Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 76-77 (20.9.1900)
- Date
- 1900-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1570 nungen belebt. Man erwartet, daß die neue Institution bald in Thätigkeit treten wird und Leute, die als gut unterrichtet gelten, wollen bereits die Richtung kennen, in welcher sich diese Thätigkeit bewegen dürfte. Es soll zunächst allen Personen, denen der Aufenthalt im Innern Rußlands gestattet ist, erlaubt sein, ihre unterstützungsbedürftigen Eltern dauernd um sich zu haben. Ferner sollen alle im Innern Rußlands lebenden jüdischen Handwerker, welche durch Alter oder dauernde Krankheit an der Ausübung ihres Handwerks verhindert sind, nicht wieder nach dem Ansiedelungsrayon ausgewiesm werden. Endlich sollen die Kinder der außerhalb des Ansiedelungsrayons lebenden jüdischen Gelehrten und Handwerker nach erlangter Majorität nicht mehr ausgewiesen werden, selbst wenn sie weder einen akademischen Grad erworben noch ein Handwerk erlernt haben. Letztere Erleichterung würde insofern von unübersehbarer Tragweite sein, als dadurch in der das Ansiedelungsravon umgebenden unsichtbaren chinesischen Mauer eine weite Bresche gelegt würde, durch welche zahlreiche Juden in das Innere Rußlands dringen und da für alle Zeiten sich aufhalten könnten. Kerrilletoit <Lm Schritt vom Wege. Jüdische Wovelte von Arnold Mann. 17] „Ach nein, Papa!" erwiederte Jda, „sieh mal, es ist so wunderschön draußen, ich setze mich noch eine Weile in unsere Laube im Garten und lese. — Ja, Papa?" „Ra, aber nicht zu lange!" Das „Lernen" nahm seinen Fortgang. Aber mich vermochte es nach dem, was ich eben gehört hatte, noch viel weniger in seinen Bannkreis zu ziehen, als vorher. In einer fürchterlichen Aufregung saß ich da. Meine Pulse jagten förmlich, und während ich mit meinen Augen in das heilige Buch starrte, welches vor mir lag, tobte in meinem Innern ein Kampf ohnegleichen. Jda im Garten! Allein im Garten! Da war sie ja, die Gelegenheit, die ich so heiß ersehnte, wo ich ihr das Berliner Album überreichen konnte, wo ich sie fragen konnte, ob sie in der That am Bahnhof den Unglückszug erwartete, und warum sie ihn erwartete! Jda allein im Garten! Rur wenige Schritte, und ich konnte mich an ihrem holden Anblick erlaben, konnte ihre Stimme hören, konnte glücklich sein, überglücklich! Die Versuchung lockte mich mit bezwingender Gewalt und gaukelte mir die Wonne einer süßen Stunde da unten im Garten vor die Seele. Und ich widerstand ihr gar nicht, der Versuchung!? Willenlos lieferte ich mich ihrem Ansturm aus? O nein, ich kämpfte! Leo, rief es in mir, du sitzest hier an diesem heiligen Tische, in dieser heiligen Nacht! Dich umtönen die Morte der Gotteslehre, deren Geburtsfest wir heute begehen, die dir doch bisher Labsal gewesen und süße Erquickung! Warum stören sie dich heute, diese Töne? Warum? Wo ist denn die heitere Ruhe, mit der du sonst diesem deinem einzigen Genuß entgegengingst? Wo ist sie hin? Es ist nichts Gutes, Leo, nichts Reines, was in dir lebt! Sonst würde es dir nicht die Ruhe rauben und dir nicht Störung bedeuten in dieser gottgeweihten Stunde! Erwache, Leo! Du bist eingeschläsert mit deinem besseren Selbst, eingeschläfert durch diese Leidenschaft, die dich überkam mit ihren Zuflüsterungen! Erwache! Denke zurück! Rur zwei Tage denke zurück, wo bei jenem schrecklichen Ereigniß Gottes schützende Fittige dich bargen! Hast du sie schon vergessen, die Mahnung jener wundersam schauerlichen Stunde, die deutliche Mahnung, daß das unentwegte Ausharren auf dem heiligen Gottespfade dir Schutz gewesen vor dem nahenden Verderben? Du wolltest dein Morgengebet zur rechten Zeit verrichten — das war deine Rettung! Du wolltest dir selber treu sein, wie du es als dein Ideal erkannt, und erfuhrst den Segen deiner Treue noch in derselben Stunde! Keinen Schritt vom Wege wolltest du gehen — und dein Entschluß war gut und folgerichtig, und du trügest dein Leben davon durch diesen Entschluß! — Und nun, Leo, nun willst du ihn thun, den Schritt vom Wege? Willst hingehen von dieser Versammlung, über der der Geist Gottes schwebt, und willst hinunter eilen in den duftenden Garten, dem ahnungslosen Mädchen entgegen? Kennst du nicht jenes warnende Wort aus den „Sprüchen der Väter": Wer des Weges geht und lernt in der Gotteslehre und unterbricht sich und spricht: „Wie schön ist diese Flur, wie herrlich dieser Baum," der verschuldet sich an seiner Seele!? Auch du verschuldest dich an deiner Seele! Erwache, Leo! Ja, ich kämpfte! Es war ein fürchterliches Ringen, aber — die Leidenschaft bot ihre zuverlässigsten Waffen auf; jeden Einwand, den mein Gewissen auf den Plan führte, schlug sie mit den verführerischen Bildern darnieder, welche sie mir von dem innern Blick erstehen ließ. Gehe nur, rief sie mir zu. Thor, der du bist! Du bist ja so aufgeregt, hast Kopfschmerzen! Es hämmert dir das Blut in den Schläfen, daß dir schier die Adern zerspringen! Gehe nur! Die milde Frühlingsluft da drunten wird dir gut thun! Du bist nicht wohl, Leo! Erfrische dich ein bischen im Garten — dann wirst du nachher