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Der Israelit · 1900-09-20 · Heft 76-77 (20.9.1900) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 76-77 (20.9.1900)
Date
1900-09-20
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1590 ein großer, lueldv ein heiliger Tag! Der Odem de- Lebens zieh: in die vom Todre in den Staub gestreckten Leiber wieder etit — es erwachen lauter kräftige Jünglinge, blühende Jungfrauen, strahlende Kinder! Eltern und Sorößlinae feiern fröhliches Wiedersehen. Welch' eine Luft' Auch seine selige Iran Rasia wird aufersteben . . . Ohne Zweifel, fte wird aufersteben. Sie war eine Gerechte. Aber wird es ihr froh sein 51; Mnthe? Wird sie sich trösten' Wird sie ihm verreiben? Und vlötzlich taucht ihr Bild rote lebendig vor ihm aus. Er siebt fte gang io schön, wie fte am ersten Tage naw der Ebutwa gewesen ift. Aber welch' eine tiefe Trauer töricht aus ihren lieben Zügen! Sie ringt die Hände wie verzmciftw. Und er weift, was ibr so weh tbnr! Er fühlt, wie sein Herr vor Zerknirschung dabinschmilz.-.. Nicht lange war es her, seitdem er ihr Grab besticht hatte. Der Hügel war verladen und öde. ‘J'itr tre Schweine suaueu ihn. dein' und darin mit ihrem unreinen '.Hii’"el. Ninaweder ein Denk nein, noch ein Bannt, nur Moobedeckte ca- Häuflein u. schwarze Ameisen wimmeln darüber. blicht weit davon rft der christliche Kirchhof, die Gräber darin sind non grünenden Baumen beschattet. Ein Jeder schläft inmirren der Seiuiaen. umgeben von naben Ber.vandten t:nd- Freunden — nur fte, fte ai.ei-l liegt in einen' öden, vetenAamlen Winkel. Auch im Tode ü’iit; sie getrennt von ibw bleiben. Weich' ein schrecrlicher Gedanke folgt ein einsame- Grab! „Ich, ich allein bin der Schuldige! Ich habe den Jammer über D'cb gebracht. Dt! reine Seele!" sagte sich Joßel, «nie t.m in seine::' ewenen Schmerze zu wühlen. „Mir ift es freilich auch nicht den er. iftaai meinem Tobte wird Keiner meine- Namenaedenken. Keiner wird Kaddirch rra-ch mir sagen. Keiner an meinem Gedenktage eine Kerze an zünden. Aber im. ich habe es ja nicht eener verdient, ut ernte, was ich. geftiet; doch wa rum mnßrert Du durch rnich leiden.' Warum'" Die vergangenen Tage zagen an seinem Geiste rorüber. Er rvobnis in eine.n Dorft. : nebre re Meilen weit von der Stadi. In dem Dvrft wohnten noch etwa zwölf indische Familien. Ai an batte ein Minjan im Dor'e. man breit einen Kind-erledrer. der auch die Funktionen des Schächters versah. Er selber, Joßel. boar ringsum gekannt als wohlhabender Bürger, Pachter des Weinhausts, woinir auch ein Kaufladen verbu.nden war. In seinem Hause war der Raum zum Gottesdienste ftir die kleine Gemeinde eingerichtet, dort befand sich auch das Schulzimmer. und der Lehrer hatte freien Ti'ch bei ihm. Seine Frau Basja. die in ihrer großen Herzensgüte mit Freuden Arme an ihrem Tische speiste, war besonders stolz und seelenvergnügt darüber, den Erfteber ihrer Kinder unter ihrem Dache zu beherbergen. All' ibr Sehnen ging dahin, daß ihre beiden Söhne, die ihr allein von einer ganzen Kinderschaar am Leben geblieben waren, zu srommen und kundigen Männern gediehen. Wie oft vergoß sie beim „Lichterbenschen" heiße Thränen im stillen Gebete, um von Gott die Erfüllung ihres Wunsches zu erflehen. Aus einmal aber brach der Jammer herein. Der Polizeimeister sing an. Untersuchungen anzustellen, ob dir im Dorre wohnenden Juden das Ansiedelungsrecht besäßen. Die Allermeisten konnten nicht Nachweisen, daß fte sich bier vor Erlaß de- Gesetzes niedergelassen haften, welches den Juden den Aufenthalt in den Dörfern unterGgte, und fte mußten daher unverzüglich ihren Wohnort vertanen, Rur Joßel und noch einer, ein blutarmer Mann, durfren bleiben. Der Fortgang von zehn Familien vernichtete die religiösen Einrichtungen. Das Minjan und die Schule wurden ausgeboben. Der Lehrer wurde entlassen, da Joßel allein nicht im Stande war, seine Bedürfnisse zu bestreiten. Nachdem die Gemeindeeinrichtungen zerstört waren, überftedelte auch der einzige Rachbar Joßels in die Stadt, da er der Meinung war, daß es nickt schwieriger sei. in der Stadt als im Dorre ein armer Mann zu sein. Rur Joßel konnte ftck nickt entschließen, sein Heimatbsdort zu verladen, in dem seine Eltern und Ureltern gewohnt, wo er geboren war. wo er die ganze Gegend ringsum, alle Felder und Gärren. Wälder und Berge kannte, oft vermochte nickt, ftch auszudenten, wie er an einem andern Owe. zumal in einer großen Stadt, leben könne. Das Stadtleben war ibm vollständig fremd. Außerdem war es ihm schwer, sein Geschäft zu verlassen. wie Eintünste waren freilich nickt allzu groß, aber ohne Hast und ohne viel Kopfzerbrechen zu verursachen was in der Großstadt nickt zu erreichen war. Er wußte, was dort die Eoncurrenz bedeutete, wie dort über einen, dürren Reichen zebn Hungrige fick stürzen, einander stoßen und drängen. Wozu sollte der Eiste stw noch zu ibnen gesellen' Freilich war es in der Stadt leichter, täglich das Gotteshaus zu besuchen und ein Minjan zu finden, auch andere Bortbeile in religiöser Beziehung bot die Stadt, — dock zu welchen Sünden zwang dort oft der Kamm' UN''s Dasein den Menschen. Jetzt, da er im Gotteshause stand, jetzt am Tage des Gerichts, da er alle seine Erlebnisse überdachte, und seine Gedanken einer genauen Prüfung unterzog, mußte er sich gestehen, daß nur Satan es war, der ihm vorsviegette. er laste ftch bloß von solchen Gründen leiten, indem er im Dorre zu verbleiben gedenke. In Wirklichkeit war dem nickt io. Er hatte nicht das rechte Gottvertrauen, daher fhat es ibm leid, seine liebgewordene Beschäftigung zu verlassen. Ja, noch mehr, im Herzen regte sich bei ihm etwas wie ein leiser Schimmer von Zufriedenheit darüber, daß die andern fort mußten, da er nun ihres Wettbewerbes ledig war. Er war sich de-

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