Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 76-77 (20.9.1900)
- Date
- 1900-09-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449121--51600-2502117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1571 einen Hellen Kopf haben, um an der gelehrten Diskussion dieser Männer theilzunehmen! Und ich unterlag. Der große Garten lag finster und stumm. Zarte Düfte entströmten den vollerblühten Rosenstöcken, und die breiten Aprikosenbäume streckten ihre mit köstlichen Blüthen behangenen Aeste zum dunklen Nachthimmel empor. Der aber wölbte sich mit seiner Sternenpracht verschwiegen zu meinen Häupten und schaute aus seiner weltfernen Höhe auf den thörichten Leo Gottschalk herab, wie er unsicheren Schrittes dem schwachen Lichtschein nachschlich, der ganz am Ende des Gartens durch das grüne Buschwerk leise hindurchschimmerte. Von der Laube kam er her, dieser Lichtschein, und er zog den einsamen Wanderer an wie die Flamme den Falter. — „Guten Abend, Fräulein Jda!" rief ich leise, als ich an dem Eingang zur Laube angelangt und das blonde Haar des lesenden Mädchens hinter der hohen Stehlampe erblickte. „Ah — Sie sind da?" antwortete sie nicht ohne Verwunderung und klappte auch schon das Buch zu. Ich trat in die Laube ein. „Mich schmerzt der Kopf!" sagte ich, mir mit zitternder Hand an die Stirn fassend, „ich mußte ein wenig in die Luft gehen!" „Armer Mensch!" erwiederte sie, mit sorgenvoller Zärtlichkeit zu mir aufbliüend, „was Sie auch in diesen Tagen Alles durchzumachen hatten! Es ist wahrhaftig kein Wunder!" Wie zehrendes Feuer drang mir ihr Blick in die Seele. Und doch war mir so wohl dabei, so unendlich wohl! Viel wohler, als droben in dem dumpfen Saal unter dem Gewirr der vielen Stimmen! Wie anders muthete mich diese Stimme an, als sie traurig fortfuhr: „Und wir — wir gerade waren es, auf deren Veranlassung Ihnen all das Schwere begegnet ist!" „Aber Fräulein! Ich that nur meine Pflicht! Und ich that sie diesmal doppelt gern, weil ich auch Ihnen einen winzigen Dienst erweisen durfte-!" Ganz leise hatte ich das Letzte hinzugesetzt, und als sie schwieg, gedachte ich das peinliche Gefühl, welches mich beschlich, durch einen plötzlichen Griff in meine Tasche zu verscheuchen, aus der ich die grüne Mappe hervorzog. Ich übergab sie ihr und sprach: „Ein kleines Andenken habe ich mir erlaubt. Ihnen mitzubringen-" und schnell setzte ich, wie entschuldigend hinzu: „Sie haben mich ja auch für die Reise so liebenswürdig versorgt!" Sie schien den Doppelsinn dieser Worte nicht zu erfassen. Mit ehrlichem Erstaunen blickte sie zu mir auf. Ob sie ahnte, daß es doch nicht ausschließlich die Kopfschmerzen waren, die mich in den Garten getrieben hatten? „Ich danke Ihnen," sagte sie, mir die Fingerspitzen ihrer Rechten reichend und schlug die Mappe auf. „Aber wirklich — herrlich!" rief sie, die Blätter besichtigend. „Und in den paar Stunden, die Ihnen in Berlin zur Verfügung standen, haben Sie an mich gedacht?" „Wundern Sie sich darüber?" „Mich dünkt doch, Sie hätten besser gethan, sich dafür Berlin ein wenig anzusehen!" war ihre Antwort. „Auch das habe ich gethan! Und doch, keinen Moment hatte ich daran vergessen, daß mir in der Heimath eine so wackere Vertheidigerin lebt!" Sie schlug die Mappe zu und erhob sich. „Wollen wir nicht ein bischen umhergehen?" fragte sie, „das wird Ihrem Kopfe wohler thun, als das Stehen in der Laube!" So wunderten wir eine ganze Weile schweigend durch den Garten, der herrliche, blumenumsäumte Wege und dunkle Laubgänge aufwies. Kein Ton war rings zu hören. Nur der Nachtwind strich leise durch die Büsche und von Zeit zu Zeit sank vor unfern Augen ein Blüthenblättchen von den Fruchtbäumen lautlos zur Erde. Endlich brach Jda das Schweigen. „Ja, ich habe Sie vertheidigt!" Sie knüpfte an meine letzten Worte an, über die sie also nachgedacht haben mußte. „— ich habe Sie vertheidigt, weil-weil — Sie so ganz anders sind, als-die Andern-! Wie kommt das eigentlich?" setzte sie dann rasch hinzu. Und da begann ich ihr zu erzählen. Mein ganzes Leben und Denken legte ich vor ihr blos. Ich erzählte ihr von meinem Elternhaus, von Salomon's Abfall, von meinen Entschlüssen und Vorsätzen, von meinem Eifer und meiner Wachsamkeit. Nichts verschwieg ich ihr, was irgend dazu beitragen konnte, ihr das Ideal meines Lebens klarzumachen. Aber es war mir schwer dabei zu Muthe. Denn wie ich, in die Vergangenheit zurückdenkend, vor diesem Mädchen von dem Heiligsten sprach, was ich mein nannte, wie ich ihr als Beispiel für meine Konsequenz auch die ganze Art- und Weise nicht verschwieg, auf die ich vorgestern dem Eisenbahnunglück entrann-da meldete sich in meinem Innern immer deutlicher, immer drohender die Stimme des Gewissens! Ich log ja! Ich hatte ja jetzt eben erst, in dieser Stunde, nicht einmal die Kraft besessen, mir treu zu bleiben! Ich war ja der Versuchung unterlegen, die mir mit eiserner Faust in die Seele griff! Wo war ich denn geblieben mit de'' Konsequenz, deren ich mich eben rühmte? Ich sprach mit dem Munde von meiner religiösen Gewissenhaftigkeit, von meiner Scheu vor Allem, was mir diese Gewissenhaftigkeit stören konnte — und in