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Der Israelit · 1900-09-27 · Heft 78 (27.9.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 78 (27.9.1900)
Date
1900-09-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1598 politische Gründe für die Verlegung des Sabbat auf den Sonntag im Interesse einer rechten Ruhe und religiösen Feier sprechen mögen, der orthodoxe Jude wird stets sagen: non pos8Umu8. Der Papst läßt noch klugerweise manchmal mit sich handeln. Der orthodoxe Jude aber erkennt nur die Autorität des alten Testaments an, und an den in diesem gegebenen Daten ist nicht zu rütteln?) Der erste hohe Festtag ist das Neujahrsfest. Das jüdische Jahr beginnt mit dem 1. Tischri, und die Tage bis zum 10., dem Versöhnungstage, sind die zehn Bußtage. Neujahrs- und Versöhnungsfest sind die gefürchteten oder Ehrfurcht einflößenden Tage, weil nach jüdischer Annahme in diesen Tagen Gott zu Gericht sitzt und je nach Befund sein Urtheil spricht und bestimmt, wer durch Schwert, oder Hunger, oder Pest umkommen, wer sein natürliches Lebensende erreichen soll u. s. w. Am Neujahrstage wird das Urtheil geschrieben, am Versöhnungstage gesiegelt und am Weidenfesttage gewissermaßen zugestellt?) Es ist seltsam, daß die Juden, denen eine bildliche Darstellung Gottes auf's allerstrengste verboten ist, in anthropomorphischen Sprachwendungen und Vorstellungen geradezu schwelgen. Selbst die Bibel spricht „in der Redeweise der Menschen," wie es im Talmud heißt, und läßt Gott „reden," „zornig werden" u. s. w. So denken sich die nicht sehr gebildeten Juden den lieben Herrgott in der That eine Art Gerichtssitzung abhalten, Protokolle aufnehmen, und nach selbstverständlich gerechter, aber in Rücksicht auf die Verdienste der Ahnen und auf den mit Israel geschloffenen „Bund" möglichst liebevoller Urtheilssprechung den Wahrsvruch unterzeichnen, siegeln und ausfertigen?') Man bereitet sich demgemäß würdig auf 4) Die Autorität des alten Testaments ist die Autorität Gottes, die dem orthodoxen Juden in der That höher als alle religionspolitischen Gründe steht. Aber davon abgesehen. dürften gerade religionspoliiische Gründe gegen die Verlegung des Sabbat auf den Sonntag sprechen, so lange noch der Sonntag von der großen Mehrzahl der Menschheit nicht als ihr Ruhetag gefeiert wird. Wenn der Sabbat nichts als ein Tag der Ruhe, oder wie es hier heißt des Ansruhens wäre, so ruht man doch wohl rationeller am Ende als am Anfang der Woche aus. 5) Das entspricht nicht der jüdischen Anschauung, auS welcher heraus dieser Festtag gefeiert wird. Demjenigen, der die Bedeutsamkeit der bisherigen hohen Feiertage nicht befristen hat, wird mit diesem letzten Tag des scheidenden Hütten'esteö die Mahnung nabe gelegt, noch jetzt das Versäumte nachzuholen. Dieser Umstand giebt dem Tag eine erhöhte Feier, von irgend etwas, was einer Zustellung entspräche. ist dabei nirgends die Rede. 6) In der Vermenschlichung Gottes ist von sehr gebildeten Nichtjuden schon Stärkeres geleistet worden, als daS was den nicht sehr gebildeten Juden unterstellt wird, lieber diese AntropomorvhiSnien, über ihre Bedeutung, Rechtfertigung und Nothwendigkert existirt eine ganze Literatur. Wir beschränken uns darautz die Ansicht eines genialen Bibelforschers unserer Tage hier wiederzugeben: „Hinsichtlich dieser und ähnlicher anlhropomorphischer Ausdrücke von Gott, gestatten wir uns eine allgemeine