Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 79 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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r-^r-’ •*»**,,iViy**.! K'-^' 1632 denken einer so häßlichen und verachtungswürdigen Raffe aufrecht bleiben, welche mit herausfordernder Unverschämtheit Alles beleidigt und verletzt, was christlich ist. Eine neue und schrecklichere Verwüstung Jerusalems wäre anderwärts die Vergeltung dafür. Wir aber verneigen uns uvterthänig und gestatten alles, alles . . . ." Wenn die Leser nun erschreckt fragen, was denn eigentlich geschehen sei, das den klerikalen-volksparteilichen Zorn herausgefordert, so ist daraus Folgendes zu erwiedern: In der ungarischen Bischofsstadt Erlau wurde vor Kurzem ein christliches Religionszeichen entweiht und verstümmelt. Natürlich legten die Antisemiten dies sofort den Juden zur Last. Und ihre Verleumdungen hörten nicht auf, selbst als das folgende energische Dementi des offiziellen erzbischöflichen Organs in Erlau, des „Egri Hirado," erschienen war: „Die hauptstädtischen Tageszeitungen brachten die Nachricht, daß in Erlau an der ungarischen Krone und an dem ungarischen Wappen durch böswillige Verstümmelung des Kreuzes ein öffentliches Gravamen verübt worden sei. Manche Leute haben diesen Fall, indem sie ihn als unzweifelhafte Thatsache Hinnahmen und ähnlichen Erscheinungen der jüngsten Zeit anreihten, voll Entrüstung mit Kommentaren versehen, deren Veröffentlichung ohne vollständige und sichere Kenntniß des wahren Sachverhalts, eventuell mit Verdächtigung gänzlich unschuldiger Personen, die christliche Liebe und Gerechtigkeit nicht gestatten kann. „Nun weiß aber Niemand hier in Erlau von einem solchen Gravamen," und es kann Jedermann aus den betreffenden Zeitungsnotizen und aus derartigen Kommentaren nur die Besorgniß schöpfen, daß solche grundlose Ausstreuungen geeignet sein könnten zu unbegründeter Erregung der Gemüther, zur Gefährdung des friedlichen Zusammenlebens der Bürger verschiedenen Bekenntnisses in unserer Stadt, sowie zur Gefährdung des Erfolges derjenigen Bestrebungen, die auf die Aufrechterhaltung dieses friedlichen Zusammenlebens abzielen. Von der Gleichheit der Gefühle mit denen der katholischen Bürgerschaft haben bei diesem friedlichen Zustande unsere israelitischen Mitbürger — beispielsweise erst jüngst bei der Neunhundertjahrseier — glänzendes Zeugniß abgelegt. Die allgemeine Ruhe unserer Gesellschaft zu stören, ist ein verdammenswerther Fehler. Und wenn die hierzu führenden Ausstreuungen und Versuche noch tendenziös sind, so hätten wir zu deren Verurtheilung nicht genug harte Worte." Die ganze Geschichte ist überaus lehrreich für die Entstehungsweise antisemitischer Legenden, oder vielmehr Lügenden. Krakau, 26. Sept. Der erschütternde Schrei eines hartgeprüften Mutterherzens durchhallt in folgendem öffentlichem Briese die Tagespresse: „Meinem Manne widerfuhr die Auszeichnung, von dem allerdurchlauchtigsten Herrn, dem Kaiser, in Audienz empfangen zu werden. Seine Majestät geruhte damals, die Zusage zu machen, den Behörden die angemessenen Weisungen zu geben. Noch an demselben Tage waren die Allerhöchsten Weisungen beim Ministerpräsidenten. Als ich dies von meinem Manne hörte, weinte ich vor Freude. Ich lag bislang krank darnieder, und nun verließ ich zum ersten Male das Krankenlager. Ich rechnete, daß ich jetzt zuversichtlich meine Tochter erblicken, sie wiederfinden werde. Ich weiß wohl, daß die Weisungen Seiner Majestät strikte ausgeführt werden müssen, nichtsdestoweniger ist es unbekannt, wo meine Tochter sich anfhält. Ich höre erzählen, daß mein armes Kind nicht mehr lebe — mir als Mutter krampst sich ob solcher Gerüchte das Herz zusammen. Nun, ebenso wie jede andere Mutter batte ich nicht wenig gelitten, ehe ich das Kind großgezogen, und am Ende soll mir mein Kind entrissen fein!? Jawohl, nicht einmal wissen soll ich. ob die llnglückliche noch lebt. Q, möge meine Stimme die Herzen aller Väter und Mütter rühren! Vielleicht weiß Jeinand, oder könnte etwa Jemand erfahren, welchem Schicksal meine unglückliche Tochter anheimgefallen, dann möge er mich erfreuen und mir Kunde thnn. ob sie lebt. Die Hoffnung, sie wiederzusehen, sie an's Herz drücken zu können, verleiht mir Kraft, daß ich »veiterlebe. Und »venn — ich schreibe es mit zitternder Hand — »venn Jeinand also hörte, daß sie nicht mehr unter den Lebenden sei. so möge er mir »oenigsiens zeigen, tvo die Unglückliche bestattet ist. Mit Thränen in den Augen bitte ich um die Veröffentlichung dieser Zeilen und empfehle mich mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung. Civia A r a t e n. Frankreich. Paric«, 9. Sept. Man nennt unsere Zeit die schnelllebige. Mit nur allzuviel Recht. Heute vor eine»n Jahre »vurde in Rennes das Urtheil in dem Prozesse Dreysus verkündet, und da»nals durfte es ausgesprochen werden, daß seit den Kriegsereignissen von 1870 kein Ereigniß die Aufmerksamkeit aller denkenden Kreise gleich diesen beschäftigt habe. Und heute? Spurlos und klanglos ist die erste Wiederkehr jenes Unheiltages vorübergegangen, u. weder Freund noch Feind von damals haben seiner Bedeutung gedacht. Rur die »vackere „Liga zur Bertheidigung der Menschen- und Bürgerrechte" hat sich des Opfers antisemitischer Rachsucht und Niedertracht erinnert und durch seinen Vorsitzenden, den früheren Justizminister und Senator Trarieux, an Dreysus folgende Zeilen gerichtet: Mein Herr! Wir stehen am Vorabend des 9. September, und wir wollen nicht die Feigheit begehen, den Jahrestag des Uriheils von Rennes vorübergehen zu lassen, ohne Ihnen abermals die Bestätigung unserer Sympathien für Ihr Unglück auszusprechen. Ohne Zweifel haben Ihre physischen Qualen aufgehört, und Dank einem Akte der sühnenden Menschlichkeit, bewegen Sie sich frei unter den Ihrigen, aber Sie fühlen die