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Der Israelit · 1900-12-06 · Heft 97 (6.12.1900) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 97 (6.12.1900)
Date
1900-12-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
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2036 dem Juden Weh ihun könnte. Denn der gnädige Herr war keineswegs ein schlechter Mensch. Aber diese grundlose Angst, die der Jude an den Tag legte, war zu komisch, und der gnädige Herr amüsirte sich dabei trefflich. Und die Angst des Juden wuchs undnahm immer lächerlichere Formen an, denn Jankel fürchtete sich im Grunde gar nicht, aber er wollte durch dieses unschuldige Schauspiel de:n Herrn ein Vergnügen bereiten. Das konnte manchmal nützen. „Aber Männchen, meine Spitzen, mein Kleid . ." In der That, es war schade, an die Pantomime Zeit zu vergeuden, während das Kleid und die Spitzen der gnädigen Frau warteten. Jenes lief ja nicht davon. man konnte es haben, wenn man wollte. „Hündchen! Komm her!" Jankel warf noch einige spähende Blicke nach der Seite der Herrschaften, dann verbeugte er sich einigemale tief und rannte nach dem Palastthor. „Jankel!" Das war die Schaffnerin. Sie stand vor der Küchenthür, niedrig, untersetzt, dick und roth >vie eine Tomate. Nach ihrer Gewohnheit kaute sie etlvas zwischen den Zähnen. „Bring' uiir einen Hut Zucker aus der Stadt, Jankel!" „Sogar zwei, wenn die Frau Schaffnerin wünschen . . ." „Was? was? Das ist ja die reinste Plage mit diesem Juden. Wie oft habe ich Dir gesagt, wie man zu mir spricht ..." „Frau Verweserin. Schon gut. Bitte um Verzeihung, ich hab's blos vergeffen. Gott möge Ihnen, Frau Verweserin, so Leben und Gesundheit geben, wie ich vergessen habe. Ich werde doch ..." „Vergeh' meinetwegen, ob Du lebst, aber vergiß nicht, jeder Persönlichkeit die ihr gebührende Ehre abzugeben! Das wäre noch schöner! Ich kann hier zehn Andere finden, die auf den Pfoten vor mir tanzen werden, und der wagt es ..." Jankel stand demüthig gebückt. Sein gelbes, kleines Gesicht war zufammengeschrumpft und fat) auB, wie eine alte tvelke Citrone. Die Frau Verweserin klirrte majestätisch mit den Schlüsseln und kornluandirte weiter: „Also zwei Hut Zucker, nein, nur einen, dieser Jude bringt mich in Verwirrung mit seinem Gerede, dann Oel, Pfeffer und Rosinen. Ja, wart nur, ich habe noch vielerlei vergessen. Also Du trittst beim Schuster ein und kragst, warum meine Schuhe noch nicht fertig sind, dann." Jankel hörte den ganzen Wortschwall geduldig bis an's Ende, dann wandte er sich zum Gehen, nicht ohne zuerst eine tiefe Verbeugung vor der Frau Verweserin gemacht zu haben, eine Verbeugung, die um etliche Nuancen weniger unterwürfig war, als jene, welche der gnädigen Frau gegolten. „Jankel!" Er sah sich tun. Es war Walek, der Oberknecht, der auch seinen Spaß mit dem armen Juden haben wollte. Er zaulle ihn bei den Ohrlöckchen, zerrte an seinem Rocke und liest ihn erst los, nachdem er seinen Uebermuth an ihm gesättigt hatte. Der Herr, der von der Veranda aus alle die Vorgänge beobachtet hatte, benierkte zu der neben ihm sitzenden Frau: „Ist das aber ein Volk! Was sich so ein Jude alles gefallen lässt! Das scheint gar kein Gefühl zu haben. Von Ehre im Leibe schon gar keine Spur." „Ich zweifle überhaupt, ob sie eine Seele haben!" bemerkte die Gattin mit ihrer süsten, klangvollen Altstimme. Der Herr schien eine Weile nachzusinnen, dann antwortete er: „Da hast Du '„stecht, mein Täubchen." Dann fügte er hinzu: „Wo sollte eine eckste und rechte Seele, wie ein Ebristenuiensch sie hat, in dem Leibe eines solchen ge krümmten, schmierigen Geschöpfes wohnen?" Der nächste Tag war Sabbat. Jankel kam nicht. Der Herr wartete, es wartete die gnädige Frau, es wartete die Frau Verweserin. Jankel kam nicht. Endlich liest der Herr anspannen und fuhr grimmig nach der Stadt, in das Gästchen, lvo Jankel wohnte, und wo der Herr so oft gehalten hatte. An einein gewöhnlichen Tage ward das Gefährt des Herrn sofort von einem ganzen Haufen Männer und Weiber umringt, besonders staunten es die beruß ten und schmutzigen Kinder an, die einander stoßend und drängend aus den Häusern stürzten. Auch Jankels Frau mit dem vollen halben Dutzend ihrer Spröstlinge eilte herbei. Heute dagegen war alles still und öde. Einige Knaben gafften ans der Ferne, einige Frauen guckten neugierig durch das Fenster, sonst aber machte die Kutsche nicht den geringsten Effekt, besonders Jankels Haus blieb geschlossen. Das eigenhändige Klopfen des Herrn blieb erfolglos. „Die haben sich wohl mit ihrem Rosinenwein be trunken, oder was!" brummte der Edelmann auf's tiefste empört. Er tonnte es nicht fasten, daß der Fat tvr einmal nicht zu seiner Verfügung stand. „Gnädiger!" sprach ihm ein hübscher, sauber gekleideter Knabe an, „Jankel ist um diese Zeit nicht zu Hause." „Wo denn sonst, mein Lieber?" fragte der Herr verwundert. „In der Synagoge." „Was? In der Synagoge?" Das Staunen des Herrn wuchs und steigerte sich zur höchsten Entrüstung. Er empfand es als äußerste

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