Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 76-77 (20.9.1900)
- Date
- 1900-09-20
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1591 wühl, wie nnlcuuer, ja verwerflich dieses Gesuch war, aber er muhte sich gestehen, nicht ganz frei davon gewesen zu sein. In seinem Gedächtniß tauchte der Moment aus, da er den ausgewiesenen Familien das Geleit gab. Gr weinte, denn es that ihm im Herzen leid, das Unglück ''einer Brüder mit anzusehen, die mit dem Wanderstab in der Hand ihre Irrfahrten um das liebe Brod antraren. Besonders schmerzte ihn das Scheiden einiger Famstien, mit denen er eng befreundet war. so daß sie ihm wie nahe Anverwandte galten. Ueberbaupr waren die meisten Mitglieder der kleinen Gemeinde wie durch verwandtschaftliche Bande aneinander gekettet, oder es verband sie eine trauliche Freundschaft. Ihr Jammer verursachte ihm also aufrichtigen Kummer und er vergoß ungeheuchelte Tbränen darüber, —- aber irgendwo, in einem verborgenen Winkclchen des Herzens, regte sich beinahe ganz unbewußt ein schüchternes Gefühl der Genugthuung, daß er nnn alle seine Eonourrenten los sei - and der ganze kleine Torfhandel ihm zufallen werde. Gr schämte sich über diese Empfindungen, konnte ste aber nicht verbannen. Gr sah das Unglück tüder lieben Menschen, das Unglück ging ihm nahe, es erpreßre ihm Thronen. und buch konnte er sich einer Art Freude nicht erwehren . . . unter aufrichtigen Thränen Befriedigung zu emvfinden! Was in aus mir geworden? Bin ich kein Mensch mehr? Bin ich ein egoistisches Thier geworden? fragte er sich voller Beschämung. Und doch konnre er das abscheuliche Gdstbl nicht unterdrücken. Als der Lehrer entlasten werden niußie, nabm Joßel die Erzieherthängkeik in feine eigenen Hände. W selbst war nicht unwiisend, und seine Kenntnillc reichten ans, um den Anforderungen seiner Söbne -w entsprechen. Ter ältere besaß gar keine Fähigkeiten, d^cki der jüngere ivar nicht unbegabt, dagegen batte er gar keine Luft zum lernen. Beide waren richtige Tvrfrangcit, die sich mit Pferden herumtummeln und das Bieh zu weiden verstanden, aber für die „schwarwn Pünktchen" wenig Verständnis; batten. Tie Trar! war damit nicht einverstanden und drang in ihn, nach der Stadt zu überstedeln, um den Bindern eine jüdische Erziehung geben zu können, da ne nickt recht an die pädagogischen Fähigkeiten des Gatten glaubte. Tech dieser beschwichtigte sie, indem er einige Stunden am Tage für den Unterricht bell i mm te. Aber die Frau behielt Recht. Tie festgesetzten T runden konnten nickt eingehalten werden, da jedesmal allerlei Störungen dazwischen traten. Auch mangelte ihm die für einen Lehrer nothwendige Geduld, zumal er häufig durch das Mißlingen von Unternehruungen und schlechten Geschäftsgang in große Aufregung versetzt wurde, wobei er sich im Zorne Hinreißen ließ, die Söhne zu schlagen. Bei diesem Anblick blutete das Mutter Herz. Auch auf die Gesundheit des Vaters übte es einen nachtheiligen Einfluß; er alterte frühe. „Mann, was sitzen wir hier?" wiederholte die Frau öfters, als sie sah, wie die Söhne in Unwissenheit heranwuchsen und ihre religiösen Pflichten vernachlässigten. Außerdem fühlte sie sich vereinsamt, seitdem ihre Verwandten und Freunde fortgezvgen waren. Tie Kinder gesellten sich, aus Mangel geeigneteren Umganges, zu den Bauernknechten, lernten ihre Unarten und Rohheiten. und die Mutter war unglücklich darüber. „Was ist zu machen," wendete der Mann ein. „da nun einmal mein Lebenserwerv meine Anwesenbeit im Torte fordert. Iw wüble ja auch vier nickt im Golde, aber immerhin, ick verdiene etwas. Was kann ich in der Sradt arnanaen?" „Was soll aoer ans den Kindern werden? Sieh', wie stc deranmachsen. Rack unserm Adledev. werden ne ia nickt einmal Kadi'ck für unsere Seelen zu sagen willen, nick: eine Kerze werden sie an diesem Gedenktage anzünden. ' Ter Mann gab ibr :.n Herzen Recht und beschloß '.nt T rillen, ihren Ra;b zu befolgen. Tock verschob er die Ausführung vom Sommer aui den Winter, und vom Winter an* den Somnrer. Bald bawe er noch ein Geschäft ao zuwickeln. bald mußte er die ansllebenden Schulden vei den Bauern einkassiren. To zog sich die Tacke in dw uäuge. In zwischen orack im Torst und in der Umgebung eine Tvohn-eoidemie aas. die mit großer Heftigkeit grassirte. Auck Bas ja erkrankte. Einige Tage lang acktete mau nick' da rau ß Tie batten iick di? Gewohnheit der Bauern angeeignet, einen Kranke'! w lange das Bett büren zu lallen, dis er von selber ckstmd 'wurde, ohne einen Arzt zu ruAn, nur eine alte „kluge" Trau kann um zu „deivrecken" und ein beilkrätiiges Tränklein zu oraue-t. Tie Alte rbar ibr Benes, da Bas ja wegen ihrer Herzensgute unter der Bauerndeoölkeruitg sehr beliebt war. Tie wurde nickt müde, die Kranke täglich dreimal zu besprechen und irr kräftige Mittel einzugeben, um Tchweiß dervorzuwcken. Tock es halt nickts. Tie Krankheit nabm eine gefährliche Wendung und Joßel ranre llch endlich a'.G und rühr zur Tradt. um einen Arzt zr: holen. Ader alle Aerzw batten die Hände voll zu tbun, und so kam er mit der Versicherung beim, daß ein Arz: am nächsten Tage stck einGinden werde. Als Joßel zu Hause anlangte, fand er Basja als Leicke vor. „Tie fragte unaufhörlich nach Tir." erklärte ihm die alte Wärterin. „Warum biss Tu io spät gekommen? Tie batte Tir etwas so Dringendes zu sagen." Ter Gatte musterte das Gestckt der Todten. Tie schien zu schlafen und es war. als sckwebten aui ihren Livven noch die letzten Worte, die sie ibm anzuoerrrauen batte. mmmm