Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 76-77 (20.9.1900)
- Date
- 1900-09-20
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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1592 „Ich vergaß Dir zu sagen/' bemerkte die Wärterin, „daß der Aufseher hier war und gesagt hat, wenn Du nicht binnen einer Stunde kämest, würde die Tobte ohne Dein Beisein beerdigt werden. Wegen der Epidemie dürfen die Leichen nicht lange offen liegen bleiben." „Ich werde sie auf meinem Wagen nach der Stadt fahren," versetzte Joßel, der wie von einem schweren Traum besangen war. „Saget, Kinder, Tehillim," wandte er sich an seine Söhne, die weinend in einer Ecke saßen. Ter Wachtmeister erschien. Er war Joßels Freund. „Welch' ein Unglück hat mich ereilt!" jammerte Joßel. „Es ist Gottes Rath!" antwortete jener theilnehmend. „Aber sie muß rasch beerdigt werden, der Polizeimeister hat es angeordnet." „Ich spanne gleich das Pferd vor und fahre sie zur Stadt." „Nein, Freund," bemerkte jener. „In solcher Zeit ist es untersagt, eine Leiche eine so weite Strecke zu transportiren. Man wird ihr einen Platz an der Seite bei unserem Friedhose anweisen." „Was sprichst Du? Sie ist doch eine Jüdin!" . . . stammelte Joßel außer sich. „Thut nichts, wir werden sie am Laufgraben beerdigen." antwortete der Wachtmeister. „Uebrigens, was weiß ich? Der Polizeimeister befiehlt es." Joßel versuchte alles, was in seiner Macht lag, um dielen Beschluß zu entkräften, doch es war vergebens. Er mußte nachgeben. So war es seiner Frau nicht einmal gegönnt, zu „Kewer Israel" zu kommen. Mit Hülse eines Glaubensgenossen, der zufällig das Dorf passirte. bestattete Joßel seine Frau am Laufgraben christlichen Friedhofes. Jetzt konnte er sich nicht inehr entsinnen, ob es Tag oder Nacht war damals. In seinem Herzen herrschte nun eine Oede. Die Welt war für ihn zerstört worden. So lange ne lebte, hatte er ihren vollen Werth, trotz seiner großen Liebe zu ihr, nicht zu schätzen gewußt. Erst als sie von ihm gegangen >var für immer, fühlte er, daß sie alles Licht und alle Wärme aus seinem Leben mit sich genommen hatte. Die Zeit floß dahin: Joßels Söhne wuchsen heran zu stämmigen, kräftigen Kerlen. Jetzt fürchteten sie ihren Vater nicht mehr, im Gegentheil, es kam vor, daß er vor ihnen Angst empfand. Seit die Frau todt war, hatte sich seiner eine seltsame Schwäche und Widerstandslosigkeit bemächtigt. Er ließ die Dinge ihren Gang gehen. Die Söhne nahmen die Zügel des Geschäftes in ihre Hände. Immer deutlicher fühlte er die tiefe Entfremdung, die üe von ihm trennte. Sie waren in Gesinnung und Empfindungsweise ganz den Bauernknechten .ähnlich geworden. Wenn er sich ihnen in etwas widersetzte, konnte es sogar passiren, daß sie ihn nach Bauernart bedrohten. Jetzt trug er sich insgeheim mit dem Gedanken, sein Bellt',thum zusammenzuraffen und in die Stadt zu ziehen. Es war ihm in der Seele zuwider, mitansehen zu mästen, wie seine Söhne die religiösen Bräuche mit Füßen traten, sich immer mehr die ausgelastene Führung der Bauernjugend aneigneten, ohne daß er Muth und Kraft hatte, ihnen zu wehren, und ohne jede Aussicht, daß dies fruchten würde. In der Stadt hatte er die Hoffnung, ihrem Treiben die Zügel anlegen zu können, und hauptsächlich sie dem verderblichen Einfluß ihrer jetzigen Umgebung zu entreißen. Doch, so oft er davon sprach, widersetzten sich die Söhne. Nach langer Ueberlegung faßte er den Entschluß, ihnen Alles zu überlasten und mit einer kleinen Summe, welche die Söhne von einem der Jahrmärkte in dem nahegelegenen Dorfe heimbringen sollten, allein nach der Stadt zu ziehen. Er saß gerade in der Stube und wartete mit Schmerzen auf die Rückkehr der jungen Leute, als die Thüre sich aufmachte und der Aelteste der Bauernschaft hereintrat. Sein fettes, grobes Gesicht strahlte vor Freude. „Ich bringe Dir eine fröhliche Nachricht, Joßel," fing er mit schmetternder Stimme an. „Deine Söhne sind fixe Jungen, sie haben es fein gemacht!" „So, so, das ist hübsch; was haben sie denn gemacht?" fragte Joßel und eine beängstigende Ahnung schnürte seine Kehle zusammen. „Nun, was sollten sie machen," antwortete der Bauer schmunzelnd. „Gestern haben sie sich vom Popen in den Schoß unserer heiligen Kirche aufnehmen lasten." „Du scherzest, Jefimowitsch," schrie Joßel auf, „meine Söhne find ja zum Jahrmarkt gefahren, um Waare zu verkaufen. Heute sollen sie ja zurückkommen." „Ich weiß, ich weiß, Bruder," antwortete Jefimowitsch. „Sie hatten Waaren zu verkaufen und haben auch Alles verkauft, und gestern haben sie sich taufen lassen. Ich war Pathe." „Unmöglich, unmöglich, ich kann es nicht glauben," jammerte der unglückliche Later und raufte sich das Haar aus. „Wie konnten sie dies thun?" „Was wunderst Du Dich? .... Sie haben jetzt ein schönes Stück Geld in Händen, das sie für die Waaren einkastirt haben. Sie gedenken ein kleines Gut in der Nachbarschaft zu erwerben. Ich werde ihnen etwas hinzuschietzen, den Rest werden sie in der Bank bekommen. Jetzt haben sie ja das Recht, auf eigenen Namen Boden zu erwerben. . . . Nun, freust Du Dich nicht, dummer Joßel?" Jetzt, da er vor seinem Schöpfer steht, überdenkt Joßel alles, was er durchgemacht und ausgestanden hat. Sein Herz ist zerrissen, sein Geist ist gebeugt, sein Le-