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Der Israelit · 1900-09-27 · Heft 78 (27.9.1900) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 78 (27.9.1900)
Date
1900-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1599 verhallt, verlassen die jüngere Jugend, die Mädchenwelt, aber auch die weniger enthaltsamen Männer und Frauen die Synagoge, um das erste Frühstück zu genießen, während in der Synagoge sich gleich das Mittagsgebet anschließt?) Die Gebete, stets dieselben vorgeschriebenen, werden in hebräischer Sprache, manche in chaldäischer, nach uralten Melodieen gesungen oder auch nur „hergesagt." Es herrscht meist eine ziemliche Anarchie, ein lärmendes Durcheinander, dem wohl der Ausdruck Judenschule" seinen Ursprung verdankt.w) Bei der Gelegenheit sei bemerkt, daß die gewöhnlichen Juden die Synagoge Schule nennen.") Wo nicht schon ein modernes Regime eingeführt ist, betet und schreit Jeder meist nach Belieben, und Manche überlassen sich so sehr ihrer Ekstase und ihren andächtigen Verzückungen, daß man fast an heulende Derwische erinnert wird??) Die Sprache, in welchen die Gebete abgefaßt sind, wird von den Wenigsten verstanden. Allenfalls wissen sie die Bedeutung der häufigsten Gebete, Bibelverse und einige Schlaglvorte. Trotzdem wird alles gläubig hergesagt, was im Ganzen der Andacht wenig Abbruch tbut. Jeder legt dem Text, den er nicht auslegen kann, 9) Dieser Mißbrauch, baß viele Hörer fee3 ScholarblasenS fofort nach dessen Beendigung die L>yna oge in hellen Haufen verlassen um zu frühstücken, hat sich gegen die ausdrückliche Bestimmung des Rituals in der That in vielen Gemeinden einqcschlichen. Das Religionsgeseh verbietet jede llnterbrechung auch nur durch ein gesprochenes Wort bis nach gänzlich vollendetem Gebet, geschwei e denn durch Essen und Trinken. Diese Unsitte hat sich erhalten, so sehr auch dagegen schon angckämpft wurde. Vielleicht trägt die Constatirung dieses Mißbrauchs in einem größeren nichtjüdischen Blatte dazu bei, diesem Unwesen hie und da zu steuern. 10) Zur Würdigung der „Judenschul" verweisen wir auf folgende Stelle aus Ehrmann's „Durch's Jahr": „Wir treten mit dem Tageögrauen eines Sommermorgens in den von gefiederten Gängern widerhalleuden Wald. Welch' ein ergreifendes Eonzert.' Kann sich unsere Vocal- und Instrumentalmusik, können sich menschliche Chöre und Gesänge damit messend llnd die Lerche, die Amsel, die Drossel, die Wachtel» der Staar, der Fink und wie sie alle heißen, singen ohne Noten, ohne Taktslock, ohne Kapcllmeister, sie jubeln und schlagen, sie schmettern und trillern ohne System, ohne Regel, ohne jede Rücksicht auf die Mitfängcr, einer übertönt den andern und keiner stört den andern: giebt's das z un zweiten Mal auf Erden? So ist auch die Nachbildung unserer alljüdischen ErbauungSschrtften gleichsam so schwierig, wie die des Eoncert's der gefiederten Waldsänger. Gelange sie aber wider alles Erwarten dennoch, so erschiene sie dem Geschmack un serer Zeit wie dem nichtjüdischen Besucher unserer Gotteshäuser, dem Sprache, Geist und Gekmnung der Beter freind ist, — die alte Judenschul. (Serie X) 11 Eö mag die; daher fmntneu. daß die Stätte des Gebets gern mit der Stätte der Belehrung verbunden wird, und daß überhaupt das jüdikA Gebet sich mehr an den denkenden Geist, als an daS em^inderüre Gemüth wendet. 12) Auch diese Erinnerung ,nag dem Verfasser vielleicht noch ans dem Osten geblieben sein, bei uns bieten die Synagogen und ihre Besucher absolut nichts, was an heulende Derwische erinnert. seine Gedanken und Wünsche unter und glaubt seine Pflicht gethan zu haben, wenn er nur das vorgeschriebene Gebetspensum heruntergesagt hat. So groß ist das religiöse Bedürfniß der Menschen, daß selbst die kolossalen Fehler, die alle Religionen und Kirchen mit ihren unabänderlichen, aber mit der Zeit der Versteinerung unterworfenen, meist natürlich wohlgemeinten Vorschriften machen, im Großen und Ganzen noch immer etwas nützen.^) Ein Theil der Gemeinde, namentlich die meisten Frauen, sind vernünftig genug, die in Hochdeutsch oder in jüdischem Jargon beigedruckte Uebersetzung zu lesen. Sie betrachten dies aber als gewissermaßen minderwerthig, denn der liebe Gott versteht am besten oder liebt am meisten die hebräische, „die heilige Sprache."") Ist das Neujahrsfest vorüber, an welchem die Männer noch ihre nicht Werthvolles enthaltenden Taschen in das nächste Gewässer ausgeschüttet, und damit symbolisch ihre Sünden in das Meer der Vergessenheit versenkt haben, dann kasteien sich die Frommeren in der Bußwoche bis zum Bersöhnungstage. Vor diesem werden in vielen Familien für die männlichen Mitglieder Hahne, für die weiblichen Hühner mit einer gewissen Ceremome als Sühnopfer geschächtet, die man sich dann gut schmecken läßt, so daß das Opfer kein großes ist.") Man bittet einander etwaige Beleidigungen oder sonstiges Unrecht ab und versöhnt sich mit einander. Auch laßt man sich von befreundeten Gemeindemitgliedern 39 — Hiebe aufzählen, die natürlich sehr gelinde ausfallen. Wenn man dann gegen Abend ordentlich und festlich gespeist, eine große Wachskerze daheim angezündet hat, begibt sich die ganze Familie in die Synagoge. Mit Sonnenuntergang des 9. Tischri beginnt der große Versöhnungstag und endet mit dem Aufgang der Sterne am io. Tischri. Da man an diesem Tage die Stiefel auszieht, einige Männer auch die Nacht hindurch in der Synagoge bleiben, hat man Heu ausgespeichert, um sich nicht zu erkälten, sowie auch um für den Schlaf den Kopf etwas weicher zu betten.,ß) Die verheirateten Männer legen Sterbehemden an und bedecken sich mit weißen, silber- oder goldgestickten.Käppchen. 13) Wir vermissen anch hier die nöthige Klarheit des Ausdrucks und besonders die Namhaftmachung der Fehler, welckie zu diesen Ausführungen den Anlaß geben. 14) Die blasphemirende Art und Weife, welche Gott ein besseres oder minder besseres Verstehen einer Sprache vindicirt und daraus die Bezeichnung der hebräischen Sprache als heilige, alS eine von Gott am meisten geliebte Sprache herlcitet, ist für den Tenor dieser ganzen Abhandlung überaus charakteristisch. 15) DaS soll es auch gar nicht sein. Deimoch wird hier verschwiegen, daß daö Geflügel zwar von den Eigenthümern genossen daß aber der Werth desselben den Armen gegeben wird. 16) Auch das Heu in den Synagogen ist eine nur im Osten vorkommende Spezialität, die man bei uns gar nicht kennt. Aber auch dort ist die Veranlassung dazu nicht in den hier betonten, sondrrn in ganz anderen Momenten zu suchen.

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