Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 80-81 (4.10.1900)
- Date
- 1900-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1645 Seine Stimme hatte jetzt einen weit schärferen Klang als vorhin. „Ich war im Hause meines Chef, Leopold Fromann, Breitestraße 56." „Schön. Wann kamen Sic dort an?" „Um zehn Uhr etwa." „Und wann gingen Sie weg?" „Zwischen halb zwei und zwei Uhr." ' „Weßhalb waren Sie zu Ihrem Chef gegangen?" „Wir pflegten alljährlich, wie dies bei frommen Israeliten Sitte ist, in dieser Festnacht dem Studium unserer Lehre obzuliegen." Ich hing förmlich an des Richters Munde. Mir bangte nur vor einer Frage. Wenn sie kam — und ich sagen sollte, daß ich eine Stunde im Garten war bei Ida Fromann-ich zitterte bei dem bloßen & Gedanken daran. „Warum zittern Sic denn?" fragte der Richter. „Ich bin furchtbar aufgeregt." „Ra, dos ist ja auch kein Wunder! Sie sind bis.' der unbestraft?" „So lange ich denken kann, habe ich mich eines religiösen und durchaus moralischen Lebenswandels befleißigt." „Um so bedaurelicher, daß Sie nun aus Abwege gerathen sind." „Ich bin nur keiner Schuld bewußt!" „K einer?" Mir war, als wolle er mich mit seinem Blick durchbohren, während er dies Wort sprach. Die Schuld, deren ich mir wohl bewußt >var, konnte doch dieser Mann nicht im Sinne haben, konnte er doch nicht bestrafen! Gleichwohl kostete es mich Mühe genug, seinen Blick auszuhalten, und er, als erfahrener Inquirent, mochte die Unsicherheit meines Wesens merken. Meine Antwort wartete er nicht ab, sondern ersetzte gleich hinzu: „Run, wir werden sehen! — Weßhalb gingen Sie gestern nicht in's Geschäft?" „Ich fühlte mich in der Frühe sehr unwohl." „Wären Sie heute hingegangen?" „Wahrscheinlich. Denn nachdem ich am Rachmiü tag einige Stunden geschlafen hatte, fühlte ich mich wieder kräftiger rind wäre wohl noch in'S Geschäft gegangen, wenn ich nicht verhaftet worden war»." „Sie gingen also gestern gar nicht aus?" „Rein." „Was trieben Sic zu Hause?" „Vormittags lag ich bis neun zu Bett, dann, nach Verrichtung meines Morgengebetes, las ich die Zeitung und einiges Andere, unterhielt mich auch etwas mit meiner Wirthin, und nach Tisch legte ich mich auf das Sopha, wo ich fest einschlief." „So! — Und haben Sie nicht irgend welchewie soll ich sagen — ja — geschäftliche Dinge erledigt?" Ich besann mich. Es fiel mir nicht ein, was der Richter meinen konnte. Er half meinem Gedächtniß nach: „Run, ich meine private geschäftliche Dinge, Geldsachen betreffend!" Ich verstand. Er meinte die Spekulationsangelegenheit. Hier also lag der Ausgangspunkt für meine Verhaftung. Mir wurde der Fall immer rcithselhafter. Ich ward ungeduldig und sagte: „Geehrter Herr Richter, bitte, sagen Sie mir geradezu, weffen man mich beschuldigt!" „Beantworten Sie meine Fragen. Sie werden bald Alles wissen." Und ich theilte ihm mit, wie ich gestern Vormittag meine Anaelegneheit mit dem Bankgeschäft erledigt hatte. „Sie sollten also gestern zweitausend Mark Zuschuß, zu Ihren Depots stellen?" „Jawohl!" „Was hätten Sie gethan, lvenn die Papiere noch iveiter gefallen wären? Woher hätten Sie das Geld genommen?" „Ich hätte meinen Chef darum angegangen!" „Sie waren aber doch gestern gar nicht im Geschäft!" „.Herr Richter, ich hatte während der Festtage nicht nach dem Stand der Papiere gesehen, weil ich an solchen Tagen mich von allen geschäftlichen Dingen zurückhalte. In Folge dessen war mir auch der Gedanke daran entfallen; erst gestern früh sah ich, daß die Papiere inzwischen gestiegen waren. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte ich entweder noch um einen Tag Aufschub gebeten, oder wäre trotz meines Unwohlseins zu meinem Chef gegangen." „Sie hatten aber doch am Donnerstag noch von dem weiteren Sinken der Papiere Kenntniß erhalten!" „Allerdings." „Und da waren Sie an den drei folgenden Tagen so völlig ruhig, daß Sie nicht einmal die Zeitung nachsahen?" „Jawohl, Herr Richter! Und außerdem — der Weg zu meinem Chef stand mir ja immer offen." „Aber, sagen Sie mal, gab es nicht auch Zeiten, wo Sie den Gedanken, Ihren Chef um ein Darlehen anzugeheu, iveit von sich wiesen?" „Ganz richtig!" „llnd welchen Ausweg hatten Sie da im Sinne zur Erledigung der Geldangelegenheit?" „Ich wußte leinen!" „Und am Donnerstag — da waren Sie bereits entschlossen, Ihren Chef um das Geld zu bitten?" „Jawohl!" „Warum thatcn Sie es denn nicht sofort am Donnerstag?" „Ich hoffte immer noch auf ein Steigen der Papiere!"