Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 97 (6.12.1900)
- Date
- 1900-12-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2025 T ':- ' "*' •->-5'r'; ''-^7^-'^'- ..-TV*,-; einen anderen, einer alten Legende entnommenen Hoffnungsstrahl. „Lieber guter Freund," begann er, „Sie finden in Ihrem leider nur zu sehr gerechtfertigten Schmerze lein anderes Klagewort, als dasjenige, welches unser so schwergeprüfter Vater Jakob auSgeriifen, als ihm die scheinbare Gewißheit non dein Tode seines Sohnes Josof iiberbracht wurde, und ivelche er aus dem Vorzeigen des blutbeflecften Gewandes, des Eigeuthums seines Sohnes, erkennen mußte. Sie, der bibelknndige Mann, der sieh in so manchen Stucken die Handlungsweise unserer frommet: Väter als naehahntungswürdiges Beispiel bor Augen genommen, mußten natürlich gemäß der ähnlichen Situation dieselben Ausdrücke anwenden, wie sie damals unser Urvater gebrauchte. Mir aber, der nicht ben Wortlaut der Bibel allein zum Gegenstand seines Studiums gemacht hat, sondern auch die Ertläruug unb Ausschmückung des biblischen Textes gelernt batte, gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Frage vorlege: Wie kommt es, daß der von so zahl reichen Unglücksfällen verfolgte, scheinbar abgehärtete Jakob gerade über den Verlust des Josef so übermäßig trauerte und jeden Zuspruch zurückwies? Gr hatte ja seine Eltern verloren, mußte vorher noch arm und verstoßen in die Fremde wandern, dtlrch die unwirthliche Wüste ziehen, wo der Stein des Feldes sein Ruhekissen ward. Gr, der Sobn aus reichem Hause, der Enkel Abrahams, des göttlichen Fürsten, flehete in inbrünstigem Gebete blos um Brod zur Sättigung und ein nothdürstiges Gewand zur Bekleidung. An feinem Bestimmungsorte angetommen, hatte er gegen alle Anschläge Labans, welcher der Hagada nach schlimmer als selbst Pharao gehaust hatte, anzukämpfen, mußte es mit feinem erzürnten Bruder Efau, ja sogar auch mit einem überirdischen Gegner aufnchmen, und als er all dies Ungemach überstanden, begrub er in der einsamen Wüste seine theure Rachel, das Weib seiner Liebe, um welches er Jahre lang unermüdlich gedienet, sieb bei Tage dem glühenden Sonnenbrände, und in der Nacht dem eisigen Froste ansgesetzt hatte, wie es die heilige Schrift erzählt. Bei diesem furchtbaren Berlnste, der doch so manchen Mann niedergedrückt hätte, blieb der Patriarch gefaßt und Gottergeben, mit treuester Vorsorge ferner für seine zahlreiche Familie sorgend und schaffend. Warum denn verließ ihn bei der Todesnachricht Josefs alle bisher bewahrte Fassung, wies er jeden Zuspruch zurück mit den bedentnngsschweren Worten: „Laßt mich, ich werde mit Trauer um meinen Sohn in die Grube fahren!" Wißen Sie diesen Widerspruch, oder wenigstens dieses Auffallende in dem Charakter Jakobs zu erklären, mein armer Freund?" Der Rabbiner schwieg, als wollte er die Antwort des Freundes abwarten. Derselbe saß aber, stumm vor sich hinstierend, im wort- und thränenlosen Schmerze da. Nur sein plötzliches Aufblicken bei der eingetretenen Pause verrieth, daß er überhaupt zugehört hatte. Diese Beobachtung ermunterte den Rabbiner fortzufahren. „Sie wiffen dies nicht zu erklären, das glaube ich wohl! Drum hören Sie, was unsere Weisen auf diese aufgeworfene Frage antworten: Jakobs Eltern und dessen geliebtes Weib waren gestorben, und er hatte sie bestatten Helsen, die einen in dem steinernen Felsengrabe zu Machvela, die andere in dem leichten Wüstensande. Was von ihnen Staub gewesen, ist wieder Staub ge>vordeu und wurde mit der Mutter Erde bedeckt. Und dasjenige, was von der Erde bedeckt ist, das vergißt der Mensch einem Naturgesetze gemäß mit der Zeit, darüber muß er sich zu trösten wissen. Joses war aber nicht todt, folglich nicht von der Erde bedeckt, deßwegen tonnte sich der Vater über feinen Verlust nicht tröffen, unb die berjipeifelttben Worte: „Ich tverde mit Trauer in die Grube fahren," sind dadurch begründet. Was, mein Freund, wenn Ihr Sohn wirklich noch lebte? Daß Sie jedem Trostesworte derart unzugänglich stnd, und Sie gerade diese Worte in Ihrem Jammer anwenden, läßt einen Hoffnungsschimmer in meinem Herzen auskommen." Abweisend schütielte Herrmann den Kopf, in seinem Stillschweigen beharrend. Der Rabbiner selbst mochte an die Stichhaltigkeit dieses von ihm angebrachten Trostgrundes nicht recht glauben, denn im Fortgehen sprach er, seinem Freunde theilnahmsvoll die Hand drückend, die Trostesworte: „Gotte tröste Dich an diesem heiligen Sabbate unter all' den Trauernden um Zijon und Jerusalem!" Die folgende Nacht war ruhig vergangen, so sehr man fick iw Städtchen auch davor gefürchtet hatte. Kein feindlicher Soldat batte sich blicken lassen. Erst Morgens kam ein Trupp Ulanen geritten, als Quartiermacher für ein nachfolgendes Regiment. Die Leute waren sehr artig, ja freundlich, erbaten für das Militär nur gute Quartiere, womöglich in Häusern, wo deutsch gesprochen wurde, oder wenigstens, wo man sie verstehen konnte, für die Pferde verlangten sie ordentliche Stallungen und die nothwendige Fourage. Und so stnd die Menschen, so widerspruchsvoll ist ihre Natur beschaffen! Die Bewohner des Städtchens standen wieder aus demselben Platze, um den Einzug des Feindes zu bewundern, wie gestern, wo sie Iheilnahmsvoll den fliehenden Vaterlandsvertheidigern nachgeblickt hatten. Das Zwecklose einer Verfolgung der versprengten Truppen einsehend, hatte der Feind beschkoffen, in dem freundlichen Städtchen einen Rasttag zu halten, um den ermüdeten Soldaten Gelegenheit zu geben, ihre Kräfte wieder zu gewinnen. Wo nur ein Kämmerlien frei war, wurden die fremden Soldaten untergebracht, während man in die