Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 97 (6.12.1900)
- Date
- 1900-12-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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2037 Ungehörigleit, daß der Jude cs wagte, in der Synagoge zu sein, während er, er! seiner bedurfte. „Junge, lannst Du mich nicht zu dieser Eurer Synagoge hinführen?" fragte er nervös, ungeduldig über die Verzögerung. „Sehr gern." Der Herr ließ das Fahrzeug warten und folgte dem Führer. Sie passirten einige schmutzige, krumme, öde Gassen und standen vor einem Hause, welches sich in nichts von den andern unterschied. Von den Wänden fiel die Tünche herunter, wie von den Wänden der anderen Häuser, und entblößte häßliche, gelblich-rothe eiternde Wunden; die Scheiben schienen an grauem Star zu leiden, das Dach war mosaikartig geputzt, und auch mit Moos und Pilzen. Der ganze Jammer des Voltes, welches sogar für das. was es am meisten liebt und wofür es oft sein Herzblut hingegeben, keine Behausung haben kann, sprach aus dieser niedrigen, baufälligen Ruine, welche nur mit Mühe und mit dem Reste der Willensanstrengung aufrecht zu stehen schien. „Das ist Euer Gotteshaus?" Der Edelmann konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. „Schön, schön . . . Aber warum ist es hier so still, so ruhig?" Warum? Aus einer Judenschul muß ja stets der spriichwöriliche Lärm dringen, und die Ohren betäuben. Der Knabe antwortete nichts. Er führte nur den Gast in den Vorhos und fragte: „Darf ich Jankel Herausrufen?" „Jawohl, mein Junge!" Dabei zog der Herr einige Münzen aus der Tasche und reichte sie dein Knaben. Dieser that einen Schritt zurück. „Heute darf ich nicht! . . . Ich danke, gnädiger Herr." Der Edelnrann lam aus dem Staunen nicht heraus; da fiel sein Blick auf ein Bild, welches ihn förmlich bannte. Durch eine geöffnete Thüre erblickte er einen schwarzen Hausen, welcher in gedrängter Masse das kleine Bethaus erfüllte, und in Schweigen und Sammlung versunken dastand. Im Hintergründe, ganz nahe beim Fenster, saß bei einein besonderen Pult, von der Beenge durch einen Halbkreis abgetheilt, Jankel, der Faktor. Sein Haupt war jetzt nicht mehr gebückt, seine Augen hatten nicht mehr den Ausdruck eines geschlagenen oder winselnden Hundes, die ganze Gestalt machte nicht mehr den Eindruck, als trüge sie schwere Fesseln. In dem vergilbten Gesichte brannten die Augen, die magere Hand glättete den schwarzen Bart oder erhob sich in der Luft, wie um den Worten Nachdruck zu verleihen, von den Lippen kamen Worte, seltsame, unbekannte Worte, in einem seltsamen unbekannten Tone. Es lag in ihnen eine gewisse Musik, bald wiedertönte aus ihnen etwas wie ein mächtiger, kategorischer Befehl heraus. Der Edelmann stand an der Thüre und wollte seinen eigenen Augen nicht trauen. „Was ist das? . . . Ach nein, das kann ja nicht sein . . ." dachte er rasch und verwirrt. „Mein Faktor, und doch zugleich nicht er . . . Hat er einen Doppelgänger? Sollte er etwa nebenbei auch so ein Stückchen Rabbiner sein?" Plötzlich stieß er ein lautes, helles, lustiges Lachen aus. „Das ist aber drollig!" . . . lautete der Text zu diesem Lachen. „Mein Faktor ... ein Lehrer oder Prediger! Gewiß unterrichtet er Dinge, die er selber nicht versteht, oder aber solche, die er nur zu gut versteht. Einen Augenblick später wird er vor mir stehen, und mit denselben Lippen, die soeben noch irgend welche erhabene Phrasen gestammelt, wird er vor meinen Tritten den Staub wegblasen. Habe ich nicht recht, wenn ich aus diese Weise das ganze Gesindel behandle?" Diese Meditationen unterbrach der Knabe, der aus dem Bethaus kam und meldete: „Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, aber Jankel wird nicht kommen." „Ja, was heißt denn das?" donnerte der Edelmann entrüstet. „Ja, er .... er, gnädiger Herr, will am Sabbat nicht von Geschäften sprechen. Er will nicht einmal herauskommen. Er ... . lehrt nämlich die Leute dort." „Das ist aber prächtig. Was lehrt er denn? Er ist ja selber unwissend wie ein Schaf." Jetzt sah sich der Edelmann umringt von einer zahlreichen Gruppe von Juden. Der Anblick eines so seltenen Gastes hatte sie angelockt, und als sie dessen geringschätzige Aeußerungen vernahmen, prvtestirten sic einhellig. „Sagen Sie das nicht, gnädiger Herr," rief ein junger Mann mit einer Brille, „Jankel, der Faktor, ist in unseren Dingen sehr bewandert und gelehrt." „Woher hat er denn all' diese Weisheit geschöpft?" „Woher? Er hat gearbeitet, er arbeitet noch. Schon mit Sonnenaufgang sah man Jankel stets über unsere heiligen Bücher gebeugt, und bis spät in die Nacht läßt er von ihnen nicht ab. Den ganzen lieben Tag rennt er herum, plagt sich und arbeitet, um für seine Frau und Kinder ein Stück Brod zu erwerben, dann aber lebt er nur für den Dienst des Himmels. Er ist ein gelehrter Mann und ein frommer Mann. Deßhalb versammeln sich am Sabbat viele Männer um ihn herum und er erklärt ihnen die Lehren der heiligen Bücher." Hier wurde die Thüre wieder geöffnet und der Edelmann warf einen Blick in das Innere. Er erblickte einen Haufen von armseligen Menschen, welche von sich das alltägliche Kleid, und damit das alltägliche Elend geworfen hatten, und wie verwandelt dastanden, strahlend von einem tiefen inneren Gefühl und von dem Ernst der Gedanken. Und unter ihnen sah Jankel,