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Der Israelit · 1900-09-27 · Heft 78 (27.9.1900) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 78 (27.9.1900)
Date
1900-09-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1600 Unter großer, seltsamer, stimmungsvoller Feierlichkeit beginnt das weltbekannte Kolnidregebet, mit seiner herzergreifenden, uralten Melodie, die überall so ziemlich dieselbe ist. Dieses Gebet hat zu vielen bösen Angriffen auf die Juden Anlaß gegeben. Man behauptet, die Juden wollen sich durch dieses Gebet einen göttlichen Generalpardon für alle falschen Gide und nicht gehaltenen Versprechungen des kommenden Jahres im voraus sickern. In Wirklichkeit iverden nur alle leichtfertig gethanen Gelübde und Schwüre im voraus für null und nichtig erklärt??) Was als verbrecherisch ausgegeben wird, ist thatsächlich ein Beweis besonderer Gewissenhaftigkeit. Anzunehmen, daß eine Religionsgemeinde in für Millionen Menschen vorgeschriebenen und aller Welt zugänglichen Gebeten den Meineid ermuthigen könnte, zeugt von einem solchen Mangel jeglichen religiösen Gefühls und jeder Menschenkenntniß, daß man davon gar keine Notiz zu nehmen brauchte, wenn die Anzahl der Dummen nicht gar so groß wäre, denen immer von neuem vorgehalten werden muß, daß eine Religion, die selbst den gerechten Eid nicht gerne sicht, nur duldet, den Meineid nicht begünstigen, eine Religion, die den Mord in lapidarster Kürze verboten hat, den Ritualmord nicht zulassen, die überall Blut scheu predigt, den Genuß von Menschenblut nicht verlangen kann. Den ganzen Versöhnungstag bringt die Gemeinde in der Synagoge fastend und betend zu. Da aber den Meisten die Gebete unverständlich und langweilig und überhaupt etwas zu reichlich sind, das strenge Fasten die Leute schwächt und der Aufenthalt in dem überfüllten Raume an dem oft noch recht heißen Tage nicht gerade angenebm ist, schwänzen Viele einen großen Theil der Gebete, campiren in den Vorhallen oder in der Nähe des Tempels, machen wohl auch einen längeren Spaziergang und finden sich erst zu den Hauptgebeten und feierlichsten Stücken des Gottesdienstes in der Synagoge ein; so zu dem Abschnitt, der von der Heiligkeit und Erhabenheit des an diesem Tage stattsindenden göttlichen Gerichts handelt, oder zu dem, der in den lebhaftesten Farben den Gottesdienst schildert, den der Hohevriester im Tempel zu Jerusalem am Versöhnungstage verrichtete und von dem feierlichsten und großartigsten Moment im theokratischen Staate erzählt, und im Gegensatz dazu wieder zu den Capiteln aus der an furchtbaren Leiden so überreichen Geschichte Israels. Der Versönhungstag ist der einzige Tag im Jahre, an dem die Juden auch knieen; nur an den beiden Neujahrstagen kniet auch einmal der Vorbeter.Da das Knieen in den Synagogen sonach etwas sehr Seltenes ist, macht es natürlich außerordentlichen Eindruck, und 17) Hier wäre noch himuznfügen, daß eS sich überhaupt nur um Vorsätze und Gelobungen handelt, die Jemand gegen sich selbst, niemals aber um solche, die man gegen andere ansgesprochen hat. 18) Auch hieraus ist ersichtlich, oa) dem Verfasser nur der synagogale Gottesdienst im Osten lbekaniit ist. da bei uns auch in den Neujahrstagen die Gemeind« in die Knie fällt der Vorbeter, der fastet, einen sehr anstrengenden Dienst hat und von der Feierlichkeit selbst meist mächtig ergriffen ist, hat oft kaum die Kraft, sich selbst von seinem Kniefall zu erheben, und wird von Gemcindemitgliedern aufgehoben.1!') Mit großer Sehnsucht wird natürlich von der ganzen Gemeinde das Schlußgebet erwartet. Denn „es gibt nichts Hündischeres als den Magen," und seit fast vierundzwanzig Stunden ist den über dreizehn Jahre alten nicht ganz cmancipirten Männern und Frauen auch nicht ein Tropfen Wasser Über die Lippen gekommen. Ost fasten noch jüngere Kinder, die sich, obschon nicht sastenpslichtig, zum Fasten drangen, >vie bei einer Mobilmachung auch nicht Dienstpflichtige zum Einreihen. Endlich ist das Schlußgebet, das gewöhnlich der Rabbiner als Vorbeter verrichtet, beendet. Nochmals eine letzte, große Anstrengung. Die ganze Gemeinde ruft stehend, inbrünstig in feierlicher siebenmaliger Wiederholung markerschütternd und nervenans regend: Der Ewige ist der Gott. Es ist ungemein schwer, den Eindruck des Unwelttichen, gewissermaßen Ueberirdischen zu schildern, den dieser kurze, von Allen in seiner oben gegebenen lieber setzung verstandene Satz inacht. Ein Einzelner sagt siebenmal: "ja kh \*t und die ganze Gemeinde wiederholt es jedesmal erst laut, dann allmählich sich etwas abschwächend und zuletzt mit ganzer Kraft: a ja nti der Ewige ist der Gott. Ein einziger langgedehnter Schosarton beschließt den Fest und Fasttag, der ein Tag der Versöhnung mit Gott und den Mit menschen sein — soll 2") Jetzt eilt Alles erleichtert heim, um an Speise und Trant sich zu erfreuen, was freilich den tteberhungerten oft nicht einmal reckt möglich ist. Kanin aber hat man sich gesättigt, dann geht der fromme Familienvater be icibl Vorbereitungen treffen für das nächste Fest, das LaiibhütlenfeslSR Er betrachtet es als eine besondere Zuvorkommenheit gegen den lieben Gott, wenn er noch an deniselben Abend, sündenrein. den Grundstein sozusagen zur Laubhütte legt, d. h., da diese keinen Grundstein Hai, sondern nur ein für nenn Tage berechneter, sebr luftiger Bretterbau ist, die ersten Vorbereitungen zum Ban trifft. An den folgenden Tagen — nur vier Tage stehen zur Verfügung — wird die Bretterbude errichtet, mit Zweigen bedeckt und von den Familienmitgliedern nach Vermögen ausgeschmückt. In diesen Laubhütten, die daran erinnern sollen, daß Gott Israel 19) Daß dem Vorberer nachdem Kniefall Beim Wiede, erheben andere asistiren, hat seine Ursache ntdjr in der größeren Schwäche des Vorbeters, sondern in dem Umstande, daß er beim Niedersallcn wie beim Wiedcrerheben, weil im lauten Recitiren begriffen, die Füße geschlossen Hallen muß, und diese Haltung der Füße die ganze Vornahme des Aktes derart erschwert, daß sic ohne diese Unterstützung nicht leicht ausführbar ist. 20 > Dieses „sein soll" mag f;H‘ den Verfasser zutreffend sein, für die große Masse Derjenigen, welche den Tag der Versöhnung nach Vorschrift feiern ist er es in der Tha. 21)^Die»Ausdrucksweise: „geht treffen", erinnert sehr airldett polnisch-jüdischen Jargon.

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