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Der Israelit · 1900-12-06 · Heft 97 (6.12.1900) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 97 (6.12.1900)
Date
1900-12-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
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2038 vielleicht der ärmste zwischen ihnen, gleichsam losgelöst von dieser Welr und ihrem Tand, und führte das Wort; und es war ein kraftvolles Wort, wie mit magnetischer Kraft begabt, welches sie hinaus und ihre Herzen in eine höhere Region hinwegzutragen schien, wohin der Lärm des werktäglichen Treibens nicht drang, noch der Widerschein des groben und brutalen Lebenskampfes, wo eine eigenartige Heimlichkeit herrschte, eine festliche Lebensstimmung, eine überirdische Harmonie waltete. Diese Stimmung fing an. auf den Edelmann zu wirken. „Was trägt er denn dort vor?" fragte er wieder, und dämpfte unwillkürlich die Stimme, in der ein achtungsvoller Klang zu vernehmen war. „Was er vorträgt? Pirke Aboth trägt er vor. Das liest nämlich jeder fromme Jude am Sabbat Rachmittag den ganzen Sommer lang." „Botb, was heißt denn das? Könnte mir nicht Jemand das erklären?" „Sehr gerne," antwortete der junge Mann mit den Augengläsern. „Ich höre ganz gut, was Reb Jankel jetzt sagt und kann es Ihnen übersetzen: Rabbi Elieier pflegte zu sagen: Es soll dir die Ehre deines Rächsten ebenso theuer sein, wie deine eigene Ehre. Hüte dich vor deni Jähzorn, und thue Buße einen Tag vor deinen: Tode. So lehrte Rabbi Elieser. Und Reb Jankel erklärt das wie folgt: In der heiligen Schrift beißt es nur: liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, er aber gebt weiter und befiehlt, die Ehre, die Menschenwürde des Nächsten zu achten und zu lieben. Wer seinen Nächsten erniedrigt, der handelt, wie wenn er seine Seele beschimpfte. Wer aber dem Jähzorn verfällt, der sündigt, wie wenn er Götzendienst triebe. Und der Weise befiehlt uns, daran jeden Augenblick zu denken. Was bedeutet nämlich das Wort: Thue Buße einen Tag vor deinem Tode? Kein Mensch kennt ia den Tag seines Todes. Das bedeutet eben nichts anderes, als daß wir, da uns die Todesstunde unbekannt ist, jeden Augenblick Buße thun und unsere Sünden bereuen müssen. Wie aber sollen wir Buße thun? Worin besteht das Wesen der Buße? In der Reue, in dem Gebet, und in den guten Thaten." .... Ter junge Mann sprach langsam und etwas schwerfällig: endlich sagte der Edelmann mit leiser Stimme: „Solche Dinge also lehrt Jankel?" Und der arme verachtete Faktor, von dem er einmal bezweifelte, ob er eine Seele habe, fing an. in seinen Augen zn wachsen und zu steigen. Ein Helles, warmes Liebt floß durch den Raum und auf die Versammlung herunter. Der Edelmann erblickte nun vor sich auch andere Handwerker, Krämer, ganz kleine, verachtete Menschenwesen, die sich gleichfalls von dem Schmutz der Erde loslösten und die Lehre von der Achtung vor der Ehre des Nächsten predigten, und davon, daß man den Mitmenschen Liebe und Sanftmuth erweisen, und stets bereit sein müsse, vor dem Antlitz des Allvaters zu erscheinen. Und Jankel Faktor war einer ,von ihnen, einer von den Vielen, die für ihre Ueberzeugung aus dem Scheiterhaufen, oder von der Schärfe des Schwertes fielen. Aber Jankel Faktor ging gleichwohl auf der Welt herum wie ein Doppelmensch. Er bestand eigentlich aus zwei Menschen, von denen der eine ein kleines, verächtliches, getretenes Würmchn war, und der zweite ein hehrer Lehrer .... „Es soll dir die Ehre deines Nächsten theuer sein." .Nein, das war zu seltsam, zu unbegreiflich. . . Der gnädige Herr hatte einst die Vorträge berühmter Professoren und die Predigten großer Kanzelredner gehört, er hatte viele litterarische Werke gelesen, er kannte den Ehrenkodex so manchen Landes, aber niemals hatte ihm Jemand so kategorisch zugerufen: Achte die Ehre deines Nächsten, wie deine eigene. . . . Erst dieser obskure, armselige, unkultivirte jüdische Faktor läßt ihn diese Lehre vernehmen. . . . Wie seltsam. Und schweren Schrittes, von einem reinen Gedanken beherrscht, ohne Jemand zu bemerken, entfernte sich der Edelmann. Früh am nächsten Morgen stand Jankel vor ihm. — Er war wie sonst, demüthig, gebückt; sein gelbes, kleines, zerknicktes Gesicht sah aus wie eine vertrocknete Eitrone. Der Hut, dessen Urstoff man nicht erkennen konnte, und der Rock, eine Mosaik verschiedenfarbiger Flicke, ließen ihn noch armseliger und beinahe konrisch erscheinen. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr," fing er an und brachte seinen Rücken in eine Reihe tiefer Verbeugungen, „aber den Sabbattag müssen Sie mir schon schenken. Sie wissen vielleiwt nicht, gnädiger Herr, daß wir am Sabbat eine andere Seele haben. Und diese andere Seele kann ich nicht vor die werktäglichen Geschäfte spannen. So wahr ich meiner Frau und meinen Kindern Leben und Gesundheit wünsche. das kann ich nicht!" Der gnädige Herr betrachtete Jankel forschend und drehte seinen Schnurrbart. „Sag mir mal, Jankel," sing er mit einem ungewöhnlichen Ernste an, „wer bist Dm eigentlich? Seit gestern denke ich darüber nach und kann es nicht verstehen. Wer bist Du, was bist Du? Und wie soll ich es mir erklären, daß Du gestern ein anderer warst. und beute wieder ein anderer bist?" „Ach, gnädiger Herr, Sie sprechen so zu mir? -- Sie wollen solche Sachen wissen?" Der winzige, armselige Jude richtete sich gerade empor, in seinen Augen spielte ein seltsames Feuer, seine Stimme tönte in einem Uesen, feierlichen Klang: „Was ich bin? Ich bin Jankel Faktor. Ich bin ein Jude. . . . Und wenn Sie wollen, gnädiger Herr, ich bin das Judenihum. . . . Daher diene ich und lasse

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