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Der Israelit · 1900-10-01 · Heft 79 (1.10.1900) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 79 (1.10.1900)
Date
1900-10-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1633 Bitterkeit im Grunde Ihres Herzens, die Zurückbleiben muß, wenn Sie sehen muffen, wie die sittlichen Wirlungen eines Jrrthums sich verlängern, den die Gerechtigkeit bis jetzt nicht wieder gut machen konnte, und so lange diese innere Strafe Sie in Sorgen hält, muffen auch alle diejenigen, die Ihre Vertheidigung übernahmen und das Ihnen angethane Unrecht bekämpfen, mit Ihnen um Ihre Zukunft besorgt sein. Wir wissen nicht, wann es Ihnen möglich sein wird, auch die Blindesten den furchtbaren Rechtsbruch sehen zu lassen, dessen Opfer Sie gewesen sind. Die Zeit wird nichts thun. Was aber auch geschehen möge, das Gewicht der gerichtlich erledigten Sache hat über die Vernunft nicht die entscheidende Macht, die ihr gewisse Gesetzausleger zusprechen. Wenn es verlangt, daß Ihre Verurtheilung sich vollende in dem, was die nachfolgende Gnade nicht auslöschen konnte, so nimmt es uns doch nicht die Freiheit des persönlichen Urtheils und das Recht, an einer Ueberzeugung sestzuhalten, die zugleich die Pflicht und die Ehre unseres Gewissens ist. Wenig Lebensgänge sind so voll Traurigkeit wie der Ihrige. Gleichwohl scheint Ihnen, gleich anderen großen Opfern der Schwachheit menschlicher Entscheidungen, wenigstens der eine Trost gewährt zu sein: Sie dürfen glauben, daß Sie nicht umsonst gelitten haben. Das schmerzliche Schauspiel Ihrer Leiden hat die Gefühle der Solidarität und der Güte, die in uns schlummerten, wieder zum Leben erweckt. Sie sind uns erschienen als ein Beispiel der Ohnmacht des Einzelwiderstandes gegen das Verbängniß gewisser Ungerechtigkeiten. Nicht Ihnen allein mehr gilt unser Denken; es geht jetzt auch zu den Enterbten und Kleinen, denen es in ihrer Verlassenheit und Schwäche viel mehr nöthig ist, als Ihnen, daß eine hilfreiche Hand sich ihnen entgegenstreckt und wir haben uns erboten, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen. Fortan wird jedes Opfer eines Gewaltmißbrauchs oder einer Ungesetzlichkeit in der Vereinigung, die wir gegründet haben, Beistand und Hilfe finden, und so werden alle, denen wir Unterstützung gewähren können, Ihnen Dank schuldig sein. Wieder wird aus dem Bösen das Gute hervorgehen, und Ihre langen Qualen werden dazu gedient haben, das Elend anderer Unglücklichen zu erleichtern. Wir wünschen, daß dieser Gedanke Ihrem Herzen süß ist und Sie erhebt über die Erinnerungen, die schließlich nur für diejenigen peinlich und bitter sein müssen, deren Gewissen die Last der Ungerechtigkeit zu tragen hat. Empfangen Sie, mein Herr, alle unsere aufrichtigen Wünsche. Paris, 28. Sept. Kapitän Dreysus schrieb auf den anläßlich des Jahrestages des Renner Urtheils an in gerichteten Brief an Senator Trarieux, daß er ihm für die Theilnahme der „Liga für die Menschenrechte" danke und daß er noch immer unter den moralischen Wirkungen der Ungerechtigkeiten leide. „Was ich verfolge, bleibt also das Gleiche, bis es erreicht ist: Legale Revision meines Prozesses." Paris. Aus dem in seinen Umrissen schon bekannten Testamente des Barons Adolphe Rothschild veröffentlicht jetzt der „Figaro" nähere Details, aus denen hervorgeht, daß diese letztwillige Verfügung eines der größten Wohlthcitigkeitswerke der letzten Jahre ist. Baron Rothschild hinterließ Millionen für humanitäre Institutionen in Frankreich. Ferner erhielten die Armen in Italien und Deutschland große Unterstützungen. Besonders reich wurden mehrere israelitische Kultusgemeinden bedacht. So hinterließ Baron Rothschild zu Gunsten der israelitischen Gemeinde in Neapel 100,000 Lire, zur Errichtung einer Schule für arme jüdische Kinder in Neapel ebensoviel, zur Errichtung eines jüdischen Hospitals, ebenfalls in Neapel, 50,000 Lire; für die Errichtung einer jüdischen Schule in Genf testirte der Verblichene 50,000 Frcs.;;ur Veriheilung unter die Humanitären Institute in I vnkfurt a. M. 100,000 Frs.; für ähnliche Institute in Neapel 100,000 Lire und in Genf 60,000 Frcs.; das Bettlerasyl in Neapel erhielt 6000 Frcs. Jahresrente; eine gleich hohe Rente erhielt das Blindenasyl in Frankfurt a. M. Ferner wurden testirt: dem Kinderhospital in Genf 200,000 Frcs. Jahresrente, den jüdischen Armen in Genf 10,000 Frcs., dem Hospital des Cantons Genf 50,000 Frcs., jenen Arbeitern des Cantons Genf, welche durch den Tod ihres Chefs in's Elend gerathen, jährlich 5000 Frcs.; dem Rothschild'schen Besitz neben Genf „Reposoir" wurde eine Jahresrente von 80,000 Frcs. für die Rothschild'sche ophtalmologische Gründung hinterlassen. In einem Codicill werden dieser Stiftung noch eine Jahresrente von 80,000 $tc§. und ein Betrag von 525,000 Frcs. zugedacht. Rußland. Petersburg. (Der l e tz t e W u n f ch.) Man schreibt aus Dwinsk: Bekanntlich sind die Juden in Rußland in einige Gouvernements eingepfercht, nämlich in den sogenannten Ansiedlungsrayon, dessen Grenzen nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz von „privilegirten Juden" überschreiten darf. Wie sehr dieser Umstand den Juden den Kampf um's Dasein erschwert, ist zur Genüge bekannt. Der bloße Gedanke an Freizügigkeit läßt daher die russischen Juden schon freier aufathmen, ja, sie sind sogar bereit, mit ihrem Leben dieses Recht wenigstens für ihre Nachkommen zu erkaufen, wie folgender charakteristischer Fall beweist: In der Dwinster Garnison richtete ein Offizier an einen jüdischen verheiratheten Soldaten die Frage, ob er bereit sei, als Freiwilliger nach China zu gehen. Die Antwort lautete: „Jawohl, Herr Lieutenant, aber unter der Bedingung, daß im Falle meines Todes meiner Frau und meinen Kindern gestattet werde, in Petersburg — betteln zu gehen." Die Bedingung konnte nicht erfüllt werden, und der betreffende Soldat wurde nicht genommen.

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