Bemerkung. Man hat so lange an diesen Ausdrücken herumdciS hohe Fest vor. Einen ganzen Mondmonat vorher schon, vom 1. Elul an, wird in der'Synagoge Schofar (Widderhorn) geblasen, in der letzten Woche schon sehr früh zu besonderen Gebeten aufgestanden. Am Vorabend des 1. Tischri endlich beginnt das Neujahrsfest, zu welchem Abend die Kinder ihre Neujahrswünsche schreiben. Mit Segenssprüchen ivird das neue Jahr eingeweiht und bis dahin absichtlich nicht genoffenes Obst, gewöhnlich Aepfel oder Weintrauben, zum ersten Male genossen, nebst frischem Honig, um das Jahr zu versüßen?) Den ganzen folgenden Vormittag ist die Gemeinde in der Svnagoge, nicht nur wie am Sabbat oder an anderen Festtagen, Männer und verheirathete Frauen, sondern zeitweise auch die sonst vom Synagogenbesuche befreiten Jungfrauen und Kinder. Denn es darf nichts genoffen werden, bevor die eigenartigen Schofartöne gehört worden sind. Das Morgengebet nimmt einige Stunden in Anspruch. Der Norbeter trägt unter denz gewöhnlichen Gebetmantel ein weißes Gewand (Sterbekleid) und eine weiße, statt der üblichen schwarzen Kopfbedeckung?) Endlich tritt der Schofarbläser in Thätigkeit, dem der Rabbiner oder sonst ein angesehenes Mitglied der Gemeinde die vorgeschriebenen zu blasenden, bald gedehnten, bald vibrirenden, bald schmetternden Töne und Signale commandirt. Kaum ist der letzte, besonders lang gedehnte Ton pbilosophirt, um jeden Gedanken an eine Körperlichkeit zu entfernen, bis man zuletzt der Gefahr nahe kam, selbst die Persönlichkeit Gottes au verflüchtigen. Wenn das die Absicht der Thora wäre. Härte sie derartige Ausdrücke leicht vermeiden können. Allein diese letztere Gefahr ist größer als die erstere. Diese Ausdrücke weckten die zwei wesentlichsten Begriffe: Die Freiheit Gottes rind die Freiheit des Menschen. Nicht umsonst heißt es: Alö Gott sah u. f. w. Es war die Schlechtigkeit der Menschen nicht nothwendig. Es mußte ein Schauer Gottes vorangehen, ehe Gott es wußte: Dieser Ausdruck gewährleistet uns also das Bewußtsein der menschlichen Freiheit, lind das Geschick, das den Menschen trifft, tritt nicht in Folge einer physi'chen Causalität ein; es geht ein prüfender Rathschluß Gottes voran, der Rathschluß selbst schmerzt den Beschließenden. Alles dieses fetzt die Persönlichkeit und Freiheit Gottes voraus und hält diese dem Bewußtsein icin. Schon R AbD (Initialen von Rabbi Abraham den David) einer unserer jüdischsten Denker, ist der Ansicht, daß dieses Bewußtsein von der Persönlichkeit Gottes viel wichtiger fci, als die Speculation darüber, ob man das oder jenes von Gott prädiciren könne. (Sams. Rafael Hirsch'S Pentateuchkommentar zu I..B. M., Cap. VI, V 7.) 7) Diese Früchte werden ^rst am zweiten Festabend genossen und haben mit der Symbolik des neuen Jahres nichts zu thun. Ebenso wenig ist frischer Honig vorgeschrieben, noch weniger aber glaubt man, daß der Genuß von Honig bei Jahresbeginn das Jahr versüße. Sein Genuß hat lediglich den Zweck, zu der Bitte um ein gutes, süßes Jahr anzuregen und dieselbe in Worte zu kleisen. 8) In Deutschland (westlich von der Elbe) kleidet sich auch am Neujahrstag nicht nur der Vorbeter» sondern die ganze Gemeinde in weiße (Sterbe-) Gewänder. Nur im Osten Deutschlands und Europas findet der vom Verfasser erwähnte Unterschied zwischen dem Vorbeter und der Gemeinde an Neujahr statt.

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