachfrage aller Orten nicht mehr bezweifelt werden. Diese wichtige Aufgabe lösen, heißt in erster Reihe das Material an geeigneten Personen anwerben, welche sich dem hohen und schweren Beruf widmen wollen. Es wird deßhalb nöthig sein, in nachstehendem eine Anleitung zur Lösung der Frage darzubieten: „Wie schaffen wir uns das geeignete Schülerinnenmaterial für unsere Zwecke?" Zunächst wird der naheliegende und bequeme Weg der öffentlichen Aufforderung in geeigneten Tageszeitungen mit gewissem Erfolg eingeschlagen werden können; er wird in allen Fällen ein Mittel sein, die Kenntnis; von der immerhin noch jungen Institution jüdischer Schwestern in weitere Kreise zu tragen und auch manche gute Kraft zu werben. Viel richtiger und Erfolg versprechender aber erachten wir die persönliche Bemühung, das Forschen nach geeigneten Personen in denjenigen Kreisen, in welche wir durch Verkehr, Aemter, Wohlfahrtseinrichtungen (Frauenvereine. Arbeitsnachweise u. a. m.), Einfluß haben. In den hier thätigen Herren und deren Frauen und sonstigen Angehörigen erwachsen uns die Kräfte, welche berufen sind, uns unserem Ziele näher zu bringen. Wir müsten uns deßhalb über die Voraussetzungen klar werden und uns fragen, welche Persönlichkeiten geeignet sind, für die Krankenpflege ausgebildet zu werden. 1. Die betreffenden Personen müssen vor allen Dingen gesund sein, körperlich und geistig, gesund auch in ihren Sinnesorganen; ein gesundes Auge, ein gutes Gehör kann nicht entbehrt werden. 2. Dieselben dürfen in ihrer Erscheinung keinen abstoßenden, oder gar widerwärtigen Eindruck machen und wenn auch auf Schönheit nicht der geringste Anspruch zu machen ist, so ist doch für den Kranken noch mehr als für den Gesunden ein angenehmes Aeußere eine vorzügliche Mitgift.?>. Höhere Schulbildung ist gewiß sehr wünschenswerth und kann in der Privatpflege in gewissen Kreisen schlechterdings nicht entbehrt werden; doch wird in der Regel eine mittlere Schulbildung ausreichen, falls die sonst erforderlichen Bedingungen vorhanden sind. Gute Erziehung und ein gewisses Taktgefühl werden häufig den Mangel an Schulbildung ersetzen können, während noch so sehr gebildete, mit Kenntnissen ausgerüstete Personen, ohne die genannten Faktoren, ihrem Berufe kaum werden genügen können. 4. Deßhalb müssen wir in erster Reihe darauf achten, daß unsere zukünftigen jüdischen Schwestern guten, ehrbaren Familien entstammen, daß sie zur Arbeit, nicht zum Müßiggang erzogen sind; Kinder anständiger, wenn auch nicht hochgebildeter Leute müssen es fein, Gutes sollen sie vor sich gesehen haben; kurz, ein jüdisches Elternhaus, wie wir es wünschen, wird uns auch brauchbare Personen für unsere Zwecke schaffen. 6. Wir sagten, daß das Taktgefühl nicht gut entbehrt werden kann, welches eigentlich angeboren sein soll, aber bei gutem Willen auch anerzogen und gelernt werden kann. Das richtige Auftreten den Kranken, den Aerzten gegenüber, insbesondere aber das taktvolle Begegnen den Angeörigen der Kranken gegenüber, die thunlichste Rücksichtnahme einerseits, Zerückhaltung und, wenn erforderlich, Strenge im Interesse des Patienten andererseits, die Kunst, alle Vorkommnisse am Krankenbett und in der Familie, die oft intimster Natur sind, für sich als ein Geheimniß zu bewahren, freundlich und ruhig zu bleiben, wenn der Schwester ungerecht, aber meistens auch unabsichtlich Kränkungen zugefügt werden, seine Pflicht thun, ohne sich anzumaßen, selbst den Krank-