Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449124--51686-2502232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
>W MWWW^WW (H46 „Wenn Sie also," Hub der Richter jetzt mit starker Stimme an, „wenn Sie also gestern nicht im Geschäft waren, so wissen Sie auch nicht, was sich dort zugetragen hat?" „Ich weiß von nichts." „Nun, es ist ein großer Diebstahl im Komptoir des Geschäfts entdeckt worden!" Er sagte das ganz leichthin, als ob es garnichts Besonderes wäre. Ich schrak zusammen. Ein Diebstahl im Geschäft! Das war keine Kleinigkeit! Aber wie —? Sollte i ch etwa-? „Ich bin erschreckt, Herr Richter — aber, was hat das mit mir zu schaffen? Ich will nicht hoffen —" Die volle Entrüstung meiner Unschuld mußte aus meinen Worten hervortönen. „Nur sachte!" begütigte der Richter, mit der Hand winkend, „es wird sich Alles finden!" Und nach einer kurzen Pause setzte er mit scharfer Betonung der Worte hinzu: „Zweitausend Mark sind aus dem Geldschrank im Komptoir gestohlen worden!" Ich antwortete nichts. Ich hatte das Gefühl, als ob man mir eine Schlinge um den Hals legt und sich anschickt, dieselbe zuzuziehen. „Genau zweitausend Mark," wiederholte der Richter, „obwohl noch viel mehr daneben lag." Und mit seinem scharfen Jnquisitorenblick prüfte er die Wirkung, die seine Worte auf mich ausüben mußten. Ich konnte es nicht leugnen, daß meine Aufregung mit jedem Moment wuchs. Mir begann in der Ferne etwas Entsetzliches aufzudämmern — ein Verhängniß fühlte ich über mir schweben-ein von Gott gesandtes Verhängniß-! „Wir haben nun die Gewißheit," fuhr der Richter fort, „daß der Diebstahl in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag begangen wurde! Sie wissen doch davon, daß Ihr Chef einmal den Lehrling nach dem Komptoir schickte, ein Buch zu holen?" „Davon weiß ich!" erwiederte ich. Mein Herz schlug mir stürmisch. „Und wissen auch, daß der Lehrling, als er nach etwa einer Stunde das Buch wieder hinunter trug, die Komptoirthüre unverschlossen angelehnt fand?" „Auch das weiß ich. Er hatte sie einfach nicht wieder zugeschlossen." „Er hatte sie wohl zugeschlossen. Der junge Mann ist ohne Besinnen zu einem Eide bereit, daß er die Thüre geschlossen hat!" „Dann ist mir die Sache ein Räthsel," sagte ich ruhig. „Aber mir nicht!" rief der Richter, „der Dieb hat in der Zeit, die zwischen den beiden Gängen des Lehrlings lag, die Thüre aufgeschlossen und sie nach Verübung des Diebstahls — offenbar in der Aufregung — wieder zu schließen vergessen. Und der Dieb sind Sie!" „Ich bin es nicht, Herr Richter!" Die Worte hatte ich geschrieen, daß die Wände dröhnten. „Mäßigen Sie sich!" mahnte der Richter, „die Unschuld ist nicht so aufgeregt!" „Aber ich bitte Sie, Herr Richter! Wer wird denn nicht aufgeregt sein, wenn ihm ein Verbrechen aus den Kops zugesagt wird, von dem er nichts weiß?!" (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags and Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganziährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an — Vrv Vuchhanorl vrrkrhn durch V. U. Klein arkrv, Leip?ig, Noßplatz J8. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. Preis ver Zeile im Reclamethetl 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3863. Telephon 315. Eine Rücksendung der an die Redaktion eingesandten Manuskripte findet nicht fiatt, man bittet deshalb, «ch von allen Eiuleudunae« eine Eobie turückiubed alten Stellensnchende erhalle« ans Wunsch die Inserate« Beilage vier Woche« lang gratis und franeo zugesandt. Ebenso stunden wir ans Wunsch die Zahlung des JnsertionSbetragS an antzer Stelle Befindliche bis »ach Erlangung einer solche«. Inhalt: (Hauptblatt): Leitender Artikel: Der Feststraub — ein Bild erhabener Freude. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Kobylagora. Aus Baden. Höchberg. Oesterr.-Nngar. Monarchie: HohenemS. Frankreich: Paris. Türkei: Constantinopel. — Feuilleton: Ein Schritt vom Wege. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Jüdische Krankenpflegerinnen. -- Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Hamburg. Frankreich: Paris. Rußland: Telschin. Palästina: Jerusalem. Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Warschauer Brief. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Oesterr.-Ung. Monarchie: Prag. Inhalt der dritten Beilage: Feuilleton: Zu Nella. Belletristische Beilage: Was ein Esrog werth ist. Extra-Beilage: Illustration: Sukkothfest in der Synagoge Kohlhöfen zu Hamburg. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellfchaft in Mainz. Hierzu fünf Beilagen